Seit die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann öffentlich sind, ist auch in Berlin die Aufmerksamkeit groß. Für Sonntagnachmittag ist am Brandenburger Tor eine Demonstration gegen sexualisierte digitale Gewalt angekündigt. Doch jenseits des konkreten Falls drängt sich eine größere Frage auf: Wie verbreitet sind digitale und häusliche Gewalt in Berlin – und was tut die Stadt dagegen?
Die Antwort fällt ernüchternd aus. Nach der Berliner Polizeilichen Kriminalstatistik erreichte die Zahl der Opfer von Gewalt in Partnerschaft und Familie 2024 mit 19.213 Fällen den höchsten Stand der vergangenen zehn Jahre. 71 Prozent der Betroffenen waren weiblich. Berlin selbst verweist darauf, dass geschlechtsspezifische Gewalt damit kein Randphänomen, sondern dauerhafte Großstadtrealität ist.
Was Polizei und Behörden sehen, ist nur ein Ausschnitt. Die neue bundesweite Dunkelfeldstudie LeSuBiA zeigt: Weniger als zehn Prozent der Gewalterfahrungen werden überhaupt angezeigt. Bei psychischer und körperlicher Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegen die Anzeigequoten sogar unter fünf Prozent. Die meisten Fälle tauchen also nie in einer Statistik auf.
Das Dunkelfeld bleibt riesig
Die Studie macht auch deutlich, wie sehr sich Gewalt in den digitalen Alltag verschoben hat. Zwanzig Prozent der Frauen und 13,9 Prozent der Männer gaben an, in den vergangenen fünf Jahren digitale Gewalt erlebt zu haben. Besonders hoch sind die Werte bei jungen Menschen: Bei den 16- bis 17-jährigen Frauen liegt der Anteil laut Studie bei über 60 Prozent.
Dass häusliche Gewalt nicht nur Frauen trifft, gehört ebenfalls zur Wirklichkeit. Auch Männer suchen Hilfe, häufig wegen psychischer Gewalt. Die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz in Berlin meldete 2025 bundesweit 751 Betroffene, die Unterstützung suchten; 126 Männer wurden in Schutzeinrichtungen aufgenommen, 256 mussten wegen Platzmangels abgewiesen werden. Das zeigt: Das Hilfesystem hat Lücken – auch dort, wo Gewalt gegen Männer lange kaum mitgedacht wurde.
Die Landeskommission Berlin gegen Gewalt beschreibt digitale Gewalt inzwischen ausdrücklich als eigenes Gewaltphänomen. Auf Berliner Informationsseiten zu Cyberstalking nennt sie unter anderem Bloßstellen in Chats und sozialen Netzwerken, Identitätsmissbrauch, Überwachung von Internetaktivitäten, Ortung von Smartphones sowie bedrohende oder nötigende Kontaktaufnahmen über Messenger-Dienste. Gewalt endet oft nicht zu Hause. Sie setzt sich fort über Messenger, Standortfreigaben, Fake-Profile, heimliche Kontrolle, Drohungen, manipulierte Bilder oder öffentliche Bloßstellung.
Dass viele das Thema berührt, zeigt sich in sozialen Netzwerken: Der Instagram-Post von Fernandes, in dem sie die Vorwürfe nennt, wurde binnen zwei Tagen mit mehr als 768.000 Reaktionen markiert und erhielt fast 37.900 Kommentare. Darunter sind Solidaritätsbekundungen von Prominenten, aber auch zahlreiche Kommentare anderer Nutzerinnen und Nutzer, die von Scham, Sprachlosigkeit und teils auch von eigenen Erfahrungen mit Kontrolle und Übergriffen schreiben.
Warum viele trotzdem bleiben
Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Hedda Heß, die in Berlin unter anderem mit Betroffenen arbeitet, sagt, viele Fälle von Kontrolle oder Gewalt spielten sich heute immer häufiger auch digital ab. Gerade bei jungen Menschen würden Beziehungen zunehmend online entstehen und sich dort fortsetzen. Die psychische Folge sei oft ein Gefühl von Hilflosigkeit: Betroffene wüssten nicht, wer etwas gesehen habe, wie weit Inhalte verbreitet seien und was noch komme. „Die Gefahr ist nicht greifbar“, sagt Heß.
Scham und Schuld spielten eine große Rolle, sagt sie. Viele Betroffene glaubten lange, sie hätten selbst etwas falsch gemacht – auch, weil sie mit solchen Bildern groß geworden sind. Dazu komme ein ganz praktisches Problem: Sich Hilfe zu holen könne selbst riskant sein. Wer sich trennt, gerät oft erst recht unter Druck.
Dass viele Betroffene „fünf bis sieben Anläufe“ brauchen, bis sie sich lösen, beschrieb die Bundesfrauenbeauftragte der Deutschen Polizeigewerkschaft, Angélique Yumusak, bereits 2025. Heß formuliert es etwas vorsichtiger. In ihrer Arbeit mit Frauen seien es eher drei bis fünf Anläufe gewesen – sie sehe aber nur einen kleinen Ausschnitt. Entscheidend sei: Viele blieben gerade wegen der Angst. Oft gebe es Vorerfahrungen mit Gewalt aus der Kindheit, finanzielle Abhängigkeit, gemeinsame Investitionen oder Kinder. Dazu komme die Hoffnung auf die wenigen guten Momente. „Er ist ja eigentlich nicht so“, sagten sich viele. Oder: „Es tut ihm doch leid.“
Langfristig blieben oft tiefe Spuren zurück, sagt Heß: beschädigter Selbstwert, Vertrauensverlust, depressive Symptome oder Traumafolgen. Gewalt müsse nicht körperlich sein, um Menschen nachhaltig zu erschüttern.
