Der Stromausfall im Berliner Südwesten ist behoben. Sogar einen Tag früher als angekündigt gingen Licht und Heizungen wieder an. Innensenatorin Iris Spranger (SPD) lobte bei der Lagebesprechung des landesweiten Krisenstabs am Freitag die aus ihrer Sicht gute Zusammenarbeit zwischen den Hauptverwaltungen und dem Bezirk.
Doch nicht alles lief gut. Dass eine 97-jährige bettlägerige Frau auf einem Campingbett in einer Zehlendorfer Turnhalle abgelegt wurde, ist bekannt. Auch, weil Berlins Regierender Bürgermeister sie besuchte – begleitet von einem großen Medientross. Doch auch behinderte Menschen haben gelitten: etwa solche, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.
Zu diesen gehört zum Beispiel Thomas Seerig. Er leidet an Muskeldystrophie. Als der Strom weg war, waren seine elektrischen Fensterläden unten, das Telefon und die Klingel funktionierten nicht. Seine Frau konnte zum Glück außerhalb des Blackout-Gebietes eine SMS an den Sohn absetzen, um Hilfe zu holen.
In einem anderen Fall wäre laut Medienberichten ein Mann fast erstickt, der an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) leidet. Als Feuerwehrleute ihn im Rettungswagen an das dortige Beatmungsgerät anschlossen, reichte der Akku seines eigenen Beatmungsgeräts nur noch für zwei Minuten.
Gehörlose nehmen Lautsprecherdurchsagen der Polizei nicht wahr
Thomas Seerig ist Vorsitzender des Landesbeirats für Menschen mit Behinderungen. „Dieser mehrtägige Stromausfall hat erneut gezeigt, wie stark Menschen mit Behinderungen in Krisensituationen gefährdet sind“, sagt er. Gerade in Krisen zeige sich, ob Inklusion Realität sei. „Hier hingegen war in den letzten Tagen offensichtlich, dass an die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen nicht genügend gedacht worden war“, betonte Seerig. „Kälte, Dunkelheit und der Wegfall der Kommunikationswege treffen alle Menschen, aber Menschen mit Behinderungen in besonderer Weise. In der Erklärung, die der Landesbeirat am Freitag verschickte, erwartet dieser, dass die Erfahrungen aus dem Stromausfall unter Beteiligung der Betroffenen und ihrer Vertretungen ausgewertet werden.
„Ich will es auch in dieser Runde nochmal ganz deutlich sagen: Gegenseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Sie werden von mir keine öffentliche Kritik an Ihnen hören. Wir arbeiten hier als ein Team. In dieser Großschadenslage geht es darum, Verantwortung gemeinsam zu… pic.twitter.com/AZqOiXVSH6
— Senatsverwaltung für Inneres und Sport (@Innensenatorin) January 9, 2026
Seerig erklärt auch, dass es sinnvoll sei, im Notfall Informationen an die Bevölkerung nach dem Zwei-Stimmen-Prinzip zu verbreiten: dass es Ansage und Schrift gibt. Denn wenn die Polizei mit Lautsprecherdurchsagen durch die Straßen fahre, nütze dies Gehörlosen nichts. „Blinde wiederum können mit Infozetteln nichts anfangen.“
Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) konnte deshalb nicht ausschließen, „dass es Menschen gibt, die wir nicht erreicht haben“. Auf einer Pressekonferenz sagte sie: „Man kann sich freiwillig registrieren lassen als hilfsbedürftige Person, wir haben aber keine gesetzliche Grundlage, als Behörde ein Register zu führen. Das ist ein Problem.“
Freiwilliges Notfallregister für Einrichtungen und Einzelpersonen
Bundesweit gibt es das vom Bundesinnenministerium allen Kommunen empfohlene Notfallregister des gleichnamigen gemeinnützigen Vereins Notfallregister e.V. mit Sitz in Potsdam. Das ist ein Verein, bei dem sich Personen und Einrichtungen bundesweit kostenlos registrieren lassen können.
