Beauty-Trend

Tätowierte Sommersprossen: Das absurde Streben nach inszenierter Einzigartigkeit

Aufgemalt, aufgesprüht, tätowiert: Fake-Sommersprossen sind der Beauty-Trend der Stunde – und das Symbol für einen Individualismus, der sich selbst abschafft.

Barbie mit Twist: Sommersprossen verleihen der makellosen Plastikpuppe das „gewisse Etwas“.
Barbie mit Twist: Sommersprossen verleihen der makellosen Plastikpuppe das „gewisse Etwas“.JOHN ANGELILLO via www.imago-images.de

Früher waren Sommersprossen etwas Besonderes. Die kleinen braunen Pigmentflecken waren rar, kamen sie doch nur nach ausreichendem Sonneneinfluss und bei bestimmter genetischer Veranlagung zum Vorschein. Sie hatten das Zeug zum Markenzeichen – aber auch zum Makel. Schließlich waren sie ein Abweichen vom Mainstream.

In der Popkultur gibt es einige berühmte Sommersprossen: Pippi Langstrumpf, das Sams, oder Pixars Prinzessin Merida. Allesamt sind sie draufgängerisch, unangepasst und ewig jugendlich.

Pünktchen im Gesicht: Vom Makel zum Must-have

Heute sind die Sprossen genau deswegen in Zeiten des kollektiven Individualismusstrebens zum Beauty-Trend geworden. Wohl jede junge Frau, die täglich zwei Stunden und aufwärts Bildschirmzeit hat, trägt die kecken Pünktchen im Gesicht – oder hat es zumindest schon einmal ausprobiert.

Influencerinnen geben Tipps, wie man mit Selbstbräuner, Pinsel und Schleudertechnik nach Jackson-Pollock-Manier braune Flecken über das Antlitz verteilen kann. Für jene, die es lieber präzise und fein kuratiert mögen, gibt es in Drogeriemärkten Filzstifte fürs Gesicht. Dazu zählt etwa auch Sängerin Billie Eilish, die wohl mit einem Augenbrauenstift ihre Sommersprossen malt.

Fein kuratierte Sommersprossen auf den Wangen von Billie Eilish bei den EMA-Awards 2022
Fein kuratierte Sommersprossen auf den Wangen von Billie Eilish bei den EMA-Awards 2022Image Press Agency/imago

Vorangetrieben wurde der Trend auch durch die asiatische Manga- und Anime-Kultur, in der Charaktere auf jeder Wange ein paar Sprossen haben, um „niedlich“, „unschuldig“ oder „natürlich“ zu wirken. Sie verleihen dem Gesicht einen jugendlichen bis kindlichen Charme. In Zeiten des Jugendwahns natürlich ein willkommener Effekt, den man sich gerne aufs Gesicht pinselt.

Tätowierte, kalkulierte „Natürlichkeit“

Manch eine legt sich dafür sogar unter die Nadel. Mittlerweile bieten etliche Studios Sommersprossen-Tattoos an – ein semi-permanentes Make-up, bei dem feine, unregelmäßige Farbpunkte in die obere Hautschicht pigmentiert werden. Das Ganze soll 6 bis 24 Monate halten und dann wie die natürlichen Vorbilder allmählich verblassen. Der Kostenpunkt: 200 bis 500 Euro. Doch wie schon bei den semi-permanenten tätowierten Augenbrauen à la Daniela Katzenberger, die in den frühen 2010ern trendeten, gibt es auch in diesem Fall Fails.

Das Internet ist gespickt mit Videos, in denen die vermeintlich temporäre Sprossen-Tätowierung schiefging: zu tief gestochen, verlaufen, entzündet. Ein berühmt-berüchtigtes Beispiel: Die australische Influencerin Tilly Whitfield, die bei sich selbst versuchte, Sprossen zu tätowieren – und stattdessen eine Entzündung und Narben bekam.

Die Fake-Sprossen sind nur ein neues Gesicht des absurden Strebens nach kalkuliertem Individualismus. Man will aus dem Filter-optimierten und gebotoxten Mainstream herausstechen – aber bitte nicht zu sehr. Die hohe Kunst im 21. Jahrhundert ist es längst nicht mehr, einfach nur hübsch auszusehen – das kann schließlich jeder. Besonders aussehen, ein Markenzeichen haben, das ist nun die Währung. Eine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen etwa, gebleichte Augenbrauen oder ein Muttermal über der Lippe.

Wie bei allen Trends ist natürlich auch in puncto Sommersprossen das Paradoxon, dass sie, sobald sie in den Mainstream übergehen, ihren individuellen Charakter verlieren. Sicherlich werden sie, davon kann man ausgehen, in nicht allzu ferner Zukunft langsam von den Gesichtern verblassen. Die Filzstifte werden austrocknen, die Spritztechniken in Vergessenheit geraten. Manch einer wird ein Laserstudio aufsuchen müssen. Wer schön sein will, muss leiden.