Therapie

„Träumen mit den Beinen“: Wie Parkinson-Patienten sich zurück ins Leben tanzen

Zum Welt-Parkinson-Tag am 11. April geht es oft um Forschung. Wie Parkinson den Alltag verändert, zeigt ein Tango-Kurs in einem Hinterhof an der Hasenheide.

Marita Lutz mit ihren Teilnehmern
Marita Lutz mit ihren TeilnehmernMarita Lutz/André Beinke

Marita huscht über den hellen Holzboden ihres Tanzstudios am Hermannplatz, zieht das Handy aus der Tasche, steckt das Kabel in die Anlage und lässt den ersten Tango durch die kleinen Boxen laufen. Sonnenlicht fällt durchs Fenster auf das Parkett. Draußen im Hof stehen Lieferwagen, gegenüber Backstein, Werkstattfassaden, Fahrräder. Dann klingelt ihr Telefon. Eine Teilnehmerin ist dran. „Ja, Sie können den anderen Eingang nutzen – ja gerne, bis gleich.“ Der Seiteneingang hinten rechts im Hof ist barrierefrei. Nicht alle brauchen ihn.

Ein paar Meter drängen am Herrmannplatz Menschen mit Einkaufstüten vorbei, Busse bremsen, andere verschwinden in die U8. Schnell noch die Treppe runter, einem E-Scooter ausweichen, den Anschluss kriegen – in dieser Stadt passiert Bewegung oft ohne Nachdenken. Für Menschen mit Parkinson ist genau das irgendwann nicht mehr selbstverständlich.

Zurück in den Hinterhof an der Hasenheide: Dort wird an diesem Dienstag das geübt, was für andere wie automatisch abläuft: gehen, stehen, nicht stürzen. In Maritas Tanzstudio beginnt der Nachmittag langsamer. Keine Hektik, kein Gedränge, kein Großstadtstoß. Erst mal Stuhlkreis. Erst mal ankommen. In der kleinen Sitzecke stehen schlichte Holzstühle um runde Tische, an der Wand hängt ein Holzschriftzug: „Tanz mit deinem Herz“. Auf einem Blatt Papier neben der Anlage steht: „Musik nur bei geschlossenem Fenster!“

Das Studio wirkt nicht wie ein Therapieraum. Eher wie ein Mischung aus Tanzschule und Kiezort. Vorne der große Saal mit Spiegelwand und violettem Tresen, hinten rosa Wände, dunkle Vorhänge, Prospekte auf den Fensterbänken. An einer Wand steht: „Tanzen ist wie Träumen mit den Beinen.“ Ein Satz, der schnell kitschig klingt. Nur heute nicht.

Wer heute hier ist, kommt nicht für die große Geste des Tangos. Sondern für etwas, das viel kleiner aussieht und viel größer ist: sicher stehen, vorwärtsgehen, das Gleichgewicht halten, mit einem Körper umgehen, der nicht mehr selbstverständlich gehorcht. Parkinson ist die am schnellsten wachsende neurologische Erkrankung der Welt; der internationale Aktionstag am 11. April erinnert jedes Jahr daran. Seit 1997 wird er am Geburtstag von James Parkinson begangen.

Wenn das Gehen plötzlich zu Arbeit wird

„Die erste Frage ist, wie es euch geht“, sagt Marita. „Körperlich. Und mental. Von eins bis zehn.“ Die Antworten kommen ruhig, fast nebenbei. Fünf. Sieben. Acht. Müde. Ganz okay. Noch ist das hier mehr Lagebesprechung als Tanzstunde.

Es wird ein bisschen über die U8 gewitzelt, auch dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Doch am Ende haben schon alle ein erstes Grinsen im Gesicht. Erst das zweite Mal sind heute alle zu Maritas neuem Tanzkurs gekommen. Es fühlt sich schon jetzt wie eine Gemeinschaft an.

