Hauptstadtkoloss

Kaputt, gestrandet, aber weigert sich zu sterben: Warum ganz Berlin auf Timmy schaut

Ein Buckelwal sitzt im seichten Wasser der Ostsee fest. Wer an der Spree lebt, spürt bei diesem absurden Spektakel eine unheimliche Vertrautheit.

Ein Koloss im Flachwasser: Schwerfällig ragt der Rücken von Buckelwal Timmy aus der Ostsee. Unser Autor sieht in dem festsitzenden, aber zähen Riesen das perfekte Spiegelbild der ewigen Berliner Havarie.
Ein Koloss im Flachwasser: Schwerfällig ragt der Rücken von Buckelwal Timmy aus der Ostsee. Unser Autor sieht in dem festsitzenden, aber zähen Riesen das perfekte Spiegelbild der ewigen Berliner Havarie.Bernd Wüstneck/dpa

Vor der Insel Poel liegt ein tonnenschweres Drama im seichten Wasser der Ostsee. Timmy, ein abgemagerter Buckelwal, verheddert in alten Netzen, schlägt ab und zu mit der Fluke, wälzt sich ein paar Meter, um sofort auf der nächsten Sandbank wieder festzusitzen. Am Ufer stehen Helfer im hüfttiefen Wasser, übergießen die rissige Haut mit Gießkannen, debattieren über Hebekissen und Bagger, die den Meeresboden wegspülen sollen.

Wer dieses Bild der gestrandeten, schwer atmenden Kreatur sieht und an der Spree lebt, spürt eine unheimliche Vertrautheit. Timmy ist mehr als ein verirrter Meeressäuger. Er ist das feuchte, atmende Spiegelbild unserer Hauptstadt.

Die Simulation von Bewegung

Der Aktionismus an der Küste ist beispiellos. Es ist ein verzweifelter Kraftakt, getrieben von der romantischen Hoffnung, man könne eine Masse, die sich tief in den Meeresboden gegraben hat, mit Schläuchen und purer Willenskraft wieder auf Kurs bringen. Auf den Straßen Berlins herrscht genau dieser Reflex. Anstatt anzuerkennen, dass der gigantische Organismus feststeckt, wird unermüdlich Bewegung simuliert.

Der Machbarkeitswahn prallt dabei mit schöner Regelmäßigkeit komödiantisch auf die Realität: Da träumt die Politik allen Ernstes von einer futuristischen Magnetschwebebahn durch die Innenstadt, während die Bürger einen inoffiziellen Telegram-Bot brauchen, um einen Termin für die Ummeldung beim Bürgeramt zu ergattern. Man gießt metaphorisch unablässig mit der kleinen Küsten-Gießkanne über den trockenen märkischen Sand. Die Taskforce im Rathaus und die Helfer an der Ostsee teilen ein Schicksal: Sie schaffen eine Illusion von Dynamik, wo in Wahrheit längst alles stillsteht und ächzt.

Die Erlösung durch das Scheitern

Das eigentliche Phänomen ist jedoch nicht das Scheitern der Rettung, sondern unsere unstillbare Faszination dafür. Das Drama des Wals wird per Livestream in die Wohnzimmer übertragen, genauso wie wir jeden neuen Tiefpunkt der Berliner Havarie – von fehlenden Stimmzetteln bis zum ewig kollabierenden Nahverkehr – genüsslich in Talkshows und Leitartikeln sezieren. Wir konsumieren den Überlebenskampf. Und genau hier liegt die unbequeme Wahrheit: Die unablässig scheiternde Rettung ist uns hochgradig nützlich.

Wenn ein gewaltiges System trotz Gießkannen, Pontons und Milliardenbudgets einfach nicht vom Fleck kommt, schrumpft die eigene Handlungslosigkeit auf ein erträgliches Maß. Berlins ständiges Feststecken ist der perfekte psychologische Freibrief. Ein geheilter, reibungslos funktionierender Patient würde uns der wohligen Rolle berauben, in der wir uns bestens eingerichtet haben: die der tragischen Beobachter am Ufer, die bedeutungsvoll den Kopf schütteln und ja doch immer wissen, wie es eigentlich besser ginge.

Solange der Koloss röchelnd im Flachwasser liegt, aber stur den finalen Tod verweigert, dürfen wir weiter zuschauen und uns mit unseren eigenen kleinen Gießkannen ungeheuer wichtig fühlen. Die Strandung auf Raten ist kein Unfall, den wir bedauern. Sie ist unsere bequemste Ausrede.