Systemfrage

Armin vom Beckenrand: Wie ein persischer Held zwischen zwei Welten schwimmt

Schon vor dem Krieg floh Armin Babaeitapekali aus dem Iran. Er will in Berlin bleiben. Aber da sind nun mal die Gesetze und die Behörden – und auch abfällige Worte.

Armin Babaeitapekali ist sehr stolz auf den Ausbildungsplatz bei den Berliner Bäder-Betrieben.
Armin Babaeitapekali ist sehr stolz auf den Ausbildungsplatz bei den Berliner Bäder-Betrieben.Lauryn Zoe Hinsch/Berliner Zeitung

Auf seinem 5800 Kilometer langen Weg nach Deutschland hat er einen typisch deutschen Namen mitgebracht: Armin. So heißt der 26-Jährige mit Vornamen. Sein Nachname hingegen ist hier nicht so verbreitet: Babaeitapekali. Er arbeitet in der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE) an der Landsberger Allee. Der Mann mit den schwarzen Locken und dem Bart steht in Arbeitskleidung am Beckenrand: knallrotes Shirt, kurze blaue Hose. Sein Blick streift über die zehn Bahnen des 50-Meter-Beckens. „Mir macht die Arbeit wirklich Spaß.“

An Armins Aussprache ist zu hören, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist, und wie ist das mit seinem Vornamen? „Ich komme aus Iran, für uns stammt der Name von dort“, sagt er und lächelt ein breites Lächeln. Wenn aber die Kollegen an seinem Ausbildungsplatz bei den Berliner Bäder-Betrieben mit ihm reden, sprechen sie den Namen meist deutsch aus, nicht so wie in seiner Heimat, wo das „i“ ganz lang betont wird.

Vielleicht lässt sich einiges über ihn bereits durch den Vornamen erzählen: In Deutschland ist er abgeleitet vom antiken Cheruskerfürsten Arminius und steht für einen heldenhaften Krieger. Im Iran, also im Persischen, steht er für den Beschützer, der Frieden bringt. „Ich bin aber Kurde“, sagt er. Im Kurdischen bedeutet der Vorname „mein Feuer“. Im Iran sind Kurden eine unterdrückte Minderheit. „Auch deshalb bin ich aus Iran geflohen.“

Schon diese Kleinigkeit zeigt: Es ist kompliziert, so wie bei den meisten Fluchtgeschichten. Gerade in Zeiten der Polarisierung gibt es immer ein Einerseits und ein Andererseits. Armin Babaeitapekali, der im Iran ein Profiringer war, kann als Vorbild gesehen werden. Er ist noch nicht mal zwei Jahre hier, hat in der kurzen Zeit wirklich beeindruckend gut Deutsch gelernt, hat seine Lizenz gemacht und arbeitet als Jugendtrainer, hat die Rettungsschwimmer-Prüfung absolviert – und seine Ausbildung begonnen. Gerade kam sein Sportverein – die „Hauptstadtringer“ – beim Zukunftspreis des Landessportbundes auf einen der vierten Plätze. Vor allem wegen der Integration von Sportlern wie Armin.

Droht die nächste Flüchtlingswelle?

Der Zukunftspreis – vergeben vor dem Iran-Krieg – wirft die Frage auf, ob Armin Babaeitapekali in Deutschland eine Zukunft haben kann oder was der Krieg noch bringt? Je länger er dauert, desto größer wird bei einigen die Angst vor der nächsten Flüchtlingswelle. Und wieder wären es Flüchtlinge aus einem islamischen Land. Das birgt viel Potenzial für hitzige Wahlkämpfe vor den vier verbleibenden Landtagswahlen.