Dort gibt man sein Einverständnis, dass Adresse, Angaben zu gesundheitlichen Einschränkungen und zur Therapie weitergegeben werden dürfen, jedoch ausschließlich an Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz – und eben in eingeschränktem Umfang an Stromnetzbetreiber.
Gegründet wurde der Verein im Rahmen der Vorbereitung auf eine Energiemangellage unter anderem von dem ehemaligen THW-Chef Albrecht Broemme und dem Katastrophenschutzexperten Philipp Cachée, da es selbst für Behörden keine nutzbare Datenbasis gab. Laut Cachée, der heute Vorstandssprecher ist, haben sich bis dato bundesweit insgesamt 14.142 Einrichtungen und Personen registriert, davon in Berlin 60 Einrichtungen mit insgesamt 1638 Personen sowie 268 weitere Einzelpersonen.
Behindertenvertreter verlangt Lockerung des Datenschutzes
Bundesweit sind beim Notfallregister 177 Behörden angeschlossen, darunter der Landkreis Stendal und die Berufsfeuerwehr Hannover. In Berlin sind es 23 Behörden, darunter Senatsverwaltungen, Bezirke und nachgeordnete Einrichtungen. „Bei den Stromausfällen in Adlershof und jetzt in Steglitz-Zehlendorf haben Berliner Behörden erfolgreich mit Daten des Notfallregisters gearbeitet“, sagt Cachée.
Bislang läuft es auf freiwilliger Basis. Thomas Seerig ist deshalb dafür, den Datenschutz entsprechend zu lockern. Er selbst hat für sein Auto einen Behindertenparkplatz auf der Straße. „Wenn das Straßenverkehrsamt weiß, dass da einer ist, der nicht laufen kann, dann sollte es doch möglich sein, diese Daten an die Gesundheitsbehörden zu übermitteln“, sagt er.

Auch aus Sicht von Katastrophenschützern hat Berlin, insbesondere der Bezirk Steglitz-Zehlendorf, Nachholbedarf. Berlins bekanntester Katastrophenschützer Albrecht Broemme hatte gegenüber der Berliner Zeitung bemängelt, dass sich das Bezirksamt nie sonderlich für das Thema Katastrophenschutz interessiert und die Prioritäten falsch gesetzt habe. „Gendern und die Breite von Radwegen waren dort wichtiger als der Katastrophenschutz.“ So sei die Feuerwehr dafür eingesetzt worden, die Anwohner zu informieren. Warum hat das nicht der Ordnungsdienst des Bezirks gemacht, fragt sich Broemme.
Bei der Feuerwehr heißt es: „So ein Bezirksamt hat bestimmt 2000 Mitarbeiter. Die hätten sofort zum Einsatz verpflichtet werden können. Stattdessen wurde die halbe Feuerwehr dort gebunden.“
Warum wurde die Großschadenslage so spät erklärt?
Die Ausführungen einer Sprecherin des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf auf Fragen der Berliner Zeitung lassen sich so interpretieren, dass das Krisenmanagement während der dunklen Tage glattlief. Der 20-köpfige Krisenstab hat demnach ordnungsgemäß gearbeitet. Die letzte Stabsübung habe es 2024 gegeben, die letzte Alarmierungsübung 2025. „Pro Jahr verzeichnet der Bezirk jedoch mehrfache Einsätze wegen konkreter Schadenslagen. In den letzten zwei Jahren zählten dazu beispielsweise Evakuierungen bei Großbränden, Bombenfunden etc.“, teilt die Sprecherin mit.
Es wird einiges aufzuarbeiten sein. Unter anderem die Frage, warum es anderthalb Tage dauerte, bis Iris Spranger die Schadensgroßlage erklärte. Erst dadurch war nicht mehr der Bezirk zuständig, sondern der Krisenstab der Senatsinnenverwaltung. Dieser konnte dann auf die Hilfe von Bundeswehr, anderen Bundesländern und Hilfsorganisationen zurückgreifen. Bezirksbürgermeisterin Maren Schellenberg (Grüne) hätte sich gewünscht, dass das Land schneller die Verantwortung übernimmt, erklärte sie im RBB. Auch Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) stellte das späte Ausrufen der Großschadenslage auf Phoenix infrage.


