Die mögliche Vertuschung eines mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs in einer Neuköllner Jugendeinrichtung sorgt unter Kurden für Entsetzen. „Hier ging offensichtlich Täterschutz vor Opferschutz“, sagte der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGD), Ali Ertan Toprak, am Donnerstag der Berliner Zeitung. „Wir erwarten, dass endlich Konsequenzen gezogen werden und dieser Fall aufgearbeitet wird.“
Im März war bekannt geworden, dass eine 16-jährige kurdische Schülerin erstmals im November und dann im Januar im Jugendklub an der Wutzkyallee von neun arabischen Jugendlichen sexuell belästigt, vergewaltigt und mit einem Video der Tat erpresst worden sein soll.
Die Klubleitung und das Jugendamt entschieden sich monatelang dagegen, die Polizei einzuschalten, wie auch das Bezirksamt bestätigte. Man habe die Tatverdächtigen wegen ihres Migrationshintergrundes nicht „stigmatisieren“ wollen. Erst nachdem die Bild-Zeitung am 11. März darüber berichtete, bekamen die mutmaßlichen Täter Hausverbot in dem Klub.
Zuständig für Klub und Jugendamt ist Neuköllns Jugendstadträtin Sara Nagel von der Linkspartei. „Mich wundert nicht, dass man bei der Linkspartei glaubt, durch Vertuschung Migranten zu schützen. Aber so hat man die AfD groß gemacht. Der aktuelle Fall ist ein exemplarisches Beispiel dafür“, sagt der KGD-Vorsitzende dazu. „Wir wollen aber nicht, dass Täter geschützt werden, weil sie einen Migrationshintergrund haben.“ Toprak fordert, dass die zuständige Stadträtin zurücktritt. Diese weist die Vertuschungsvorwürfe zurück.
Aus den Gesprächen, die er mit den Mitgliedern führt, weiß Ali Ertan Toprak: „Die kurdische Community ist ziemlich sauer auf die Linkspartei. Ich denke, dass das Konsequenzen auf das Wahlverhalten haben wird.“ Gerade die Linke Neukölln habe sich in den vergangenen drei Jahren mit Islamisten und israelfeindlichen Kräften solidarisiert.
Kurdenfeindlichkeit unter Türken und Arabern
Nach Topraks Worten haben kurdische Organisationen beschlossen, die Stadträtin und Vertreter der Linkspartei nicht mehr zu ihren Veranstaltungen einzuladen.
Mehrere kurdische Frauenorganisationen, die in der Vergangenheit die Linke unterstützten, hatten bei einem Treffen mit der Stadträtin das Verhalten des Bezirksamtes kritisiert. Doch Nagel soll erneut darauf bestanden haben, dass der Fall nicht von der falschen Seite instrumentalisiert werden dürfe.
Der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde hält es für denkbar, dass bei den Missbrauchsfällen eine latente Kurdenfeindlichkeit unter den türkischen und arabischen Tatverdächtigen eine Rolle gespielt hat. Weil kurdische Gruppen im Nahen Osten Widerstand gegen den „Islamischen Staat“ geleistet haben, seien sie bei Islamisten verhasst.
Schulsenatorin fordert Freistellung der Jugendamtsleiterin
Der Jugendklub an der Wutzkyallee ist derzeit geschlossen. Nach Angaben von Ermittlern wurden Beamte des zuständigen Abschnitts 48 schon des Öfteren dorthin alarmiert. Im Kontext von Jugendgruppengewalt sind Jugendliche dort schon mehrmals auffällig geworden.
Die Ermittlungen zu den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen werden inzwischen nicht mehr von der Kripo des Polizeiabschnitts geführt, sondern von dem für Sexualdelikte zuständigen Kommissariat des Landeskriminalamtes.

