Eine Zahl: 4,7 Prozent.
Damit wurde auf dem Branchentreffen „The Future of German Media“ 2026 in Hannover der Berliner Verlag eingeordnet. Moderator Sven Clausen, Chefredakteur des RedaktionsNetzwerks Deutschland, nutzte sie, um eine einfache Botschaft zu transportieren: Das digitale Geschäft des Berliner Verlages in der Ostdeutschen Medienholding sei schwach, der Erfolg des Hauses womöglich überschätzt.
Das Problem ist nur: Diese Zahl ist keine Kennzahl. Sie ist eine Konstruktion.
Was hier als vermeintlich harte Tatsache präsentiert wurde, basiert auf einer Residualrechnung, die nur möglich ist, weil die Ostdeutsche Medienholding und ihre Tochterunternehmen vollständig transparent mit ihren Buchwerken und Bilanzen umgehen. Hintergrund ist, dass wir publizistisch vollständigere Perspektiven abbilden, was uns regelmäßig den Vorwurf einbringt, unpassend über Russland oder China, als auch Akteuren im linken wie rechten politischen Spektrum zu berichten.
Also müssen wir von dort Geld erhalten, so die Schlussfolgerung zahlreicher Mitbewerber. Diesen unsubstantiierten Vorwürfen ist nur mit größtmöglicher Transparenz zu begegnen. Der lässliche Nebeneffekt ist, dass profilierte Journalisten wie Clausen einzelne Positionen, aus dem Gesamtzusammenhang gerissen, als belastbare Informationen inszenieren können.

Dieses Vorgehen ist manipulativ. Zumal weder Mitbewerber wie Madsack, noch Funke oder Holtzbrinck ihre Zahlen ähnlich transparent veröffentlichen wie die Ostdeutsche Medienholding.
Doch machen wir es konkret: Wie Clausen auf offener Bühne vom Gesamtumsatz einzelne Erlösbestandteile abzuziehen, und den verbleibenden Rest als digitaler Vertrieb zu interpretieren ist rechnerisch möglich – aber ökonomisch irreführend. Denn es ersetzt eine ausgewiesene Größe durch eine Annahme und erhebt diese zur scheinbaren Wahrheit.
„Eine andere Sicht auf die Dinge“
Der eigentliche Fehler liegt tiefer. Selbst wenn man diese Herleitung akzeptiert, ist der gewählte Bezugsrahmen ungeeignet. Digitale Vertriebserlöse ins Verhältnis zum Gesamtumsatz zu setzen, vermischt unterschiedliche Erlöslogiken und blendet wesentliche Teile des Digitalgeschäfts aus. Digitale Werbung etwa – ein zentraler Bestandteil jedes modernen Verlagshauses – taucht in dieser Betrachtung schlicht nicht auf.
Setzt man die gleichen Zahlen in einen sachgerechten Zusammenhang, ergibt sich ein anderes Bild. Bezieht man das gesamte ausschließlich digitale Geschäft ein, also Abos und Werbung, ergibt sich ein Anteil von rund 18 Prozent am Gesamtumsatz und dieser wächst stetig. Das ist kein Schönrechnen, sondern eine Frage der vollständigen Betrachtung. Der Wert ist somit fast 4-mal höher als von Clausen auf der Bühne vorgetragen. Hinzu kommt, dass in der Ostdeutschen Medienholding mittlerweile fast jeder Umsatz auch einen digitalen Anteil hat und somit der tatsächliche Wert noch einmal höher ist. Dies hatten wir Herrn Clausen im Nachgang auch detailliert erläutert.
Umso bemerkenswerter ist die nachträgliche Einordnung, die Clausen in einem Newsletter verbreitete, nachdem ich auf offener Bühne nicht der Zahl, aber der Einordnung und der Größenordnung widersprach. Dort heißt es, die Zahl habe „nicht widerlegt“ werden können, stattdessen sei „für eine andere Sicht auf die Dinge geworben“ worden. Man könnte auch sagen: Eine methodische Kritik wird kurzerhand als Ausweichen umgedeutet. Aus einer notwendigen Einordnung wird ein vermeintliches Eingeständnis.
Das ist Framing und legt die Axt an ein wesentliches Gut westlicher Journalismusstandards: Der Integrität einer Story und damit verbunden das ehrliche Bestreben, die eigenen Leser objektiv zu informieren.