Dann gibt Marita einfühlsam die ersten Takte vor. „Schauen wir mal, wie sich das heute entwickelt“, sagt sie fast flüsternd. Alle wippen im Stuhlkreis zuerst mit den Händen nach innen und außen, tippen mit dem rechten Fuß und zählen laut: „Eins, zwei, drei, vier.“ Wieder und wieder. Das wirkt fast meditativ. „Wir bringen dadurch den Kreislauf in Bewegung“, sagt Marita „Denn unser Körper und unser Kopf sind wie ein Motor. Den muss man anschmeißen, damit man in die Gänge kommt.“

Vor dem langen Spiegel zählt erst einmal nicht Eleganz, sondern Stand. „Schaut jetzt mal auf eure Füße“, sagt sie. „Laufen ist das A und O.“ Alles stehen auf, stellen die Stühle beiseite. Dann kommt der rechter Fuß, Knie, Hüfte, Schulter.

Vorwärts. Rückwärts. Gewicht verlagern. Manche schauen konzentriert nach unten, als würden sie mit ihren eigenen Schuhen verhandeln. Andere gucken in den Spiegel, der ihre Bewegungen verdoppelt und kleine Unsicherheiten sichtbar macht.

Marita tanzt die Schritte vor.
Marita tanzt die Schritte vor.André Beinke/Berliner Zeitung

Marita schaut oft selbst in den Spiegel, wenn sie spricht. So sieht sie alle zugleich. Aus der Runde kommt später, nachdem sie wieder gelobt hat, ein trockener Kommentar von Rudolf: „Wieder ein Lob.“ Alle lachen. Auch das gehört zu diesem Raum: dass hier nicht nur an Schritten gearbeitet wird, sondern an Würde ohne Pathos.

Was dabei passiert, ist medizinisch nicht bloße Einbildung. Eine systematische Übersichtsarbeit kam 2021 zu dem Ergebnis, dass Tanz bei Parkinson unter anderem Gleichgewicht, Gehen, Lebensqualität und Behinderungsgrad verbessern kann – auf mittlerem Evidenzniveau. Fachleute beschreiben zudem, dass rhythmische Reize Bewegungen erleichtern können, die sonst stocken. Oder einfacher: Musik kann dem Körper eine Spur legen, der er wieder folgen kann.

Vier Schritte vor, dann wird es kurz leichter

Später gehen sie zu zweit. Vier Schritte nach vorn, auf der Stelle, dann ein Wechsel. Mal führt die eine, mal die andere. Eine Teilnehmerin zittert am Anfang noch deutlich stärker als nach einigen Minuten. Dann wird das Zittern kleiner. Fast verschwindet es. Dafür wird sie stiller. Nicht, weil sie weniger da wäre. Sondern weil die Übung Kraft kostet. Alles scheint nun in diese wenigen Abläufe zu gehen: rechts ansetzen, vorwärts, stoppen, warten, neu beginnen.

Claudia ist heute zum zweiten Mal da. „Gefällt mir sehr gut“, sagt sie. „Das Folgen fällt mir ein bisschen schwer. Aber es ging ja trotzdem. Manchmal machen die Füße nicht so mit, wie sie sollen.“ Viel mehr muss man über Parkinson in diesem Raum fast nicht sagen.

Andrea, ebenfalls Teilnehmerin, bekam ihre Diagnose erst im April 2025. „Natürlich war das furchtbar“, sagt sie. „Ich bin von Beruf Krankenschwester. Ich habe Parkinson sogar unterrichtet und immer gedacht: Hoffentlich kriege ich diesen Scheiß nicht.“ Dann bekam sie ihn doch. Heute sitzt sie in Neukölln auf einem der Stühle und sagt mit einem Lächeln: „Ich frage mich nicht: Was kann ich nicht mehr? Sondern: Was kann ich noch?“

Marita selbst ist keine klassische Therapeutin. „Ich bin die sogenannte Betroffene“, sagt sie. Sie erzählt von chronischen Knieschmerzen und ihrer alten Liebe zum Tango. Auf ihrer Website beschreibt sie Neurotango als Mischung aus Musik, Bewegung, Berührung, Kommunikation und kognitiven Übungen. Sie bietet den Parkinson-Kurs seit Ende März in Neukölln an, immer dienstags um 14 Uhr. Vorkenntnisse braucht niemand; kommen kann man allein oder zu zweit.