Die Vorwürfe aus Spanien
Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilte das zuständige Gericht in Spanien mit, dass in dem Verfahren gegen Christian Ulmen unter anderem wegen des Verdachts auf „Usurpation des Zivilstands“ und „Offenlegung von Geheimnissen“ ermittelt werde. Genannt werden in der Beschwerde außerdem öffentlichkeitswirksame Beleidigungen, gewohnheitsmäßige Misshandlung und schwerwiegende Drohungen. Das Verfahren läuft laut Gericht seit dem 2. Dezember 2025 und befindet sich noch in einer frühen, vertraulichen Phase.
Die Begriffe klingen ungewohnt, weil sie aus einem anderen Rechtssystem stammen. Vereinfacht geht es darum, dass jemand unter falscher Identität auftritt oder sich als eine andere Person ausgibt – und dass private Informationen oder intime Inhalte unbefugt offengelegt werden.
Berlin verweist darauf, im Rahmen seines Landesaktionsplans zur Istanbul-Konvention inzwischen mehr als 130 Maßnahmen umgesetzt zu haben oder umzusetzen. Dahinter steckt kein einzelnes Prestigeprojekt, sondern ein Schutznetz: mehr Schutzplätze, mehr Beratung, mehr Prävention, mehr Koordination.
Greifbar wird das vor allem beim Hilfesystem. Im Februar eröffnete Berlin sein 9. Frauen- und Kinderschutzhaus. Damit gibt es nun 393 Familienplätze mit 859 Betten; zusätzlich stehen 154 Familienplätze in Zufluchtswohnungen zur Verfügung. Berlin erfüllt damit nach eigenen Angaben erstmals die Vorgaben der Istanbul-Konvention zur Zahl der Schutzplätze. Für den Bereich Gewaltschutz stehen 2026 laut Senat rund 37,5 Millionen Euro bereit.
Hinzu kommen sieben Fachberatungsstellen bei häuslicher Gewalt, spezialisierte Angebote etwa zu sexualisierter Gewalt oder (Cyber-)Stalking sowie die BIG-Hotline, die rund um die Uhr erreichbar ist und die aktuellen Kapazitäten der Berliner Schutzeinrichtungen kennt.
Auch bei digitaler Gewalt will der Senat nachschärfen. In einem der Berliner Zeitung vorliegenden Statement sagt Gleichstellungssenatorin Cansel Kiziltepe: „Der Fall von Collien Fernandes erschüttert mich sehr und zeigt, wie tief digitale Gewalt in das Leben von Betroffenen eingreift. Das dürfen wir nicht hinnehmen.“ In diesem Monat sei in Berlin ein neues Projekt gegen digitale geschlechtsspezifische Gewalt aus dem sozialen Umfeld gestartet. Mit Fortbildungen und technischer Beratung sollen Beratungsstellen und Schutzunterkünfte in ganz Berlin gestärkt werden, damit Betroffene schneller Hilfe bekommen.
Was Betroffene tun können
Wie schwer es trotzdem ist, sich aus solchen Situationen zu lösen, erlebt Hedda Heß in ihrer Arbeit immer wieder. Scham und Schuld spielten eine große Rolle, sagt sie, viele Betroffene glaubten lange, selbst etwas falsch gemacht zu haben. Dazu komme die Angst vor den Folgen einer Trennung. Oft hielten sich Betroffene an den wenigen positiven Momenten fest oder hofften, dass sich der Partner doch noch ändere. „Sie bleiben wegen der Angst“, sagt Heß. Gerade wenn finanzielle Abhängigkeit, gemeinsame Investitionen oder Kinder hinzukämen, werde es noch schwerer, sich zu lösen.
Dass das Thema trotzdem sichtbarer wird, hält Heß für ein wichtiges Signal. „Je mehr darüber gesprochen wird, desto mehr trauen sich, Hilfe zu suchen“, sagt sie. Der Fall Collien Fernandes zeigt vor allem eines: wie unscharf die Grenze zwischen häuslicher, psychischer und digitaler Gewalt geworden ist. Berlin hat dafür inzwischen Hotlines, Schutzplätze, Kampagnen und neue Projekte. Was die Zahlen zugleich zeigen: Das Hilfesystem wächst – aber das Dunkelfeld ist immer noch größer.
Betroffene sollten Übergriffe nach Möglichkeit früh dokumentieren – mit Fotos, Notizen und gesicherten Chatverläufen, sagt Hedda Heß. Wichtig sei außerdem, nicht zu schweigen, sondern mit vertrauten Menschen zu sprechen. Auch eine Meldung bei der Polizei ist entscheidend: zum einen, um akute Gefahr ernst zu nehmen und Schutzmaßnahmen anzustoßen, zum anderen, damit Gewalt überhaupt sichtbar wird und nicht im Dunkelfeld bleibt.


