Ein älterer Mann im rauen Mantel drückt sich vor dem Eingang zur Staatsoper Unter den Linden an einen Opernbesucher. Es ist Pause. Der Besucher will rauchen. „Und, ist es das wirklich wert?“, fragt der Mann. Der Besucher wendet sich ab. 200 Euro mehr hätten die Leute für eine „Nabucco“-Karte gezahlt, sagt der Mann.
Er sei an diesem Sonntag aus Sachsen gekommen, um gegen den Krieg Russlands gegen die Ukraine und gegen Anna Netrebko zu protestieren: „40 Jahre lang habe ich meine Frau zu überzeugen versucht, dass Putin gefährlich ist. Jetzt glaubt sie es.“ Plötzlich dreht er sich um und zeigt auf den Balkon: „Da ist der Gysi! Na klar, der Kerl ist auch da!“ Ob er sich sicher sei? Er kenne Gysi, sagt der Mann, er habe mal in seinem Büro gearbeitet. Doch der Mann auf dem Balkon ist nicht Gysi. Es glänzt ein kahler Schädel, aus der Ferne zum Verwechseln schön.
Es sind deutlich weniger Demonstranten als vor einem Jahr, etwa 150 Personen. Sie rufen: „Keine Bühne für russische Propaganda!“ und „Russland ist ein Terrorstaat!“. Ein Plakat war schon vor einem Jahr da: „Diese Kunst riecht nach unserem Blut.“ Es gibt keine unpolitische Kunst, steht auf einem anderen. Eine Frau ruft ins Megafon: „Wir Menschen müssen gegen die russische Aggression kämpfen!“ Vor einem Jahr hieß es: „Ihr amüsiert euch, während die Russen unsere Menschen töten.“
„Ich stehe zu Anna“
Die Besucher eilen an den Absperrgittern vorbei, hinter denen die Demonstranten stehen. Einige äußern Widerspruch. Eine Besucherin hat sich sogar auf die Demo vorbereitet: Auf ihrem Weg ins Foyer kehrt sie plötzlich um, entrollt ein Plakat und streckt es trotzig den Demonstranten entgegen: „Ich stehe zu Anna“, ist auf dem Plakat zu lesen. Ein junger Passant blickt grimmig in Richtung der Protestler, zeigt seinen nach unten gerichteten Daumen.

