Indonesien schafft es meist nur in die Schlagzeilen, wenn ein Tsunami Hunderttausende Menschen tötet, ein Vulkan ausbricht oder die wichtigsten Politiker der Welt auf Bali zusammentreffen. In dieser Woche war Indonesien in den Medien, weil es um Sex ging. Zumindest auf den ersten Blick: „Indonesien verbietet außerehelichen Geschlechtsverkehr“, stand in den Überschriften vieler Online-Medien.
Fast könnte man meinen, das indonesische Parlament hat nur für diese Überschriften den neuen Strafkodex auch auf die Sexualmoral ausgeweitet. Es stimmt, das Parlament versucht, mit diesem Gesetz Einfluss auf die Betten der 274 Millionen Einwohner zu nehmen, die auf den 17.508 Inseln des südostasiatischen Landes verteilt wohnen. Aber ein paar Dinge sollte man darüberhinaus noch wissen.
Schon 2010 hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Pornografie im ganzen Land verbietet. Damit wurde das Zeigen und Verteilen von Bildern und Videos, die Sexualakte zeigen, illegal. Im Alltag wiederum hat das kaum Wirkung gezeigt, allein für Homosexuelle wurde das Daten schwieriger. Grindr und andere schwule Dating-Apps sind seitdem nur über einen VPN-Zugang zu erreichen, Tinder und Dating-Apps für heterosexuelle Menschen blieben offen zugänglich. Wenn es der Regierung wirklich um vorehelichen Sex gegangen wäre, hätte die Regierung da konsequent sein müssen. Immerhin: In LGBTQ-Clubs in Bali und Jakarta wurde etwas zurückhaltender gefeiert, immer wieder gab es Berichte von Kontrollen.
Und doch war die Oberhand der Konservativen und Religiösen spürbar im Land. Frauen wurden häufiger von Arbeitskolleginnen gefragt, warum sie denn kein Kopftuch tragen; Männer, die zusammenlebten, wurden plötzlich von ihrem Vermieter gekündigt mit der Begründung: Dies ist ein ordentliches Haus. Und unverheiratete Touristen mussten manchmal einen Ring vorzeigen, wenn sie auf Bali eine Honeymoon-Suite buchten. Doch bis auf den Fall von PeterPorn gab es wenig Aufmerksamkeit für Fälle, die dieses Anti-Porno-Gesetz betrafen.
Jetzt also ein Gesetz, das jeglichen Sex außerhalb der Ehe bestraft. Das wird bei den 57 Prozent der Bevölkerung, die unter 30 sind, schlecht ankommen. Der letzte Diktator Suharto trat 1998 zurück. Seitdem herrscht Meinungsfreiheit, und Indonesier haben viel davon Gebrauch gemacht. Letztlich waren es die landesweiten Demonstrationen, die dazu führten, dass ein ähnliches Gesetz 2019 nicht verabschiedet wurde. Es wird sich auch jetzt sehr schwierig durchsetzen lassen. Es verlässt sich darauf, dass Nachbarn einander und Eltern ihre Kinder denunzieren. Wie dann allerdings Beweise gefunden werden, ist offen und mehr als fraglich.
Doch das Wichtigste bei dieser Gesetzesänderung sind letztlich die anderen Paragrafen, über die kaum gesprochen wird, weil das Wort Sex darin nicht vorkommt. Nach den neuen Regeln darf der Präsident nicht kritisiert werden, die Nationalideologie Pancasila ist quasi heiliggesprochen worden, und wer sie angreift, muss mit langen Gefängnisstrafen rechnen. Das betrifft vor allem Menschen in Westpapua, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Bei Abtreibung drohen Frauen bis zu vier Jahre Gefängnis. Blasphemie und Atheismus sind jetzt strafbar.




