Tagebuch

Wenn Freude und Tragödie in Berlin nah beieinanderliegen: Der Schnee ist doch schön! Ist der Schnee schön?

Darf man sich, während andere leiden, über den Schnee in unserer Stadt freuen? Unsere Autorin findet: Man muss!

Endlich mal wieder so schön, wie es nie war: Berlin verschneit.
Endlich mal wieder so schön, wie es nie war: Berlin verschneit.Rolf Zöllner/imago

Ich weiß, im Südwesten der Stadt bibbern und frieren sie und wünschen Schnee und Eis zur Hölle. Von einer Kollegin, die viel vor Ort ist, habe ich gehört, dass sie weinende Helfer draußen im Südwesten der Stadt getroffen hat. Die Lage vor Ort würde sich zwar langsam klären, wäre aber nach wie vor bitter für die Betroffenen.

Und das alles inmitten einer Stadt, die so schön wie lange nicht mehr daliegt. Die wir oft und zu Recht abkanzeln, weil sie sich in den letzten Jahren nicht zu ihrem Vorteil verändert hat – milde gesprochen. Die uns oft sprachlos dastehen lässt, weil ihre Menschen inzwischen so stumpf und unempathisch agieren, dass es ein Jammer ist. Die aber im Notfall durchaus zusammensteht, wenn Verantwortungsträger mal wieder ewig brauchen.

Die Stadt wird leiser, die Kanten weicher

Mir tun die Leute leid, aber ich will mich auch freuen dürfen, denn ich bin ein Winterkind und liebe Schnee. Und ich vermisse ihn zutiefst. Also solchen wie jetzt, nicht diese kurzlebig-braune Pampe, die uns sonst immer zuteilwird: oben hui, unten pfui. Berlin im Schnee, das ist für die im Südwesten eine Zumutung, für andere, die vom Warmen auf Eiskristalle, Schneemänner und weiß getünchte Fassaden schauen, ein Labsal. Die Stadt wird leiser und die Kanten werden weicher.

Ich finde: Man darf, man soll das sogar sehen. Man soll sich darüber freuen. Auch jetzt. Die Psychologie unterstützt mich da; sie sagt etwas, das im öffentlichen Diskurs oft missverstanden wird: Sich auf das Schöne zu konzentrieren heißt nicht, das Schwere zu verleugnen. Es heißt, sich Ressourcen zu sichern, um es auszuhalten.

Gerade in einer Stadt wie Berlin, die so oft zwischen Überforderung und Erschöpfung pendelt, ist das kein Luxus. Es ist Lebenselixier! Niemandem ist geholfen, wenn wir kollektiv den Atem anhalten, bis alles wieder gut ist. So funktioniert weder Trauer noch Solidarität. Niemand wird Kraft und Zuspruch spenden können, wenn er zwischendurch nicht auch Positives wahrnimmt – und darüber auch freudig quietschen darf. So wie ich über den Schnee. Der Mensch ist nun mal so gebaut, also lassen wir ihn dieser Tage doch einmal, wie er ist: weit weg von perfekt, aber im Grunde gut.