Es ist doch so: Wer eine nicht ausgewiesene Restgröße zur zentralen Kennzahl erhebt, verlässt den Boden seriöser Analyse. Das ist keine Aufklärung, sondern ein weiteres Beispiel dafür, wie mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zahlen Narrative erzeugt werden. Zumal die bilanzielle Intransparenz seines und einer Vielzahl von Medienhäusern in Deutschland deutliche Zurückhaltung in der Bewertung von Kennziffern eines neuen Wettbewerbers, wie der Ostdeutschen Medienholding empfiehlt. Oder sind die Bilanzzahlen des Tagesspiegels in Berlin, der Sächsischen Zeitung in Dresden oder der Thüringer Allgemeinen in Erfurt veröffentlicht? Zeitungsverlage wie Holtzbrinck, Madsack und Funke nutzen legale Schlupflöcher für die im deutschen Handelsgesetzbuch festgelegten Publikationspflichten, um ihre Zahlen zu verbergen. Aus welchem Grund? Meine Anfrage an Clausen, an die Kommunikationsabteilung von Madsack zur Bilanzstruktur der Madsack-Gruppe und einem möglichen ergebniswirksamen Anteil aus die Substanz verzehrenden Geschäften wie Sales and Lease back-Transaktionen, blieb unbeantwortet.
Dass dieses Vorgehen nicht zufällig oder eine Spätfolge früher bundesrepublikanischer Standards ist, zeigt der Blick auf den Markt. Die Ostdeutsche Medienholding, mit ihr der Berliner Verlag ist seit mehreren Jahren profitabel, der Start des Ostdeutschen Verlages mit der OAZ ist nach sechs Wochen wirtschaftlich gelungen – in einer Branche, in der das alles andere als selbstverständlich ist. Womit sich der Wettbewerb verschärft, insbesondere im Osten Deutschlands. Mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung ist ein neuer Akteur entstanden, der sichtbar Marktanteile gewinnt.
Attacken mit unsportlichen Mitteln
Verständlicherweise ist in einem solchen Umfeld die Versuchung groß, Wettbewerber nicht publizistischen, sondern, nennen wir es, auch mit unsportlichen Mitteln zu attackieren. Nicht nur in den deutschen Medien. Auch im innerdeutschen politischen Diskurs, ebenso in geopolitischen Perspektiven. Das Muster ist klar: Hass und Hetze, Propaganda, das ist immer nur, was die anderen tun. Die Selbstreflexion eigener Ansprüche und der Abgleich des eigenen Handelns gegen diese Ansprüche gehört nicht zu den Stärken unserer Zeit. Weder in Teilen der deutschen Spitzenpolitik, noch in den medialen Eliten.
Die Transformation der Medienbranche ist kein Erkenntnisproblem. Die Herausforderungen sind seit mehr als 20 Jahren bekannt. Die rasante Entwicklung neuer Medien zeigt, dass ein großer Bedarf an sachgerechter Information besteht. Die entscheidende Frage ist, wer sie konsequent angeht – und wer den Konsequenzen mit hunderten Millionen Steuergeld für Faktenchecker, Demokratieprojekten und Aktionen wie dem Leipziger Appell zur Freiheit und Unabhängigkeit der Medien ausweicht.
Der Berliner Verlag hat sich für den ersten Weg entschieden. Andere gehen einen anderen.
Oder, weniger diplomatisch formuliert: Manche arbeiten an ihrem Geschäftsmodell. Andere versuchen, erfolgreichen Wettbewerbern ihren Erfolg abzusprechen, statt am eigenen zu arbeiten.
Wir finden, dass das der Markt, die Straße entscheiden sollte. In Anlehnung an einen Weimarer: Freie Bürger auf freiem Grund werden in die Lage versetzt, entscheiden zu können. Die Diskurshoheit wird einem Wettbewerb um die besseren Ideen, den besseren Ergebnissen unterworfen. Das ist Kennzeichen unserer Zeit und es ist eine gute Entwicklung. Auch wenn damit Verunsicherung und Veränderung einhergeht. Doch verglichen mit früheren Veränderungen, erinnert sei an die Nachwendezeit in Ostdeutschland, leiden wir auf hohem Niveau.
An diese Zeit erinnert, haben wir als Antwort auf das Bühnengespräch der TFGM 2026, vielmehr die nachträgliche „Einordnung“ des RND-Chefredakteurs Clausen, die Webseite AufbauOst.com freigeschaltet.
Für alle Leserinnen und Leser, die das genauso sehen, bieten wir dort seit heute einen Abo-Wechsel-Service an: Sie nennen uns ihr bestehendes Zeitungsabo, wir kündigen dieses für Sie und Sie erhalten ab sofort die OAZ – ohne doppelte Kosten.
Es ist ein Werkzeug für den offenen, fairen und in der Sache harten Wettbewerb.



