Eine Netflix-Doku zum eigenen Selbstbild zu haben, scheint Prominenten inzwischen wichtiger zu sein als eine Wachsfigur bei Madame Tussauds, ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame oder eine Goldene Schallplatte. Die Fans müssen bei der Stange gehalten werden, denn sie gieren nach Seelenstriptease und werden im Glauben gelassen, via Streaming ihren Stars ganz nah zu kommen. Diese wiederum haben mit dieser Art Selbstbiografie das beste PR-Instrument in der Hand und können sich – wie im Falle der seinerzeit in Ungnade gefallenen Meghan Markle – die Deutungshoheit über die eigene Geschichte zurückerobern. Den Versuch ist es jedenfalls wert.
Perfekt gestylt ins Bett
Nach den Sussexes, den Beckhams, nach Haftbefehl und vielen anderen nun also Shirin David. Schon 2025 sollte „Barbara – Becoming Shirin David“ herauskommen, aber da hatte Deutschlands „erfolgreichste Sängerin aller Zeiten“ (zumindest kommerziell) noch einiges zu bemängeln. Das Material gefiel ihr nicht, respektive: Sie selbst gefiel sich nicht. Denn, kleiner Spoiler, die 30-jährige Hamburgerin mit litauischen Wurzeln geht selbst in der baltischen Heimat und im äußerst bescheidenen Haus ihrer Mutter des Nachts perfekt gestylt bis auf den künstlichen Wimpernkranz ins Bett. Jedenfalls so geschehen in ihrer Doku.
Wer nicht weiß, wer Shirin David ist, weil sich die Karriere der Sängerin fernab seines Musik- und Menschengeschmacks abspielt – sie hat auch schon auf der „Wetten, dass ...?“-Couch bei Thomas Gottschalk gesessen, war Jurorin bei Dieter Bohlen und „Deutschland sucht den Superstar“, und in den Boulevardblättern taucht sie vornehmlich wegen ihrer Beauty-Eingriffe auf, die – so letzter Stand – bislang um die 75.000 Euro verschlungen haben sollen. Und auch wenn sie sich damit eindeutig einem patriarchialischen Schönheitsideal unterwirft, gibt sie sich hartnäckig als Feministin aus.
Ein Bekenntnis, das in der Doku leider eher berechnend und aufgesetzt wirkt und eher dem Umstand geschuldet scheint, dass sie sich immer wieder anhören muss, wie eine „Plastikbarbie“ auszusehen (was auch stimmt), und offenbar so auch eine Medienelite denkt (Klaas, Joko), von der sie gern akzeptiert werden würde. Und klar schmerzt das, wenn man – wie sie selbst sagt – sich selbst oft „supergeil“ findet. Oder ist sogar diese Ansage künstlich? Überhaupt nimmt man es Barbara (ihr erster Vorname) nicht ab, dass Shirin David nur eine Kunstfigur sein soll, wie sie immer wieder beteuert. Dazu atmet aus ihrer Geschichte und aus ihr selbst zu sehr der unbändige Wunsch, es allen zu zeigen nach dieser armen und vom mütterlichen Drill gezeichneten Kindheit, in der auch ihr iranischer Vater keine Rolle spielte.
Nachvollziehbar, dass diesen Bedingungen ein Mädchen entwächst, das hungrig ist nach Zuspruch und dafür den extrem harten Weg durch ein Business nimmt, in dem man vielleicht auf Dauer nur durchmarschiert, wenn man eben nicht in Watte gepackt aufgewachsen ist. Auch deshalb befremdet, dass ihre Hater ihr so viel Schmerz zufügen können. Wer bringt netzaktiven Promis, die immer herumjaulen, sie würden via Instagram und TikTok fertiggemacht werden, endlich bei, dass da draußen nicht nur nette Leute herumlaufen, die einem 24/7 zu Füßen liegen? Wer hilft ihnen dabei, ihr äußerst naives Menschenbild zu korrigieren?
Mit YouTube-Beautykanal durchgestartet
So oder so, in der Doku tritt eine junge Frau auf, die nichts dem Zufall überlässt: Karriere, Aussehen, geschäftliche Koalitionen. Der Preis dafür ist, dass sie kein Privatleben hat, dies auch die ganze Zeit hindurch bedauert, aber ihren Traum, ein Super-, vielleicht sogar Weltstar zu werden, dem nie unterordnen würde. Das rührt schon fast auf beklemmende Art, vor allen dann, wenn man sich Shirin David im Alter vorstellt: extem reich und extrem allein.
Schonungslosigkeit kann man also abhaken für diese anderthalb Netflix-Stunden, aber wen es interessiert, der bekommt einen guten Einblick ins taffe Musikgeschäft. Für alle Fallstricke, die dort existieren, hat Shirin David den richtigen Manager an ihrer Seite, den iranischstämmigen Taban Jafari, der im Business als harter Hund gilt und der sie um 2017 raus aus YouTube und auf die Rap-Bühne holte. Für Shirin David die Erfüllung eines Traumes, ihre bereits erfolgreiche YouTube-Karriere hatte sie vor allem mit Beautytipps gemacht. Ihr Überflug startet dann mit dem ersten Hit „Gib ihm“, der tausendprozentig durchsexualisiert ist und in dem Girls von It-Bags, ganz viel Money und gewaxten Körperteilen träumen. Ein Song, der allerdings auch ihren Ruf, eine Tussi zu sein, nachhaltig zementiert.
Fürs Berühmtwerden hatte Barbara Schirin Davidavičius, wie sie bürgerlich heißt, sogar das Abi geschmissen. Das alles, auch über die Kindheit, das Aufwachsen und vieles andere erzählen ihre Mutter und ihre Schwester weitaus authentischer als die Protagonistin selbst. Und natürlich überrascht es, eine extrem kommerziell anzuschauende und denkende Rapperin als kleines Kind beim Ballett- und Musikunterricht, außerdem bei der Ausbildung an diversen Instrumenten zu sehen.
Es hätte also aus ihr auch eine natürliche und erfolgreiche Klassik-Musikerin werden können! Auf diesem Weg hat sich Shirin David wohl nicht gesehen, ganz sicher auch, weil er zu wenig „Fame“ bereithält. Aber wer braucht Fame? Der Psychologie zufolge oft emotional bedürftige Menschen, die aus dem Beifall vieler Fremder, die vor allem eine Projektionsfläche für ihre eigenen Wünsche suchen, das Gefühl ziehen, gut und liebenswert zu sein.
Die üblichen Verletzungen eines Migrantenkindes
Während sich Davids Mutter nie „arm gefühlt hat“, wie sie gesteht, weil da im Hintergrund immer die Musik und die Kunst waren, die ihr das Gefühl gaben, reich zu sein, erging es ihrer ältesten Tochter da ganz anders. Im Film löst eine einmalig nicht bezahlte Stromrechnung die Panik bei Shirin David aus, diesem Leben abschwören zu wollen, aber mit Sicherheit sind die üblichen Verletzungen dazugekommen, die man als Migrantenkind und Stadtrandbewohner in Hamburg so mitkriegt.
Wenn Shirin David sich also nicht hinter die Fassade schauen lässt, mag das auch Angst sein, den Fame wieder zu verlieren. Das ist schade, verzeihen es einem doch gerade die Fans, wenn man ehrlich ist und seine tiefsten Abgründe und Fehler offenbart. Auch Robbie Williams dankte einst seinem Selbsthass, seinen Depressionen und seiner Essstörung, dass sie ihn dahin gebracht haben, wo er heute steht – und beliebter ist denn je.






