Das ehemalige Karstadt-Gebäude am Leopoldplatz steht als gigantischer leerer Körper im Weddinger Kiez, direkt an der prominenten Müllerstraße. Seit der Schließung des Kaufhauses wird darüber gestritten, was aus diesem Ort werden soll: zahlreiche Ideen, viele Projektionen, immer neue Hoffnungen.
Nun aber steht eine neue Idee im Raum: Wird daraus ein Ort für einen Staat, der sich zunehmend an Krieg orientiert? Dass ausgerechnet dieses Gebäude als Standort für ein Musterungszentrum der Bundeswehr diskutiert wird, zeigt, dass die fortschreitende Militarisierung Deutschlands immer mehr in den Alltag einzieht.
Das Verteidigungsministerium erklärt, man suche Musterungszentren, die „hell, freundlich und zugewandt“ seien. Kriegstüchtigkeit soll nach Normalität aussehen, verpackt in weißer Watte und vorteilhaft ausgeleuchtet. Genau so funktioniert Militarisierung: Nicht Panzer stehen im Vordergrund, sondern Gewöhnung, Präsenz und Selbstverständlichkeit. Sichtbar wird das etwa auch in den gigantischen Werbeplakaten der Bundeswehr am Alexanderplatz. Die Menschen sollen sich an Tarnfarben und Krieg gewöhnen.
Ehemaliges Kaufhaus als Rekrutierungsmaschine
Der Leopoldplatz ist ein sozialer Kessel. Hier treffen U-Bahn-Verkehr, Suchtkranke, Wochenmärkte, Schüler und Familien aufeinander. Der Bezirk, der vor allem Heimat migrantischer Communitys und der Arbeiterklasse ist, leidet unter unbezahlbarem Wohnraum, fehlenden sozialen Einrichtungen und chronischer Unterfinanzierung. Jugendangebote und Nachbarschaftsorte kämpfen um jeden Euro. Wer in einer solchen Lage ernsthaft vorschlägt, ein ehemaliges Kaufhaus könnte doch zur Rekrutierungsmaschine werden, versteht nichts von sozialer Verantwortung oder aber will es sich besonders leicht machen.
Soziale und kulturelle Nutzung ist nämlich anspruchsvoller. Nicht nur verlangt sie Geld und Trägerschaften, sondern auch Beteiligung. Ein Musterungszentrum hingegen geht schnell und ist mit sicherem Etat abgesichert.
Wedding braucht Räume für Menschen
Wedding braucht etwas anderes als die Rekrutierung von Wehrpflichtigen. Der Bezirk braucht Räume, die den Alltag erleichtern, und Platz für Menschen, die sich Stadt nicht einfach kaufen können: für Vereine, Initiativen, Kultur, Kunst, Bildung und Begegnung. Am Ende braucht Wedding Orte, an denen man willkommen ist und nicht gemustert wird für den Schützengraben.


