Im Umgang mit kranken Mitarbeitern prallen in der Automobilindustrie derzeit zwei Welten aufeinander, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite steht der kriselnde deutsche Traditionskonzern Volkswagen, dem immense Fehlzeiten tiefe Löcher in die Bilanzen fressen. Auf der anderen Seite agiert der US-Angreifer Tesla, der den einst ausufernden Krankenstand in seiner Gigafactory in Grünheide mit extrem harten Bandagen auf unter fünf Prozent gedrückt hat. Ein Blick auf die Branche zeigt: Das Milliardenproblem „Krankenstand“ bringt die Hersteller ans Limit.
Eiserne Härte in Grünheide: Hausbesuche und Lohn-Stopp
In der Tesla-Gigafactory in Grünheide schrumpft der Krankenstand in atemberaubendem Tempo: Von ehemals alarmierenden 17 Prozent fiel die Quote auf aktuell unter fünf Prozent. Doch das vermeintliche Wunder hat einen Preis: Unangekündigte Hausbesuche bei Erkrankten und gestoppte Lohnfortzahlungen sorgen für erheblichen Unmut und rufen Arbeitsrechtler auf den Plan.
Während das Management des US-Elektroautobauers in Brandenburg mit drakonischen Methoden gegensteuert, kämpft die gesamte deutsche Automobilindustrie mit einem historischen Rekordhoch bei den Fehlzeiten. Wie schneidet Tesla im direkten Vergleich mit den heimischen Traditionskonzernen ab?
Volkswagen: Das Milliarden-Problem in Wolfsburg
Beim größten deutschen Autobauer Volkswagen ist die Lage dramatisch. Insiderberichten zufolge kosten die immensen Fehlzeiten der Belegschaft den Konzern jährlich bis zu einer Milliarde Euro. Die Krankenstände in den VW-Werken bewegen sich dauerhaft in einem hohen Bereich.
Im Gegensatz zu Tesla, wo vor allem medizinische Nachweise von Mitarbeitern mit hohen Fehlzeiten aggressiv angezweifelt werden, kämpft VW zusätzlich mit einem erodierenden Arbeitsmoral-Problem: Allein bei der VW AG gab es 2023 fast 800 konkrete Fälle von Arbeitszeitbetrug, was mittlerweile den häufigsten Grund für Entlassungen im Konzern darstellt.
Mercedes-Benz: Die Demografie-Falle schlägt zu
Auch in Stuttgart schlagen die Fehlzeiten negativ in den Bilanzen durch. Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius kritisierte den in Deutschland extrem hohen Krankenstand jüngst ungewohnt deutlich als massives „Problem für die Unternehmen“. Ein wesentlicher Unterschied zum relativ neu hochgezogenen Tesla-Werk mit seiner jungen Belegschaft ist die Demografie: Das Durchschnittsalter der Mercedes-Mitarbeiter lag 2023 weltweit bei 42,5 Jahren. Mit steigendem Alter wächst die physische Belastung in der Produktion, was sich auch in einer hohen Unfallbelastung von 53 Ausfalltagen pro eine Million Anwesenheitsstunden niederschlägt.
Der lachende Dritte: BMW glänzt mit Bestwerten
Inmitten der Krisenmeldungen aus Wolfsburg, Stuttgart und Grünheide präsentiert sich die BMW Group als positiver Ausreißer. Ein Unternehmenssprecher bestätigte kürzlich, dass BMW eine äußerst niedrige Krankenquote von lediglich 3,8 Prozent verzeichnete. Damit liegt der bayerische Autobauer nicht nur unter dem aktuellen, hart erkämpften Tesla-Niveau, sondern unterbietet auch drastisch den bundesweiten Branchenschnitt. BMW profitiert hier offenbar von funktionierenden Konzepten des betrieblichen Gesundheitsmanagements und einer anderen strukturellen Zusammensetzung der Mitarbeiter.
Die Branche im Krisenmodus: Rückenleiden und kranke Psyche
Teslas harte Hand in Grünheide trifft auf ein branchenweites gesamtdeutsches Problem. Die Betriebskrankenkassen (BKK) und die AOK melden für die Jahre 2024 und 2025 durchgängig Rekord-Fehlzeiten in der Industrie. Im deutschen Fahrzeugbau und der Metallindustrie sind Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rücken- und Gelenkschmerzen mit einem Anteil von 1,20 Prozent am gesamten Krankenstand der Hauptausfallgrund, dicht gefolgt von Atemwegserkrankungen mit 1,17 Prozent.
Zudem warnen die Krankenkassen, dass gerade junge Mitarbeiter – wie sie bei Tesla häufig am Band stehen – stark gefährdet sind: Bei den unter 30-Jährigen machen psychische Erkrankungen bereits 14 Prozent der Fehltage aus. Gleichzeitig gaben alarmierende 65 Prozent dieser jungen Kohorte an, aus Angst vor beruflichen Nachteilen schon einmal krank zur Arbeit gegangen zu sein.
Fazit
Während BMW das Ausfallproblem im Griff hat, müssen VW und Mercedes wegen der Fehlzeiten tief in die Unternehmenstaschen greifen. Tesla in Grünheide hat seine 17-Prozent-Spitze durch existenzbedrohenden Druck auf unter fünf Prozent gedrückt.


