Ausstellung

Aus Trotz malte El Hadji Sy aus Dakar sogar mit den Füßen

Der Senegalese El Hadji Sy vollführt in der Kreuzberger Galerie Thumm auf Reissackjute wahre Akrobatik

El Hadji Sy: „Untitled“, 2022, Öl und Acryl auf Leinwand
El Hadji Sy: „Untitled“, 2022, Öl und Acryl auf LeinwandEl Hadji Sy/Galerie Thumm

Diese Kunst ist pure Leidenschaft. Und Eigensinn. Die farbkrachenden Bilder des Malers aus Dakar lassen an die unbarmherzige Sonne, rotierend über der Lompoul-Wüste im Norden des Senegal, denken, an Sandstürme und mystisch tanzende Augen in den heißen westafrikanischen Nächten, an Sehnsucht nach Freiheit ohne nationalistische Grenzen.

El Hadji Sys Bildsprache war schon auf der Kasseler Documenta 14 im Jahr 2017 ein Ereignis. Jetzt gibt der 1954 in Dakar Geborene, längst eine zentrale Figur der westafrikanischen Kunst, in der Kreuzberger Galerie Thumm noch einen drauf. Die Ausstellungshalle explodiert förmlich von all den Farben und Formen bei diesem Dialog zwischen neuen Gemälden und einer Sammlung von poetischen Naturmotiven aus den späten 1980er- sowie Porträtköpfen aus den 2000er-Jahren.

El Hadji Sy: „Untitled“, 2025, Öl auf Leinwand
El Hadji Sy: „Untitled“, 2025, Öl auf LeinwandEl Hadji Sy/Galerie Thumm

Die Gegenüberstellung ermöglicht ein tieferes Verständnis von Sys Auseinandersetzung mit Materialität, Bewegung, Körperlichkeit. Damit verschaffte er der Darstellung des menschlichen Körpers in der Malerei wieder einen Platz in der senegalesischen Kunst. Und er sorgt auch als Kurator für den Aufbau unabhängiger Kunststrukturen im Senegal. Dabei positioniert er sich gegen die kulturpolitischen klassisch-akademischen Vorgaben der École de Dakar, aus der auch er kommt.

Bis heute wirkt diese Kunstbewegung der 1960er- und 70er-Jahre, die unter Präsident Léopold Sédar Senghor den Panafrikanismus und die „Négritude“ durch Malerei, Textilkunst und Poesie förderte. Sie entstand zunächst notwendigerweise infolge der Unabhängigkeit, um afrikanische Identität und Ästhetik nach der langen Kolonialzeit neu zu definieren, sich aber zugleich an den französischen Akademismus und auch die  erfolgreiche klassische Moderne anzupassen. Mittlerweile ist das für Sy und die jüngere senegalesische Kunstszene, die sich als international begreift, aber zu einengend.

El Hadji Sy: „Le Ballet“, 2023, Acryl auf Leinwand
El Hadji Sy: „Le Ballet“, 2023, Acryl auf LeinwandEl Hadji Sy/Galerie Thumm

Um mit herkömmlichen Techniken zu brechen, malte El Hadji Sy phasenweise trotzig-akrobatisch sogar mit den Füßen. Diese performative Komponente wirkt bis heute fort und spielt in sein Werk hinein. Ohne jeden folkloristischen Touch erwachen auf seinen Bildern die Geister der Vorfahren, der alten Mythen, die Erinnerungen an die Kolonialgeschichte ab dem 17. Jahrhundert unter Franzosen, Niederländern, Briten. 1891 kam Senegal ganz unter französische Herrschaft.

Sys explizite Arbeiten dazu, auch zu den Nachwirkungen bis heute, sind bis 14. Juni auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt in der Gruppenschau „Tirailleurs – From Cannon Fodder to Avant-garde“ zu sehen.

Galerie Thumm, Markgrafenstr. 68, bis 18. April, Di–Sa 12–18 Uhr