Konzertbericht

„Würde es jederzeit wieder schreiben“: Zartmann kontert bei Tourabschluss Hasswelle

Beim Tourabschluss in der Max-Schmeling-Halle wird es laut, emotional und politisch. Vor 11.900 Fans spricht der Berliner auch über Hass im Netz.

Mittendrin: Zartmann bei seinem Auftritt in Freiburg.
Mittendrin: Zartmann bei seinem Auftritt in Freiburg.Max Hartmann

Eine Leinwand verhüllt die Bühne. Zwei Schläge auf der Bassdrum vibrieren dahinter, die Hi-Hat klirrt und erste Töne des Keyboards durchdringen die Max-Schmeling-Halle. Das Publikum, voller Antizipation, kann nicht länger an sich halten, beginnt zu jubeln. „Du siehst mich da, wo die Partys sind“, singt Zartmann. Und seine Fans sind in Mitsing-Laune. Vier Zeilen später, das Konzert hat vor wenigen Sekunden begonnen, schreien sie deshalb inbrünstig: „Fick die AfD.“

Der Künstler Zartmann lädt zum Abschluss seiner Tour in seine Heimatstadt Berlin, in seinen Heimatbezirk Prenzlauer Berg ein. Er singt mit seinen Fans, mit seiner Familie und spricht über Hass im Netz.

11.900 Menschen hören ihm an diesem Freitagabend, dem 6. März 2026, zu. Die meisten sind, geschätzt, Anfang 20. Viele tragen weite Jeans und engere Oberteile. Die Max-Schmeling-Halle ist ausverkauft. „Wenn ich das dem kleinen Zarti erzählt hätte, der hätte mich verrückt genannt“, sagt der Sänger, der für den letzten Auftritt seiner „2026 Tour“ fast zu sich nach Hause eingeladen hat. „Ich bin 300 Meter von hier geboren“, sagt er. In Prenzlauer Berg ist er aufgewachsen. Nach der Schönhauser Allee, von der viele Fans am Abend zur Halle gelaufen sind, hat er eine seiner EPs benannt.

Pink Floyd für Papa

Die Oma ist heute da, der Opa auch, die Mama, die Schwester – und der Papa: „Mein erster und größter Fan, zum Glück sehe ich ihn gerade nicht, sonst kämen mir die Tränen“. Ihm zuliebe singt Zartmann „I wish you were here“ von Pink Floyd, was aus Zartmanns Kehle klingt wie ein Zartmann-Song. Er begleitet sich selbst dabei mit der Gitarre, zeigt sich im Laufe des Abends aber auch am Klavier. Auch sein Stimminstrument bespielt er vielfältig, rappt, deutet im Duett mit Max Raabe (aus der Tonspur) Klassik an und befindet sich sonst meist irgendwo im Bereich Pop. Und er tanzt, so viel es nur geht, springt auf der Bühne auf und ab und hat alleine so viel Energie wie alle anderen im Gebäude zusammen.

Die Lyrics zu Pink Floyd kennen seine Fans eher nicht – muss man mit Anfang 20 vielleicht auch nicht, oder? Auch die Zeilen von „Weißt du überhaupt noch, wer ich bin?“ haben sie noch nicht verinnerlicht. Der Song kam erst in der Nacht zum Freitag raus – hier sind sie also entschuldigt.

Ansonsten sind sie textsicher: „Wie du manchmal fehlst“ singen sie fast alleine, ohne Zartmann. Danach muss er sich, überwältigt, erstmal schütteln.

Mit dem Song hatte der Sänger vor knapp zwei Jahren größere Bekanntheit und, gemeinsam mit Rapper Ski Aggu, Platz sechs der Charts erreicht. Noch textsicherer sind die Fans im Laufe des Abends nur noch einmal bei „Tau mich auf“. Zartmanns bisher größter Hit führte ihn sogar auf Platz Eins der Charts – brachte ihm allerdings auch eine Hasswelle.

Zartmann spricht über Hass

Darüber spricht der Berliner an diesem Abend. Gerade hat er noch den Song „Wunderschön“ performt, gemeinsam mit den Fans, versteht sich. Dann fällt der Vorhang vor ihn und die Band, mit der er ins Zwiegespräch geht: „Tau mich auf“ wolle doch niemand mehr hören, der Song nerve, und warum reagiert er so frech auf Moderatorinnen bei 1live? Na gut, die Frage sei dumm gewesen, aber überhaupt: Was wolle er denn jetzt noch erreichen, und mache die Musik, der Erfolg ihn nicht nach und nach einfach einsam? Läuft es nicht unausweichlich darauf hinaus, dass er am Ende alleine sein wird? Der Vorhang beginnt, lila-bläulich zu leuchten, und Zartmann antwortet in bekannter Melodie: „Na dann bin ich halt allein, aber dafür bin ich freiii“.

Doch Zartmann spricht auch über den Hass, dem er durch diese eine, eingangs erwähnte Zeile entgegenblickt. Er spricht von Gewaltandrohungen über Social Media, in seinen Kommentaren und Nachrichten. Niemals habe er gedacht, dass die AfD eine der größten Parteien in Deutschland werden würde, sagt er und stellt fest: „Aber ich würde es jederzeit wieder so schreiben. Nicht, weil ich spalten will, sondern weil es eine rechtsextreme Partei ist“.

Das Publikum feiert ihn dafür, jubelt schon, als er erwähnt, dass er beim Bambi sowas auch schon gesagt habe. Nachdem die Fans also bei den Liedern „Tau mich auf“ und „eehhhyyy“ zum Schluss nochmal richtig Energie aufbauen konnten, schmettern sie das finale „Fick die AfD“ mit noch mehr Power als am Anfang und verabschieden sich, als die letzten Töne aus den Mikrofonen von Sänger und Band erklungen sind, mit „Ganz Berlin hasst die AfD“-Rufen in die Berliner Nacht.