Sie ist eine der ikonischsten Fassaden der Hauptstadt: die lange, rhythmisch gegliederte Front des KaDeWe. Ein Fixpunkt im Stadtbild, an dem Alltag, Konsum und Flanieren traditionell miteinander verschmelzen.
Kuratorischer Ansatz von Sebastian Hoffmann
Wenn am kommenden Wochenende Tausende Kunsthungrige nach Berlin kommen und das Gallery Weekend die Stadt in Bewegung versetzt, zeigt sich die Fassade an der Tauentzienstraße in einem anderen Modus.
Zum zweiten Mal wird aus dem Einkaufspalast KaDeWe auch eine Kunsthochburg. Unter dem Titel „Display, Pause, Repeat“ verwandeln sich die zehn Schaufenster, bespielt von den Künstlern David Byrne, Hanne Darboven, Simon Denny, Leila Hekmat, Ken Lum, Claudia Mann, Harry Nuriev, Kayode Ojo, Sophie Reinhold und Ian Waelder, in Ausstellungsräume.
Die Idee hat Tradition: Schon Salvador Dalí nutzte in den 1930er-Jahren Schaufenster in New York als Experimentierfeld und ging dabei so weit, die Grenze zwischen Innen- und Außenraum buchstäblich zu attackieren – inklusive zerbrochener Scheibe bei Bonwit Teller, dem Luxus-Kaufhaus an der Fifth Avenue.

An diesen Gedanken knüpft das KaDeWe mit Kurator Sebastian Hoffmann an: „Schaufenster sind eigentümliche Räume. Sie sind dreidimensional angelegt und lassen sich nur von außen betrachten – wie ein Bühnenraum, den man nicht betreten kann. Genau darin liegt der Reiz: ein Raum mit Tiefe, der gleichzeitig frontal bleibt. Fast wie ein Bild, nur eben begehbar – allerdings nur gedanklich. Man steht davor wie vor einem Diorama oder Guckkasten.“
Diesen beinahe spielerisch-philosophischen Blick auf Raum lebt der gebürtige Berliner auch als Teil des Einrichtungsbüros Tadan, das er gemeinsam mit Stella von Senger und Cecil von Renner betreibt. Das Kollektiv versteht sich weniger als klassische Kunstberatung, sondern als Einrichtungs- und Gestaltungspraxis, die Kunst, Design und Raumdenken verbindet – also nicht nur Werke auswählt, sondern auch ihre Inszenierung im Raum mitdenkt.

Kunst im Vorübergehen
Schon bei der Schaufenster-Gestaltung im vergangenen Jahr habe Hoffmann erlebt, dass Kunst als „Nebenbei-Produkt“ funktioniert. Es entstehen unterschiedliche Arten des Sehens: Manche laufen vorbei, andere bleiben stehen, treten näher heran, vergleichen oder schauen sich mehrere Fenster hintereinander an.
Er erzählt von einem Vater, der mit seiner Tochter an mehreren Tagen wiederkam – und jedes Mal ein neues Lieblingsschaufenster auswählte. Die Frage dahinter sei weniger: Was sehe ich? – sondern vielmehr: Was passiert über Zeit?
„Display, Pause, Repeat“
Der Titel der diesjährigen Ausstellung „Display, Pause, Repeat“ verweist genau darauf. „Die Installationen sind keine klassischen Performances – und doch entfalten sie sich über die Dauer der Betrachtung“, sagt Hoffmann.
Die Bewegung entsteht oft nicht im Werk selbst, sondern im Zusammenspiel mit der Umgebung: Passanten, Verkehr, Licht, Spiegelungen im Glas. Gerade auf der Tauentzienstraße, einem der belebtesten Orte der Stadt, wird das deutlich. Die Kunst setzt hier keinen harten Kontrast, sondern eher kleine Unterbrechungen im permanenten Fluss.

Erweiterung ins Innere des KaDeWe
Erstmals verlagert sich das Projekt auch ins Innere des Hauses. Dort tritt die Kunst in direkten Dialog mit den Bewegungsabläufen des KaDeWe – Rolltreppen, Wege, Blickachsen.
Ein besonders prägnantes Beispiel ist „Step & Leap“ von Heiner Franzen auf der zweiten Etage. Vier Bildschirme am Kopf der Rolltreppe zeigen Schrittbewegungen von etwa Günter Netzer in Dauerschleife. Die KaDeWe-Flanierenden kommen auf der Ebene an, werden von der Installation „empfangen“, bleiben vielleicht stehen – oder merken erst im Weitergehen, dass sie Teil der Wiederholung geworden sind.
Hier zeigt sich der leicht schelmische Blick, mit dem Hoffmann die Ausstellung angelegt hat: nichts Überinszeniertes, sondern ein subtiles Verschieben von Situationen, die ohnehin stattfinden.

Dass das so gut funktioniert, liegt auch daran, dass das KaDeWe quasi das zweite Zuhause von Hoffmann ist. Freunde schreiben ihm regelmäßig, ob er „zufällig gerade im Kaufhaus“ sei – und meist stimmt das sogar.