Bei Marita beginnt die Geschichte nicht mit Parkinson, sondern mit Schmerzen. Vor rund 15 Jahren, erzählt sie, hatte sie eine Knieoperation. Aus der wurden chronische Beschwerden. Vorher hatte sie schon Tango getanzt, nicht lange, aber lang genug, um daran hängenzubleiben. „Ich war verliebt in Tango“, sagt sie.

Sie war früher in der Hausverwaltung, ist eine „Ur-Berlinerin“. Dann springt ihr beim Tanzen die Kniescheibe raus. So erzählt sie es. Ein Moment, der nicht nur eine Bewegung stoppt, sondern ein ganzes Körpergefühl. Erstmal ist nichts selbstverständlich wie zuvor. Nicht das Gehen, nicht die Leichtigkeit, nicht die Idee, dass Schmerz etwas ist, das wieder verschwindet, wenn man nur lang genug wartet. „Bis ich akzeptiert habe, dass ich chronische Schmerzen habe, das hat drei, vier Jahre gedauert“, sagt sie.

Irgendwann stößt sie auf „Neurotango“, macht 2025 die Ausbildung, startet kurz darauf eigene Kurse. Erst in Prenzlauer Berg, jetzt auch in Neukölln mit einer neuen Gruppe für Menschen mit Parkinson. Auf ihrer Website klingt das so: ganzheitlicher Ansatz, Bewegung, Berührung, Kommunikation, Leichtigkeit. Im Raum selbst klingt Marita konkreter: „Jeder soll nach seinen Fähigkeiten mitmachen können.“

Warum ausgerechnet Tango? Marita beantwortet das nicht theoretisch, sondern praktisch. „Der Tango gibt alles her“, sagt sie. „Die einen können schneller, die anderen langsamer.“ Große Schritte, Stopps, Richtungswechsel, Führen, Folgen: Das alles zwingt zu Aufmerksamkeit.

Und das kann helfen: Parkinson ist, vereinfacht gesagt, eine Krankheit der stockenden Signale. Im Gehirn sterben nach und nach Nervenzellen ab, die Dopamin produzieren. Das Dopamin hilft normalerweise, Bewegungen flüssig zu steuern. Fällt es weg, werden Signale brüchig. Der Befehl zum Gehen ist zwar da, aber er kommt nicht sauber an. Das zeigt sich als Zittern, als Verlangsamung, als Steifheit, als Gleichgewichtsproblem. Im Englischen gibt es dafür ein gutes Bild: Es ist, als wolle der Körper losgehen und gerate doch in dichten Nebel.

Genau das beschreibt auch das Buch von Katie Simmons: Scaling Through PD: Navigating Life After Parkinson’s Diagnosis (2024). Darin wird erklärt, dass Parkinson eben nicht nur Tremor ist, also nicht nur das Zittern, das viele als Erstes mit der Krankheit verbinden. Angst, Depression, Schlafstörungen können genauso zur Krankheit gehören. Konzentrationsprobleme, Verdauungsbeschwerden.

Simmons beschreibt, wie sich Betroffene oft selbst missverstehen: Erst wirken kleinere Schritte wie Müdigkeit, das Zögern vor der Bewegung wie Unsicherheit, die leisere Stimme wie bloße Erschöpfung. Dabei ist genau das Teil der Krankheit.

Im Tanzstudio an der Hasenheide lässt sich das sehen. Wenn eine Teilnehmerin vor dem Spiegel erst zögert und dann doch den Fuß setzt. Wenn eine andere beim Partnerwechsel sichtbar ruhiger wird, aber danach still ist, weil die Konzentration Kraft gekostet hat.

Zum Schluss bedankt sich Marita bei allen und sagt: „Es ist auch eine Art Entscheidung, morgens mit einem Lächeln aufzuwachen.“ Das könnte kitschig sein. In diesem Raum ist es eher ein Arbeitsauftrag. Nicht so zu tun, als wäre alles leicht. Sondern der Schwere nicht kampflos das Kommando zu überlassen.