Die Staatsoper Unter den Linden hat für Sonntag eine Wiederaufnahme von Alban Bergs „Wozzeck“ auf den Spielplan gesetzt. Auf den Tag genau vor 100 Jahren fand am 14. Dezember 1925 im selben Haus die Uraufführung dieses in der Musikgeschichte einzigartigen Werks statt. Generalmusikdirektor Christian Thielemann und Detlef Giese, der leitende Dramaturg, riefen am Montag in einem Pressegespräch in Erinnerung, warum der Wozzeck so besonders ist.
Thielemann sagte, die Komposition sei im Kern spätromantisch, überwinde jedoch mit ihrer Komplexität die Gefühlswelt einer untergehenden Epoche. Giese sagte, das Werk stehe für die neue Sachlichkeit. Und dann wieder Thielemann: Die Musik müsse mit größter Präzision gespielt werden, um den stärksten emotionalen Effekt zu erzielen. Alban Berg sei der Gegenentwurf zu Richard Strauss.

Dies trifft auch auf die politische Rezeption zu: Strauss gelang es, sich mit den Nationalsozialisten zu arrangieren. Als Präsident der Reichsmusikkammer wurde ihm Anerkennung zuteil, die auch seinem Werk nutzte. Alban Bergs revolutionäre Musik dagegen, die bei der Uraufführung vom liberalen intellektuellen Publikum der Weimarer Republik frenetisch gefeiert wurde, verschwand aus dem Musikleben.
Inszenierter Volkszorn
Detlef Giese sagte der Berliner Zeitung, dass Berg von den antisemitischen Zeitungen als „Komponist jüdischer Abkunft dargestellt und mit Vorurteilen belegt wurde“ – obwohl Berg nicht Jude war. Giese: „Rassistische Stereotype wurden bemüht, um ästhetische Vorbehalte der Musik gegenüber zu begründen.“ Dass Bergs Werke in der NS-Zeit dann als „entartet“ galten und nicht mehr aufgeführt wurden, stehe in dieser Tradition.
Der „Volkszorn“ wurde auch bei der Uraufführung inszeniert – wenngleich nicht mit Erfolg: Julius Kapp, der damalige Chefdramaturg, schreibt in einem maschinenschriftlich überlieferten Bericht, der auch im Programmheft abgedruckt wird: „Als die Generalprobe des ‚Wozzeck‘ zwar heftige Diskussionen auslöste, aber einen Erfolg der Premiere ahnen ließ, schlug die konservative Presse, die mit einem glatten Fiasko gerechnet hatte, sofort Lärm und brachte erlogene Sensationsmeldungen von einem Theaterskandal.“
Daniel Ender von der Alban-Berg-Gesellschaft Wien analysiert im Programmheft, wie der Musikkritiker Paul Zschorlich über die Aufführung des Wozzeck in der Deutschen Zeitung schrieb. Bei Zschorlich heiße es demnach: „Das Werk eines Chinesen aus Wien. Denn mit europäischer Musik und Musikentwicklung haben diese Massen-Anfälle und -Kämpfe von Instrumenten nichts mehr zu tun. Und ich frage mich nur eins: Sind diese Menschen, die gestern Beifall tobten, dieselben, die sich Bachs H-Moll-Messe oder eine Oper von Mozart anhören? Wenn das bejaht werden soll, dann steht dieses Publikum an Urteilsfähigkeit auf der Stufe der Tibetaner, dann ist seine Heuchelei und Verlogenheit so groß, dass man nach dem Spucknapf verlangt.“ Ender: „Die rassistischen Töne in diesem Text riefen eine damals etablierte Assoziation auf, wonach das Schlagwort ‚Chinese‘ als antisemitischer Code funktionierte. Später in Prag sollte Berg in einer weiteren Wendung als ‚Jude aus Berlin‘ (!) bezeichnet werden.“
Minderwertigkeitsgefühl kulturbeflissener Nazis
In seiner ersten Kritik der Aufführung lobte Zschorlich in der Deutschen Zeitung vom 15. Dezember 1925 zwar die musikalische Leistung des Dirigenten Erich Kleiber: „Dank seiner starken Musikalität und seiner ungewöhnlichen Routine brachte er mit dem Darsteller, die sich für das unsagbar schwierige Werk im Monat, lange Proben selbstlos und dennoch umsonst aufgeopfert haben, eine technische Beziehung vorzügliche Darstellung zu Stande.“ Doch seine ästhetische Kritik lässt erkennen, warum Berg später zu den „Entarteten“ gehörten und die kulturbeflissenen Nazis im Kern totale Banausen waren.
Zschorlich schreibt: „Die Musik von Alban Berg ist wahrhaft entsetzlich. Von dem in Jahrhunderten errichteten Harmoniegebäude ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Die Unsauberkeit und Verantwortungslosigkeit der Polyphonie, bricht selbst in Schönbergschen Weltrekord. Wer nach Melodie, nach Seele, nach Ausdruck, nach Formen und Gesetzen fragt, macht sich lächerlich und wird nicht für voll genommen. Das Orchester quiekt, wiehert, grunzt und rülpst. Herr Kleiber fühlt sich als Herr und Beschützer einer Bestialität, die den Publikum als Genialität aufgeschwatzt werden soll.“
Hier klingt an, was später zur nationalsozialistischen DNA gehören sollte – Ressentiments, Ablehnung von Avantgarde, ein Minderwertigkeitsgefühl aufgrund mangelnder Bildung. Zschorlichs Folgerung: „Von einer wirklich schöpferischen Leistung kann nicht gesprochen werden.“ Zum Schluss wird Berg als Populist dargestellt: „Nach dem letzten Akt zeigte sich der Komponist, auf die Instinkte der Masse bauend, mit dem kleinen Kind an der Hand, das mitgespielt hatte. Es war rührend! Aber der Wahrheit, die Ehre: Er errang sich einen äußeren Erfolg, konnte wiederholt erscheinen und mit dem Bewusstsein nach Hause gehen, sich durchgesetzt zu haben. Ein trügerisches Bewusstsein! Das wird sich in den folgenden Vorstellungen schon zeigen.“ Hier allerdings irrte der Kritiker fundamental: Alban Bergs „Wozzeck“ hat das Tausendjährige Reich doch deutlich überlebt.


