Besonderer Fotoband

Dieses Kreuzberg gibt es nicht mehr – ein Fotoband bewahrt seine Welt

Dieser Fotoband ist eine Schatzkiste: „Kreuzberg die Welt“ bietet eine Werkschau des früh verstorbenen Fotografen Wolfgang Krolow.

Kinder vor dem heute denkmalgeschützten Haus Kopischstraße 5, 1981
Kinder vor dem heute denkmalgeschützten Haus Kopischstraße 5, 1981Wolfgang Krolow

Seine Bilder sind aus der Ikonografie Kreuzbergs nicht wegzudenken: Die Rede ist von dem Fotografen Wolfgang Krolow, der auf der ganzen Welt fotografiert hat, aber vor allem in diesem Berliner Bezirk, er begann in den 70er-Jahren. Wolfgang Krolow wurde nur 69 Jahre alt. Die letzte Zeit seines Lebens saß er nach einem Schlaganfall im Rollstuhl. Als er 2019 starb, gab es nur knappe Meldungen in Berliner Medien.

„Kreuzberg die Welt“ heißt der im Verlag Assoziation A erschienene Band mit Wolfgang Krolows Fotografien, auch bisher nicht veröffentlichten, alle schwarz-weiß. Es ist eine Werkschau, die seine Bedeutung unterstreicht, es ist eine Zeitreise. Denn es sind vor allem Aufnahmen aus den 70er- und 80er-Jahren, die der Band versammelt.

Bei einem Straßenfest in der Fidicinstraße in den frühen 1980er-Jahren.
Bei einem Straßenfest in der Fidicinstraße in den frühen 1980er-Jahren.Wolfgang Krolow

Es war die Zeit, in der Kreuzberg direkt an der Mauer lag, in ihrem Schatten, wie es so schön hieß. Es war das Kreuzberg, in dem man mit Kachelöfen heizte, viele Wohnungen kein Bad hatten und die Toilette sich auf der halben Treppe befand. Es gab Leerstand und düstere Hinterhöfe. Dieses Kreuzberg gibt es nicht mehr.

Wer war Wolfgang Krolow? Geboren wird er 1950 in der Nähe von Kaiserslautern, er bricht die Schule kurz vor dem Abi ab, will nach Indien. Es ist die Zeit des Hippie-Trails, nur an das Ziel gelangt er nie. Im Irak wird er wegen Spionage verhaftet, wie Reiner Wendling, einer der Herausgeber des Bandes, schreibt.

Wolfgang Krolow zog 1972 nach West-Berlin

Wolfgang Krolow hatte die Leichen hingerichteter Regimegegner fotografiert, kommt in Haft. Seine Mutter schaltet das deutsche Konsulat ein, er kommt frei. 1972 zieht Wolfgang Krolow nach West-Berlin, hier muss man keinen Wehrdienst leisten. Zuvor hatte er an der Kunstakademie Mannheim Bildhauerei und Grafik studiert, in Berlin arbeitet er auf dem Bau. Und er fotografiert.

Demos, Kids, Wände, Instandbesetzung, Punx – unter solchen Begriffen ordnet der Band die Fotografien und man merkt schnell: Wolfgang Krolows Herz schlug links. Kreuzberg war der Bezirk, in dem türkische Gastarbeiter unterkamen, Punks, die am Kottbusser Tor abhingen, Hausbesetzer, denen es zu verdanken ist, dass durch Kreuzberg keine Autobahn gebaut wurde. Die Rentnerinnen wohnten schon dort.

Ein besetztes Haus in der Admiralstraße 1981/82.
Ein besetztes Haus in der Admiralstraße 1981/82.Wolfgang Krolow

Für alle hatte Wolfgang Krolow ein Auge. Sein Blick war aufmerksam, liebevoll, er stand klar an und auf ihrer Seite, der Seite der einfachen Leute und nicht auf der Seite der „Cops“, wie ein Kapitel überschrieben ist. Er fotografiert sie etwa vor dem Dietmar-Marx-Haus in der Admiralstraße, das nach einem Polizeiopfer benannt wurde.