Armin Babaeitapekali geht weiter am Beckenrand auf und ab. Er hat ein gewinnendes Lächeln und ist offensichtlich sehr gern freundlich. Seine Ausbilderin Stephanie Triller sagt: „Armin freut sich jeden Tag, hierherzukommen. Und er kommt jeden Tag mit einem Lächeln.“ Sie ist 46 Jahre alt, Fachangestellte für Bäder-Betriebe. „Er ist ein sehr angenehmer Mensch.“

Armin Babaeitapekali hat in kurzer Zeit wirklich erstaunlich gut Deutsch gelernt. Er schaut jeden Tag Netflix auf Deutsch und hört die Nachrichten in langsamer Sprache der Deutschen Welle.
Armin Babaeitapekali hat in kurzer Zeit wirklich erstaunlich gut Deutsch gelernt. Er schaut jeden Tag Netflix auf Deutsch und hört die Nachrichten in langsamer Sprache der Deutschen Welle.Lauryn Zoe Hinsch/Berliner Zeitung

Andere sehen das anders. Doch das weiß Armin Babaeitapekali in diesem Moment am Beckenrand noch nicht. Er sagt: „Der Job sieht vielleicht langweilig aus, aber du musst immer alles im Blick haben – auch hinter dir.“ Er dreht den Kopf und schaut, ob auch dort alles in Ordnung ist.

Vorn trainieren ein paar Frauen eines Schwimmvereins, auf der anderen Seite ist Unterricht für zwei Dutzend Kinder. Ihre bunten Schwimmnudeln wackeln aufgeregt im Wasser hin und her. Er hat sie alle im Blick. Aber es gibt auch Leute, die ihn im Blick haben. Denn an ihm wird deutlich, wie sich Berlin verändert. Das zeigt sich auch an den Bäder-Betrieben. Dort gibt es 21 Lehrlinge, die aus 13 Nationen stammen.

Musterbeispiel oder Problemfall?

So etwas finden nicht alle gut. Als die Fotografin von ihm Bilder macht, sagt eine ältere Schwimmerin: Nur weil einer von denen mal zu den Guten gehört, kommt er gleich in die Zeitung.

So unterschiedlich kann die Sichtweise sein: Für die einen ein Musterbeispiel für Integration, für andere ein Problemfall.

Armin Babaeitapekali hört bei solchen Sachen nicht ganz so genau hin. Er lächelt die Frau lieber an. Und er lobt Deutschland überschwänglich. „Ich habe nie schlechte Menschen in Berlin getroffen.“

Dann eilt er in die Umkleide, zieht sich eine Badehose an, denn er muss trainieren. Sein Job bedeutet nicht nur, aufmerksam zu sein, sondern vorbereitet zu sein auf den Ernstfall. Das heißt: Springen, Schwimmen und Retten. „Für seine Abschlussprüfung muss er auch einen Kopfsprung können“, sagt Ausbilderin Stephanie Triller. Er steht neben dem Ein-Meter-Brett und dehnt alle möglichen Muskeln. Dann nimmt er Anlauf und macht einen gehockten Kopfsprung. Seine Ausbilderin nickt.

Als er aus dem Becken kommt, erzählt er, dass er erst im Flüchtlingsheim in Tegel, dann in dem in Tempelhof gewohnt hat. Nun, da er eine Ausbildung macht, wurde ihm eine Wohnung vermittelt. „Du kannst in Deutschland alles schaffen“, behauptet er. „Der Weg ist für alle offen. Du musst nur Deutsch lernen und du musst aktiv sein.“

Er könnte glatt als Werbefigur antreten. Aber Geschichten über Asylbewerber sind inzwischen schwierige Geschichten, weil es nicht mehr nur um die jeweiligen Menschen geht, sondern darum, wofür sie stehen. Am Beginn der Flüchtlingswelle 2015 versammelte sich eine recht unvoreingenommene Willkommenskultur an den Bahnhöfen. Wer es anders sah, schwieg erst mal. Inzwischen manifestiert sich der Wandel bei der Sicht auf Flüchtlinge vor allem im Erfolg der AfD: Im September 2015 war sie eine Fünf-Prozent-Partei, nun steht sie bei 24 Prozent und damit nur zwei Punkte hinter der CDU. Im Osten rangiert sie überall klar auf Platz eins, im Westen ist es in neun Ländern Platz drei, in Bayern die Nummer zwei. In der Flüchtlingsfrage herrscht oft Schwarz-Weiß-Denken: Die einen rufen weiter: „Refugees welcome“, für andere sind Flüchtlinge vor allem potenzielle Messer-Kriminelle.