Jugendstadträtin Nagel ließ eine Erklärung veröffentlichen, in der es unter anderem heißt: „Es gab keinerlei Versuch, die Vorwürfe zu vertuschen. Die Mitarbeitenden der Einrichtung sowie die zuständigen Mitarbeitenden im Jugendamt haben mehrfach über die Vorfälle in der Einrichtung und den richtigen Umgang damit gesprochen. Dabei wurden auch die Kinderschutzkoordination des Bezirksamtes sowie Einrichtungen zur Beratung im Umgang mit sexueller Gewalt einbezogen.“ Und die Linke Neukölln spricht von einer „rassistischen Instrumentalisierung der Vorfälle“ durch Politiker.
Nur zögerlich kommt die Aufarbeitung in Gang. Personelle Konsequenzen gab es im Bezirksamt Neukölln bisher nicht. Am Mittwoch gab es in der Senatsverwaltung für Bildung eine Runde mit Vertretern des Bezirks und der Polizei. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) sagte am Donnerstag im Bildungsausschuss: „Nach dem, was gestern besprochen worden ist, fordere ich die Bezirksstadträtin auf, die Jugendamtsleiterin und Mitarbeiter des Jugendamtes freizustellen, bis diese ganzen Vorfälle aufgeklärt sind. Weil momentan im Raum steht, dass ganz bewusst Rechtsgrundlagen im Sinne des Kinderschutzes eines minderjährigen Mädchens bewusst missachtet worden sind.“
Ihre Verwaltung hat einen Fragenkatalog an das Bezirksamt geschickt. Vieles sei ungeklärt, sagte Bildungsstaatssekretär Falko Liecke. Der Bezirk habe eine Aufarbeitungskommission angekündigt. „Aber mehr konnte der Bezirk mir nicht sagen. Er konnte weder benennen, in welchem Rahmen und mit welchen externen Partnern das stattfindet. Das sind alles Punkte, die irritieren mich stark, um das freundlich auszudrücken.“
„Neukölln ist kein Berliner Problem. Es ist ein deutsches“
Der Publizist Tobias Huch hat derweil in dem Neuköllner Fall Parallelen zu dem berüchtigten Grooming-Skandal in Großbritannien ausgemacht. Über Jahrzehnte wurden unter anderem in Städten wie Rotherham, Telford, Rochdale und Bradford insgesamt mehrere tausend minderjährige Mädchen aus sozial schwachen Verhältnissen mit Drogen und Alkohol gefügig gemacht und systematisch sexuell missbraucht. Die Täter waren überwiegend Männer pakistanischer Herkunft, weshalb Polizei und Sozialdienste die Fälle ignorierten und vertuschten – aus Furcht vor Rassismusvorwürfen.
„Das Opfer in Neukölln ist kurdischer Herkunft. Die mutmaßlichen Täter sind arabischstämmig. Kurden erleben in Deutschland eine doppelte Diskriminierung – durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft und durch arabische oder türkische Mitmigranten, die Kurden als minderwertig betrachten“, schreibt Tobias Huch auf der Plattform Substack. „In Großbritannien war es dasselbe Prinzip mit anderem Vorzeichen: Vorwiegend pakistanische Täter betrachteten weiße britische Mädchen aus Arbeiterfamilien explizit als ‚gori‘ – als Frauen ohne muslimische Ehre, die deshalb keine Rücksicht verdienten. Ein anderes Opferprofil, dieselbe Täterlogik: Die Schwächste im Raum ist die, die man ungestraft angreifen kann.“
Der Autor weiter: „In Neukölln wollte man ‚Muslime nicht stigmatisieren‘. In Rotherham hatte man Angst vor dem Label ‚Rassist‘. In beiden Fällen zahlten Mädchen den Preis für die moralische Feigheit von Erwachsenen in Verantwortung.“ Die Muster seien identisch: Täter aus patriarchal geprägten Milieus, die Mädchen aus verletzlichen Verhältnissen systematisch missbrauchen. Behörden, die wegschauen, weil sie Angst haben, als rassistisch oder islamfeindlich zu gelten. Politikerinnen und Politiker, die erst handeln, wenn der öffentliche Druck unerträglich wird.

