Bücherfrage der Woche

Was hat „Die Jacobsleiter“ eines polnischen Juden mit Potsdam zu tun?

In der Gedenkstätte Lindenstraße wird am Dienstag aus einem Buch von Jacob Shepetinski gelesen. Wir wollten wissen, warum es ausgewählt wurde.

Die Potsdamer Historikerin Maria Schultz leitet seit 2021 die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße.
Die Potsdamer Historikerin Maria Schultz leitet seit 2021 die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße.Hagen Immel

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wird in der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße aus einem Buch von Jacob Shepetinski (1920–2020) gelesen. „Die Jacobsleiter“ heißt es, Untertitel: „Erinnerungen eines Shoah- und Gulag- Überlebenden“. Warum ist dies das richtige Buch für diesen Ort? Das wollen wir von der Historikerin Maria Schultz wissen, die die Gedenkstätte leitet.

Maria Schultz: Der 1920 in Ostpolen geborene Jude Jacob Shepetinski hatte ein bewegendes doppeltes Verfolgungsschicksal. Er überlebte 1941 die deutschen Massaker an der jüdischen Bevölkerung in Weißrussland, bei denen seine gesamte Familie ermordet wurde. Er schloss sich den sowjetischen Partisanen an und kam später mit der Roten Armee nach Deutschland. Dort arbeitete er als Übersetzer des sowjetischen Geheimdienstes.

Acht Jahre im Nordural

1946 geriet er selbst in dessen Fänge und wurde in diesem Zusammenhang im Gefängnis Lindenstraße inhaftiert. In Potsdam verurteilte ihn ein sowjetisches Militärtribunal wegen angeblichen Landesverrats zu zehn Jahren Lagerhaft, von denen er acht im Nordural verbüßte. Shepetinski emigrierte später nach Israel und schrieb 2002 seine Erinnerungen nieder.

Der Titel „Die Jacobsleiter“ verweist auf ihn selbst, auf seinen Namen, aber auch auf den biblischen Kontext und das Auf und Ab des Lebens. Jacob Shepetinski legt in seinem Buch Zeugnis ab: vom Kampf um das Überleben in zwei Diktaturen und von der zerstörerischen Kraft des Antisemitismus. Seine wichtige Stimme darf nicht vergessen werden. Der Schauspieler Alexander Bandilla liest stellvertretend für ihn.

Seit 1996 begehen wir den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Die im 18. Jahrhundert gebaute und stetig erweiterte Haft- und Justizstätte inmitten der Potsdamer Innenstadt gehörte zu den Orten der Verfolgung, der Gewalt und des Terrors im NS-Staat. Danach war sie sowjetisches Untersuchungsgefängnis und schließlich Haftanstalt der DDR-Staatssicherheit. Tausende Menschen aus mehr als 20 Nationen waren hier auf der Grundlage unterschiedlicher Tatvorwürfe inhaftiert. An ihr Schicksal zu erinnern, ihre Geschichte aufzuarbeiten und die jeweiligen historischen Hintergründe zu vermitteln, ist unsere Aufgabe. Und es ist eine Verantwortung, die wichtig ist und die wir gern übernehmen.

Gedenkfeier 27. 1., 15 Uhr, Lesung ab 16 Uhr, Lindenstraße 54, Potsdam