Digitalisierung der Berliner Verwaltung

Großer Plan, kleiner Fortschritt – Ist der digitale Schülerausweis nur PR?

In Berlin sollen digitale Schülerausweise eingeführt werden. Sie sollen auch als BVG-Tickets dienen. Das Projekt ist grandios – und wird zu einer Posse.

Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU): viele Zukunftsversprechen
Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU): viele ZukunftsversprechenBenjamin Pritzkuleit

Katharina Günther-Wünsch (CDU) hatte schon bessere Tage. Momentan steht die Berliner Bildungssenatorin als Tennisspielerin in den Schlagzeilen. Sie schlug Filzkugeln mit ihrem Partner, dem Regierenden Bürgermeister, als der sich besser als Katastrophenmanager inszeniert hätte. Ein PR-Desaster, das auch der Senatorin etwas Wind aus den Segeln genommen hat.

An besseren Tagen präsentiert sich Berlins „First Lady“ gern als Kämpferin für den Fortschritt. Unermüdlich bringt sie die Senatsverwaltung für Bildung auf Vordermann. Auch für das noch junge Jahr hat Günther-Wünsch genug Zukunftsversprechen parat. Eines ist besonders groß: Sämtliche Schüler der Stadt sollen mit digitalen Schülerausweisen beglückt werden, die gleichzeitig als Tickets für den Nahverkehr dienen. Ein Wahnsinnsprojekt, das wirklich staunen lässt.

Schülerausweise sehen in Berlin sehr unterschiedlich aus

Bisher müssen Schülerausweise in Berlin von den Eltern bei der jeweiligen Schule beantragt werden. Es gibt riesige Unterschiede. Mancherorts werden noch Pappkärtchen ausgestellt, anderswo Scheckkarten. Es gibt natürlich auch hier Bestimmungen. Zum Beispiel muss das Passbild auf Pappkärtchen „teilweise vom Kleinen Schulstempel abgedeckt“ werden. Weil sich die Ausweise sehr unterscheiden, wird nicht jeder überall anerkannt, wo Ermäßigungen zu haben wären.

Noch problematischer ist die Beantragung von Schülertickets für den Nahverkehr. Den dürfen Schüler in Berlin seit 2019 zwar kostenfrei nutzen. Sie brauchen dafür allerdings noch einen Extra-Ausweis der BVG. Den zu bekommen, wird schnell zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Auf der BVG-Website ist oft nichts zu machen. Softwareprobleme sind schon mal über Monate unlösbar. Also müssen die Eltern zum BVG-Servicecenter. Mit der Papp- oder Scheckkarte. Vor diesen Centern gibt es oft sehr lange Warteschlangen. Wer bis zum Schalter vordringen will, muss sich vorsichtshalber einen Tag freinehmen.

Derzeit ist oft von ihrem Freizeitsport die Rede: Katharina Günther-Wünsch beim Tischtennis.
Derzeit ist oft von ihrem Freizeitsport die Rede: Katharina Günther-Wünsch beim Tischtennis.Jörg Carstensen/dpa

An diesem Irrsinn sind schon Abertausende Eltern verzweifelt. Nun soll er also endlich der Vergangenheit angehören. Es ist ein Epochenumbruch. Man muss der Bildungssenatorin zugutehalten, dass ihr die historische Dimension bewusst ist. Sie hat sich dafür auch gebührend feiern lassen.

„Der neue Berliner Schülerausweis steht für eine moderne, bürgernahe Verwaltung“, erklärte die Senatorin, als ihr und den Verantwortlichen aus der Verwaltung neulich ein Preis verliehen wurde. Von der Berliner Verwaltung, die sich also selbst auszeichnete.

Zwei Fliegen würden durch das neue Wunderding mit einer Klappe geschlagen, hieß es vonseiten der Jury bei einem Festakt im Roten Rathaus: „Der Bearbeitungsaufwand wird deutlich reduziert und zugleich der Service gesteigert – zugunsten von Schulen und Familien.“ Den Juryvorsitz hatte eine Dame inne, die ihres Zeichens „Chief Digital Officer“ der Berliner Verwaltung ist.

Günther-Wünsch verspricht zwei „3-in-1-Lösungen“

Günther-Wünsch schien angesichts der Ehrung völlig aus dem Häuschen. Berauscht von der Innovationskraft ihrer Behörde, sprach sie von einer „2-in-1-Lösung“, die „den Alltag von rund 400.000 Schülerinnen und Schülern erleichtern“ werde. „Zugleich setzen wir ein starkes Zeichen für Digitalisierung, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit.“

Das sind ja nun gleich drei Dinge. Günther-Wünsch hätte also durchaus von einer „3-in-1-Lösung“ sprechen können. Selbst die Rede von zwei „3-in-1-Lösungen“ wäre nicht völlig übertrieben gewesen, wenn man bedenkt, dass der neue Ausweis „perspektivisch auch als App verfügbar sein“ soll.

Das Wörtchen „perspektivisch“ ließ nun allerdings Bedenken aufkommen. Wann genau wird es denn so weit sein? Bei der Feierstunde im Rathaus schien es, als würden bereits die ersten Schüler mit dem Ausweis auf dem Handy herumlaufen.

Wir haben bei der Senatsverwaltung für Bildung nachgefragt. „Der digitale Schülerausweis befindet sich derzeit in der Entwicklungsphase“, war die ernüchternde Antwort. „Gegebenenfalls kann er in der zweiten Jahreshälfte zum Einsatz kommen. Das steht aber noch nicht fest.“

Es klingt, als würde die Zukunft weiter auf sich warten lassen. Dit is Berliner Politik: große Klappe, wenig dahinter.

Aber das Ganze hat auch sein Gutes. Wenn wirklich alle „rund 400.000 Schülerinnen und Schüler“ den Ausweis bekommen sollen, wie Günther-Wünsch erklärt, werden auch alle ein Smartphone brauchen. Auch alle Erstklässler. Gut, dass uns diese Diskussion zunächst erspart bleibt. Und damit zurück zum Tennis.