Aktueller Arbeitsplatz des Iraners ist die Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark an der Landsberger Allee.
Aktueller Arbeitsplatz des Iraners ist die Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark an der Landsberger Allee.Lauryn Zoe Hinsch/Berliner Zeitung

Armin Babaeitapekali ist im Frühjahr 2024 geflohen. „Sport ist meine Leidenschaft“, sagt er und deutet auf sein etwas verbogenes linkes Ohr: „Ich war iranischer Meister im Ringen. Ich war Profi und in der Nationalmannschaft.“ Er war in sechs Ländern bei Wettkämpfen. Er holt sein Handy raus, scrollt durch tausende Fotos und zeigt ein Bild von den Asienmeisterschaften. Er in grüner Trainingsjacke ganz oben auf dem Siegerpodest. Im Iran war er ein Star, Ringen ist dort keine Nischensportart, sondern der Nationalsport. Aber das ist kein Schutz vor Diskriminierung oder Verfolgung, sagt er.

Da sei zum einen seine Benachteiligung als Kurde. Der erfolgreiche Sportler hat Sportwissenschaften studiert, bekam aber keine Arbeit. „Ich hatte zehn Vorstellungsgespräche, aber wurde immer abgelehnt.“ Er sagt, es habe an seinem Namen gelegen, daran, dass er Kurde ist. Iranischer Meister durfte er werden, aber nicht als Physiotherapeut arbeiten.

Wenn ich auf Arbeit komme, bleiben die Probleme vor der Tür und ich lächle. Aber in der Nacht weine ich manchmal.

Armin Babaeitapekali

Er sagt: „Wenn du professioneller Ringer bist im Iran, alle Leute kennen dich, so wie Fußballer in Deutschland. Und wenn du Iran-Meister bist, du bist erst recht bekannt.“ Er sagt aber auch: „Wenn du ein bekannter Sportler bist, darfst du nicht öffentlich über Politik reden.“

Dann kam das Jahr 2022, der Fall Jina Amiri, der große Aufruhr: Die 23-jährige Kurdin war mit ihrer Familie in Teheran unterwegs, trug ihr Kopftuch nach Ansicht der Sittenwächter nicht korrekt, wurde festgenommen, geschlagen und starb. Massenhaft Frauen gingen auf die Straße. Armins kurdische Provinzhauptstadt Kermaschah galt als ein Brennpunkt des Widerstands in der „Frau-Leben-Freiheit“-Bewegung. „Wir haben mit Freunden demonstriert. Die Polizei hat uns fotografiert. Sie wissen, dass ich dabei war.“ Freunde wurden verhaftet, einige seien inzwischen tot.

„Ich bin geflüchtet. Zu Fuß.“ Einen Monat lang war er unterwegs. In der Türkei kaufte er mit einem anderen Flüchtling ein kleines Boot, erzählt er, sie fuhren nach Griechenland. Dann ging es weiter bis Italien. Er habe überlegt, ob er nach Frankreich geht, Spanien oder die Schweiz. „Am 2. Mai 2024 war ich in Deutschland.“ Aber warum Deutschland? „Beim Fußball war ich schon als Kind immer für Germany.“

3,4 Millionen Flüchtlinge oder andere Schutzsuchende

Asylbewerber sind für viele vor allem eine Zahl, die politisch aufgeladen ist. Armin Babaeitapekali ist ein Mann hinter den vielen Zahlen. Derzeit leben 3,4 Millionen Menschen hier, die vor dem Krieg in der Ukraine oder anderswo geflohen sind oder die politisches Asyl beantragt haben oder die ausreisepflichtig sind, die geduldet oder aus humanitären Gründen nicht abgeschoben werden. Dazu kommen jene, die ohne gültige Papiere hier leben. Beim Mediendienst Integration heißt es, die Schätzungen bei den „Illegalen“ reichen von 180.000 bis zu einer Million.

