Berlin-Ein Weihnachtsfest im Kreis der Familie, ein Urlaub im seit Jahrzehnten selben Haus an der Ostsee, ein neues Album von AC/DC oder eine neue Tour von Udo Lindenberg. Das alles war die neue Ausgabe von „Wetten, dass..?“ 40 Jahre nach der Erstausstrahlung und zehn Jahre nach der letzten Show mit Thomas Gottschalk. Die Erwartung eines Rettungsankers im alles verändernden Sturm der Zeit. Aber auch ein Zeitmarker, der sichtbar machen konnte, was sich verändert hat.
Thomas Gottschalk, 71 Jahre ist er jetzt alt, versucht ja, dieser Anker zu sein, dieser Fels. „Werden Sie gendern?“, sei er gefragt worden. „Haben Sie Angst vor dem Shitstorm?“ Auch wenn er die Fragen im Prinzip verneint, weglächelt, bekennt: „Ich habe das Alter erreicht, wo es einem egal ist. Ich bin ein Kavalier alter Schule“. Allein dadurch, dass er die Fragen erwähnt, markiert er deutlich, was der Sturm der Zeit gebracht hat.
Man kann weiter nicht gendern, man kann Scherze machen, die viele Menschen als sexistisch oder rassistisch bezeichnen würden. Man kann so tun, als wäre das lineare Fernsehen noch der Standard und Streaming-Portale und Soziale Medien ein freakiges Nebengeschäft. Man kann ein rein weißes, überwiegend männliches Podium zusammenstellen und es als Repräsentation der Mehrheitsgesellschaft behaupten. Aber es ist schwieriger geworden, all das ganz selbstverständlich zu tun, als hätten sich die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nicht verschoben – oder als wären anderslautende Diskurse nicht zumindest stärker geworden.
Hat Gottschalk sich liften lassen? Sind die Haare gefärbt?
Es gibt viele Momente in dieser Jubiläumsshow, in denen der Sturm der Zeit deutlich vernehmbare Böen schickt. Zum Beispiel bei den ersten Blicken ins Gesicht von Thomas Gottschalk. Die meisten Fernseh-Zuschauer haben es wahrscheinlich zumindest im Wetten-dass-Bühnenbild noch nicht in HD-Qualität gesehen. Hat er sich liften lassen? Die Haare sind doch gefärbt? Und warum tränen seine Augen? Rührung? Ein medizinisches Problem?
Doch dann ist man auch schnell wieder abgelenkt – denn wer heute noch fernsieht, hat doch meistens noch einen zweiten Bildschirm in der Hand oder auf dem Schoß. Darauf vielleicht die Twitter-, Instagram- oder Facebook-Timeline mit lustigen Memes: Drei Affen sitzen um einen runden Tisch, einer fragt: „Wo Bagger?“ Ganz Deutschland soll dieses Bild verkörpern, das an diesem Samstagabend auf die Baggerwette wartet.
Oder die Tierwette: Der Hund könne auch Yoga, plaudert Thomas Gottschalk, und zwingt Michelle Hunziker quasi einen Wetteinsatz auf: Wenn sie verliert, soll sie mit dem Hund Yoga machen. „In diesem Kleid“, fragt sie entrüstet? Gottschalks Augen wandern in Richtung ihres Riesen-Ausschnitts: „Deswegen schlage ich es ja vor!“ Noch vor zehn Jahren hätte ein Großteil der Zuschauer diese Situation wahrscheinlich milde weggelacht. Hach, dieser Schlawiner.
Was drückt sich in Gottschalks Kommentaren eigentlich aus?
Heute fragen vielleicht mehr Menschen, was sich darin eigentlich ausdrückt: Die Frau als Lustobjekt des männlichen Blicks oder als starker, sich seiner Schönheit selbstbewusster Mensch, der sie gern zur Schau stellt? „Wir sind touchy!“, bekennt Michelle Hunziker zu Beginn der Show, wie um den Showmaster zu entlasten, der gern mal eine Hand auf einem weiblichen Knie ruhen lässt. Auch hier hat der Sturm der Zeit wohl gewirkt: Durch Twitter rollt ein Screenshot, auf dem Hunzikers Hand auf Gottschalks Knie ruht.
Überhaupt, wo sind eigentlich die Gummibärchen auf dem Couchtisch geblieben? Gehen die wegen Gelatine nicht mehr? Dafür wirken die Gäste wie einfach dageblieben, noch von der letzten Sendung. Sogar Joko und Klaas gab es 2011 ja schon. Erstaunlich zahm sitzen sie da, irgendwie ergriffen von der Legende, in die sie sich wie per Zeitmaschine gebeamt fühlen. Als Joko kurz darüber spricht, wie sie ihrem Sender Pro7 Sendeminuten abluchsen, um dann brennend aktuelle Themen wie die menschenunwürdige Situation im Flüchtlingslager Moria in den Fokus zu rücken, stürmt es auch wieder: Ja, „Wetten dass..?“ war und ist freundliche Familienunterhaltung, aber auch aktuelle Weltpolitik bricht hier mal kurz ein, man kann sie kaum noch aussperren.
Der klassische Höhepunkt ist sicher, Björn Ulvaeus und Benny Andersson von ABBA live „SOS“ spielen zu sehen und zu hören mit Helene Fischer als weiblicher Singstimme. Aber dann ist da ja auch noch der heimliche Höhepunkt, der Auftritt von Zoe Wees, der noch einmal besonders deutlich macht, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Die in Hamburg geborene und aufgewachsene 19-jährige Sängerin performt „Girls Like Us“, ein Stück internationalen Pop, der in vielen Ländern erfolgreicher war als in Deutschland. Beim traditionellen Kurz-Talk auf der Musikbühne ist Thomas Gottschalk vollkommen lost.
Er spricht Wees auf Englisch an, obwohl sie sogar kurz klarstellt, dass sie doch selbstverständlich auch Deutsch spricht. Er stellt das grammatikalische Ungetüm einer Frage, die gleichzeitig wissend aussagt, dass man als nicht weiß gelesene Menschen heute nicht mehr als allererstes nach ihrer Herkunft fragen sollte, es aber trotzdem tut. Zoe Wees ist Hamburgerin. Genauso wie Udo Lindenberg.
Vielleicht ist das wirklich keine schlechte Idee, die während der Show von allen möglichen Seiten an Thomas Gottschalk herangetragen wird: Ab jetzt einmal im Jahr „Wetten dass..?“ zu moderieren. Genau wie man eben einmal im Jahr Weihnachten feiert oder in dieses Haus an der Ostsee fährt, das auch mal mehr gestrahlt hat, und sich vergewissert: Wer sind wir heute? Wir sind, und das ist sicher nicht das Schlechteste, unserer Sache möglicherweise nicht mehr ganz so sicher. So klingt der Abschied des Showmasters ein wenig gestammelt: „Herzlichen Dank, guten Abend und ja…“


