Freie Träger der Kinder- und Jugendarbeit, der Familienförderung und der Schulsozialarbeit im Bezirk Pankow schlagen Alarm: In einem Offenen Brief an Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch sowie an Jugend- und Familienstadträtin Rona Tietje verlangen sie die „sofortige Rücknahme“ von Kürzungen bei Zuwendungen.
Nach Angaben der Unterzeichnenden werden die Mittel um mindestens zwölf Prozent reduziert. Zusätzlich seien vereinbarte Tarifanpassungen aus den Jahren 2024 und 2025 gestrichen worden. Aktuelle Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst seien bislang nicht berücksichtigt.
Für die Träger hat das unmittelbare Folgen im Betrieb, heißt es im Offenen Brief und der Presseerklärung: Arbeitsverträge könnten nicht mehr tarifgerecht erfüllt, Arbeitszeiten müssten reduziert werden. Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Familienförderung und der Schulsozialarbeit würden eingeschränkt oder ganz eingestellt.
Träger warnen vor langfristigen Effekten
Viele Einrichtungen rechneten damit, dass ihre Mittel unter den neuen Bedingungen nur noch bis Ende Oktober 2026 reichen. In der Presseerklärung wird das zugespitzt als „Geld reicht nur noch bis Halloween“ bezeichnet.
Spielkultur Berlin-Buch e.V. nennt bereits sichtbare Einschnitte. Martyn Sorge-Homuth erklärt, die Einrichtung Moorwiese bleibe „bereits jetzt samstags geschlossen“. Sollten die Kürzungen nicht zurückgenommen werden, sei für den Träger „nach der Wahl Schluss“, warnt er. Ähnliche Signale gebe es aus anderen Einrichtungen: Weniger Personal und kürzere Öffnungszeiten träfen besonders Kinder, Jugendliche und Familien, die auf niedrigschwellige Beratung, Freizeit- und Unterstützungsangebote angewiesen sind.
Zugleich warnen die Träger vor einem langfristigen Effekt: Die aktuell erbrachten Leistungsstunden bilden im Rahmen der Kosten- und Leistungsrechnung die Grundlage für spätere Mittelzuweisungen der Senatsverwaltung. Wenn heute Angebote reduziert werden müssten, sinke die erfasste Leistung – und damit drohten in zwei Jahren noch geringere Zuweisungen. Das setze einen „Teufelskreis“ in Gang, der die Angebote dauerhaft schwäche oder im Extremfall zum Aus wichtiger Teile der Infrastruktur führen könne.
„Kinderfreundliche Kommune“ als Siegel ist in Gefahr
Die Unterzeichnenden verknüpfen die Kritik zudem mit dem Selbstverständnis des Bezirks Pankow. Durch den Abbau zentraler Angebote gerate auch das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ in Gefahr, schreiben sie. Das Programm wird vom Verein Kinderfreundliche Kommunen getragen, der vom Deutschen Komitee für Unicef und dem Deutschen Kinderhilfswerk initiiert wurde.
In dem Offenen Brief formulieren die Träger drei Kernforderungen: Erstens müsse die tarifgerechte Bezahlung aller Beschäftigten in den betroffenen Bereichen sichergestellt werden. Zweitens seien die bereits umgesetzten Kürzungen unverzüglich zurückzunehmen. Drittens verlangen sie im Haushalt ausreichende Mittel für eine verlässliche Tarifvorsorge. „Kinder, Jugendliche und Familien dürfen nicht die Zeche für Haushaltsprobleme zahlen“, heißt es.
Das sind die Erstunterzeichnenden
Fipp e.V. spricht von Kürzungen „im Kern“ der Kinder- und Jugendhilfe. Jennifer Roberts, geschäftsführende Vorständin, erklärt, die Einschnitte gefährdeten Räume, in denen junge Menschen Unterstützung, Beteiligung und Demokratie erleben könnten – ebenso wie verlässliche Anlaufstellen für Familien und sozialpädagogische Angebote an Schulen. „Wer offene und unterstützende Angebote schwächt, nimmt Kindern, Jugendlichen und Familien sichere Orte, um sich zu entwickeln und gehört zu werden“, so Roberts.
Zu den Erstunterzeichnenden zählen zahlreiche Träger und Einrichtungen aus Pankow, darunter unter anderem Albatros, Casablanca, Gangway und Pfefferwerk Stadtkultur sowie mehrere Jugendzentren und Familienangebote. Unterstützung kommt nach eigenen Angaben auch aus Fachgremien, etwa aus der Pankower Arbeitsgemeinschaft der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und dem Landesverband der Abenteuerspielplätze und Kinderbauernhöfe.


