Berliner Ensemble

Robert Habeck und der Feminismus: „Ich als Mann kann hier nur alles falsch machen“

Zur Talkrunde des Ex-Ministers kamen die ZDF-Satirikerin Sarah Bosetti und Podcasterin Annika Brockschmidt. Es wurde ein überraschend gescheites Gespräch.

Ansprechende Debatte: Sarah Bosetti (l.), Annika Brockschmidt und Robert Habeck im Berliner Ensemble
Ansprechende Debatte: Sarah Bosetti (l.), Annika Brockschmidt und Robert Habeck im Berliner EnsembleMarkus Wächter/Berliner Zeitung

Wahrscheinlich würden einige der Besucher, die an diesem wunderbaren Sonntag extra aus der Sonne und ins Berliner Ensemble gehen, den Gesprächshost Robert Habeck lieber fragen, wie es denn mit seinen Rückkehrambitionen in die Politik aussieht, schließlich war darüber in der letzten Woche noch einiges Geraune  auszumachen, nachdem er im Februar bei der Münchner Sicherheitskonferenz aufgetaucht war und sich jüngst für Bayerns Grüne starkmachte.

Aber nun muss er sich erst mal um den Feminismus in der Republik kümmern, und dafür hat er für diesen Sonntag zwei politisch gleichgesinnte Schwergeschütze eingeladen. Da ist zum einen Satirikerin und Fernsehfrau Sarah Bosetti und zum anderen Annika Brockschmidt, Kulturjournalistin mit Expertise zu christlich-rechten Bewegungen in den USA. Nun hätte man, wenn man schon die Frage „Wem gehört der Feminismus?“ debattiert, auch eine Tradwife-Influencerin oder die katholisch-konservative Publizistin Birgit Kelle mit in die Runde bitten können, um die einhellig links-progressive Meinungsmacht dort etwas aufzubrechen, aber warum sollte es auf der Bühne anders zugehen als generell in deutschen Talkshowstudios? Oder andersrum: Habecks Bühne, Habecks Rules.

Sind Ikkimel und Shirin David wirklich Feministinnen?

Und so nimmt das Trio Habeck, Bosetti und Brockschmidt Platz auf Designerstühlen und vor dem Bühnenbild von „Antigone“, jener jungen Frau, die sich dem König widersetzt und das innere moralische Gesetz gegen die äußere Rechtsordnung stellt. Robert Habeck nennt Antigone das „erste feministische Stück der Weltliteratur“ und gibt zu, vor diesem Nachmittag „Bammel zu haben, weil ich keine Frau bin“, und da es auch um Körperlichkeit und Sexualität gehen soll, „ich als Mann nur alles falsch machen kann“.  Andererseits habe er sich schon immer als „feministischer Mann gefühlt“ und erwarte auch von anderen Männern, „dass sie sich für die Anliegen von Frauen einsetzen“.

Und schon hat er die durchaus spannende Frage für seine Gäste parat, ob Künstlerinnen und Deutsch-Rapperinnen wie Ikkimel und Shirin David, deren Songs millionenfach gestreamt und die sich selbst feministisch geben würden, denn überhaupt mit reingerechnet werden könnten ins feministische Portfolio, da sie doch eindeutig patriarchalische Schönheitsideale und männliche Begierden bedienten (Shirin David) oder sich selbst als „Fotze“ bezeichneten. Worte, die ihm, Habeck, „seit mehr als 40 Jahren abtrainiert wurden“. Zur Erbauung muss Bosetti Texte von Ikkimel zitieren, in denen das F-Wort auffällig oft auftaucht.

Ihre Antwort danach an Habeck: Die Texte mögen vielleicht das Patriarchat zementieren, aber sie lockerten es an anderer Stelle auch auf. Sie seien „ein großer Mittelfinger gegen das alte Gebot, Frauen dürften nie zu viel sein – nie zu laut, nie zu bedürftig, nie zu sexuell“. Gerade wenn Frauen, die man nicht als „normschön“ begreife, sich hinstellten und sagten, sie fänden sich „geil“, würden sie sich in diesem Moment „von patriarchalischen Zwängen befreien“. Andererseits, so Bosetti, wer nicht im Tanga auftreten könne oder wolle – sei das aus Schüchternheit, Alter, Körpernorm oder schlichtem Desinteresse –, solle trotzdem Feministin sein dürfen, ohne sich „an neuen Normen messen zu müssen“.