Er fotografierte die Demonstrationen gegen die Nato, Aufrüstung, Raketenstationierung. Ein Demonstrant trägt ein Protestplakat mit einem Foto des damaligen US-Außenministers Haig und seinem Wort „Es gibt Wichtigeres, als im Frieden zu leben“. Es berührt einen heute seltsam, dass manche, die damals gegen diesen Satz protestiert hätten, ihn heute unterschreiben würden.

In einer Kreuzberger Kneipe begegnet Wolfgang Krowlow Heiner Müller

Auf den Straßen Kreuzbergs stehen VW-Käfer und Enten und die Kinder führten eine wildere Kindheit als heute. Man sieht sie auf einem Mercedes-Wrack herumhüpfen, sie rodeln ohne Eltern im Viktoria-Park, spielen in Hinterhöfen. Eine Rentnerin wirft einen skeptischen Blick aus dem Fenster, türkische Frauen sitzen mit ihren Kindern auf dem Mariannenplatz.

„Seid realistisch fordert das Unmögliche“ heißt eine Parole an einer Hauswand, die er festhielt. Oder „God save the Sex Pistols“, darüber hat jemand „Gurkensalat“ geschrieben. Grafische Klarheit und Muster erkennt Wolfgang Krolow in Häuserwänden, Kopfsteinpflasterstraßen. Es ist der Geist von Kreuzberg, der in diesen Bildern wohnt, und von dem der Stadtteil noch immer zehrt, was seine Identität angeht. Ein Geist, der verweht.

David Bowie mit einem kleinen Schwein auf dem Arm hat Krolow während der Dreharbeiten für den Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ auf dem Chamissoplatz fotografiert, es gibt ein Bild von P.P.S. Lanrue, dem Gitarristen von Ton, Steine, Scherben, mit dem Wolfgang Krolow befreundet gewesen ist.

Eines Nachts ist er in Kreuzberg auch Heiner Müller begegnet. Die beiden haben, wie Rainer Wendling weiß, einen Abend lang im Lokal Chamisso in der Arndtstraße gezecht, an dem ein Porträt entstand. Aufnahmen von Heiner Müller mit seiner ewigen Zigarre zwischen den Fingern, gibt es viele, aber auf keiner ist Müller mit dem Rauchwerk so innig verbunden, wie auf der, die Wolfgang Krolow gemacht hat.

Kreuzberger Details, in denen sich das Weltgeschehen spiegelt

Zu Wort kommt Mustafa Akca, der sich an seine Kindheit in Kreuzberg erinnert und diese in Krolows Bildern wiederfindet, zu Wort kommt Sebastian Lux von der Stiftung F.C. Gundlach, der von Wolfgang Krolow sagt, er habe Kreuzberg in seinen Fotografien als ein Stadtviertel voller einzigartiger Details gezeigt, in denen sich doch das Weltgeschehen spiegelte.

Dem Menschen Wolfgang Krolow kommt man mit Andrea Schick am nächsten. Sie erzählt, wie der Fotograf in einer illegalen Punkkneipe in einem besetzten Haus im Viertel auftauchte, in seinem Hippie-Outfit, und sie ihn mit den Worten „Alter, verpiss dich“ empfingen.

Doch Wolfgang Krolow ließ sich von der Aggression, die ihm entgegenschlug, nicht aus der Ruhe bringen, wurde Stammgast und durfte die Punks schließlich sogar fotografieren. „Für mich persönlich haben Wolfgangs Fotos eine sehr große Bedeutung“, schreibt Andrea Schick. Sie seien die einzigen Bilder aus dieser Zeit, das Einzige, was außer der eigenen Erinnerung vorhanden sei. Das gilt für viele dieser Aufnahmen. Sie komplementieren die Erinnerung, sie beschwören sie herauf.

Kreuzberg die Welt. Fotografien von Wolfgang Krolow, Hg. v. Sigrid Heger, Andreas Homann und Rainer Wendling, Assoziation A Berlin, 2025, 280 S., 44 Euro