Zu welcher Gruppe Armin bald gehören wird, ist unklar. Sein Asylverfahren läuft noch. Auch in Berlin ist er als Ringer erfolgreich, wieder scrollt er durch die Fotos. „Hier bin ich Berliner Meister“, sagt er und lächelt.

Nach seinen Sprüngen vom Ein-Meter-Brett geht er zum Schwimmbecken. Auch Schwimmen gehört zum Ausbildungsprogramm. Er schwimmt mit kräftigen Zügen los. Seine Ausbilderin sagt: „Die Beine sind noch etwas zu tief im Wasser. Aber das wird schon.“

Als früherer Profisportler findet er es gut, dass er während der Arbeitszeit nicht nur Sport treiben darf, sondern muss. „Die Bäder-Betriebe sind mein Herz“, sagt er, als er sich abtrocknet. Er ist stolz auf den Ausbildungsplatz. Er habe sofort seine Mutter angerufen und gesagt: „In Iran darf ich nicht arbeiten, obwohl ich studiert habe. Aber in Deutschland darf ich Ausbildung machen, obwohl ich noch nicht richtig Deutsch kann.“ Er lächelt. „Meine Mutter hat geweint vor Freude.“

Als einstiger Profi-Sportler freut er sich, dass er während der Ausbildung nicht nur Sport treiben darf, sondern muss.
Als einstiger Profi-Sportler freut er sich, dass er während der Ausbildung nicht nur Sport treiben darf, sondern muss.Lauryn Zoe Hinsch/Berliner Zeitung

Früher hatte er per WhatsApp ein paar Mal täglich Kontakt mit der Familie. Seit Beginn des Krieges weiß er gar nichts, nur, dass ihre Stadt bombardiert wurde. Wie geht er damit um? „Wenn ich auf Arbeit komme, bleiben die Probleme vor der Tür und ich lächle. Aber in der Nacht weine ich manchmal.“

Der schwimmende Ringer kennt die Vorbehalte gegen Flüchtlinge und sagt, dass er nicht von staatlichem Geld leben will. Die Ausbildung finanziert das meiste in seinem Leben. Er bekomme noch 160 Euro vom Staat, aber die wolle er nicht mehr. „Ich hab mir Minijob besorgt. Schwimmtrainer.“

Armin Babaeitapekali würde gern bleiben, egal, wie es in Iran weitergeht. Den passenden Vornamen hat er schon. Außerdem hat er sich verliebt. „Die Bäder-Betriebe organisieren für uns einmal pro Woche einen Deutsch-Intensivkurs, dort habe ich eine Krankenschwester von der Charité kennengelernt.“ Er lächelt sein breites Lächeln. „Sie stammt aus der Türkei.“

Was daraus wird, ist offen. Nicht wegen der Gefühle, wegen der Gesetze. „Sie sagt immer wieder, ich soll mit ihr in die Türkei fliegen, sie will mich ihren Eltern vorstellen. Aber ich darf Deutschland nicht verlassen.“

Er sucht im Handy nach den Fotos mit Dokumenten vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten. „Ich habe eine negative Antwort bekommen.“ Sein Anwalt hat Widerspruch eingelegt, nun muss ein Gericht entscheiden. Sein Asylverfahren läuft bis Mai, seine Arbeitserlaubnis für den Minijob sei bis kurz davor befristet. Er zeigt das Foto.

Er hofft, dass das Gericht positiv entscheidet. Sollte ein Negativ-Bescheid kommen, hofft er, dass er nicht in das Kriegsland Iran abgeschoben wird. Aber er weiß es nicht. Immerhin weiß er, dass er bald ins Sommerbad Neukölln wechseln wird. „Ich wohne dort in dem Bezirk. Ich liebe Neukölln“, sagt er und lächelt sein breites Lächeln.