„Zu Hause am Herd stehen und kochen“

Das viel zitierte F-Wort wird dann vom Bühnen-Trio als Beispiel herangezogen, wie marginalisierte Gruppen Beleidigungen zurückerobern, um ihnen den Stachel zu ziehen. Aber sowohl Bosetti als auch Brockschmidt bemerken die Grenze dieser Strategie: Wer eine Beleidigung positiv besetze, löse noch nicht die Kategorie auf, die sie erst möglich mache. Im Anschluss rückt der obsessive Körper-Optimierungswahn von Shirin David in den Fokus, die viele im feministischen Umfeld nicht als eine der ihren ausmachen, sondern sie eher als „Plastikbarbie“ sehen: Kann das Bekenntnis zu chirurgischen Eingriffen wirklich „als Selbstbestimmung durchgehen“? Bosetti daraufhin klug: „Es ist Feminismus, dass du es kannst und darfst. Es ist vermutlich kein Feminismus, dass du es willst. Und schlimmstenfalls musst.“

Im Fortlauf des Nachmittags arbeiten sich die Diskutanten noch über den Feminismus einer Alice Schwarzer, deren Name nur pikiert verhandelt wird, bis zu den Frauen an der Spitze der amerikanischen Rechtsbewegung vor. Da sind dann die gefeuerte Heimatschutzministerin Kristi Noem, die Justizministerin Pam Bondi und die gegenwärtige Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, Thema. Und Annika Brockschmidt setzt die durchaus sinnige These in den Raum, dass diese Frauen – ebenso wie eine Giorgia Meloni in Italien oder eine Alice Weidel in Deutschland – alle „ein Produkt des Feminismus“ seien. Denn ohne die Frauenbewegung der letzten Jahrzehnte würden sie „zu Hause am Herd stehen und kochen“.

Feministinnen aber wären sie alle nicht, weil sie (bis auf Weidel) in Schlüsselpositionen einer Regierung säßen, die Abtreibungsrechte abbaue, Trans-Personen kriminalisiere und Geschlechtsangleichungen verbiete. Dabei würden sie aber „eine bestimmte Form hyperweiblicher Inszenierung als politisches Programm betreiben“. Delikat, aber auch nahbar, wird es, als man sich der großen Frage annimmt, ob und wie das Aussehen von Politikerinnen bewertet werden dürfe. Kurz schlenkert der Diskurs noch mal zu Angela Merkel und deren „Busenblitzer“ seinerzeit in Bayreuth. Der brachte einige politische Beobachter erst darauf, „dass sie wirklich eine Frau ist“, wirft Bosetti kiebig ein.

Die Lipfiller-Einstichstellen bei Karoline Leavitt

Aber solle man auch über eine Karoline Leavitt herfallen, wenn auf einem Foto die Einstichstellen ihrer Lipfiller-Injektionen zu sehen sind? Bezug nehmen die drei da auf ein Fotoshooting des amerikanischen Fotografen Christopher Anderson, der für die Vanity Fair den innersten Trump-Zirkel abgebildet hatte und der für seinen schonungslosen Stil bekannt ist. Bosetti gesteht, ein Video zu ihrer Verteidigung gemacht zu haben, was sie selbst „immer noch ein bisschen erschreckt“. Brockschmidt meint, der Fotograf betreibe damit nur  Bildkritik an einer Bewegung, die Körperlichkeit als Waffe einsetzt – das sei legitim. „Der Social-Media-Kommentar jedoch, der darüber lacht, weil eine Frau unnatürlich aussieht, betreibt Misogynie“, setzt sie nach. Das sei etwas anderes.

Was bleibt, ist ein Paradox, das auch die Diskutanten hinnehmen müssen. Der Feminismus, so ihr Fazit, habe Frauen an die Macht gebracht, darunter aber eben auch solche, die diese Macht nutzten, um Feminismus rückgängig zu machen. Bosetti will es mal so ausdrücken: Den Rechten sei „aus Versehen ein bisschen Feminismus passiert“. Frauen in Machtpositionen der Rechten seien nicht trotz ihrer Weiblichkeit dort, sondern wegen ihr. Sie wurden gebraucht. Das unterscheide sie von Alice Schwarzer, die gegen den Strom schwamm, und verbinde sie aber auch mit Ikkimel: „Beide haben das System nicht verändert, beide haben es bespielt“.

Nach anderthalb Stunden kann man sagen, dass man hier gerade Zeuge einer moderaten und gescheiten Zusammenkunft war, die vor allem aufzeigte, wie viel produktive Unschärfe im Begriff Feminismus steckt – und wie nötig es ist, ihn nicht zu vereinheitlichen. Zwischen Antigone und Ikkimel liegen zweieinhalbtausend Jahre, aber auch eine erstaunliche Kontinuität zur Frage, wem der weibliche Körper gehört, wer über ihn spricht, wer ihn inszeniert und wer davon profitiert.