Nachruf

Adriano Goldschmied ist tot: Wie der Denim-Papst die Jeans für immer veränderte

Er gab der Jeans den Stretch, den Stonewash-Look und Marken wie Diesel und Replay. Nun ist Adriano Goldschmied im Alter von 82 Jahren in Italien gestorben.

Adriano Goldschmied (1944–2026)
Adriano Goldschmied (1944–2026)Nick.marin.joe/wikimedia

Wenn heute Millionen Menschen in weiche, vorgewaschene Jeans schlüpfen, die sich wie eine zweite Haut anfühlen, dann tragen sie – oft ohne es zu wissen – das Erbe eines Mannes aus Norditalien. Adriano Goldschmied hat die Jeans nicht erfunden, aber sie trägt trotzdem seine Handschrift. Er war der Mann im Hintergrund einer Branche, die die Welt eroberte. 

Nun ist der Denim-Papst am 5. April 2026 im Alter von 82 Jahren nach einer Krebserkrankung in Castelfranco Veneto in Italien gestorben. Er hinterlässt seine Frau und drei Töchter. Ein Nachruf.

Vom geschenkten Paar Jeans zur Lebensaufgabe

Geboren am 29. November 1943 im piemontesischen Ivrea, wuchs Goldschmied in einer jüdischen Familie in Triest auf. Seine Begeisterung für Denim begann früh: Ein amerikanischer Soldat schenkte dem Jungen ein Paar Jeans. Der steife, indigoblaue Stoff ließ ihn nicht mehr los. Als junger Mann eröffnete Goldschmied in Cortina d’Ampezzo ein Geschäft für Hippie-Kleidung und brachte in den 1970er-Jahren seine erste eigene Marke auf den Markt: King’s Jeans.

Wer damals Jeans an Modehändler verkaufen wollte, stieß allerdings auf Widerstand. Denim galt als Billigprodukt, als Arbeiterstoff, dem niemand einen Platz im gehobenen Einzelhandel zutraute. Goldschmied ließ sich davon nicht entmutigen – er machte es sich zur Aufgabe, genau dieses Bild zu korrigieren.

Stonewash und Stretch: Zwei technische Meilensteine

Goldschmieds technische Neugier wurde zum Treiber für eine ganze Industrie. Er perfektionierte das Stonewash-Verfahren, bei dem Jeans zusammen mit Bimssteinen gewaschen werden, um ihnen einen weichen, getragenen Look zu verleihen. Was vorher Jahre des Tragens brauchte, kam nun fertig aus der Produktion. Der Style prägte die Jeansmode der 1980er- und 1990er-Jahre maßgeblich.

Ebenso bedeutsam war sein Beitrag zur Stretch-Jeans. Goldschmied trieb die Verbindung von Denim mit elastischen Fasern voran und verhalf der Jeans damit zu einer neuen Passform – bequemer, körperbetonter, vielseitiger einsetzbar. Damit erschloss er dem Kleidungsstück neue Zielgruppen und ebnete ihm den Weg von der Streetwear bis in die High Fashion.

Die Genius Group: Plattform für junge Talente

1981 gründete Goldschmied die Genius Group – einen kreativen Inkubator, der jungen Talenten eine Plattform bot. Das Prinzip: Wer Ideen hat, braucht keinen Ausweis und keine Kreditkarte, sondern nur eine Chance. Eines dieser Talente war Renzo Rosso, mit dem Goldschmied Diesel gründete – eine Marke, die zur globalen Ikone der Jeanskultur wurde. Rosso baute später den Luxuskonzern OTB auf, zu dem heute Häuser wie Marni, Maison Margiela und Jil Sander gehören.

Renzo Rosso (M.) bei der Eröffnung einer neuen Diesel-Filiale in Paris im Jahr 2006
Renzo Rosso (M.) bei der Eröffnung einer neuen Diesel-Filiale in Paris im Jahr 2006RACHID BELLAK/BESTIMAGE/IMAGO

Auch Replay ging aus dem Umfeld der Genius Group hervor. Insgesamt brachte Goldschmied in seiner über 50-jährigen Karriere rund 60 Labels hervor – darunter AG Adriano Goldschmied, Goldsign, Agolde und eine Denim-Linie für Gap.

Früher Blick auf die Schattenseiten

Während die Jeans in den 1980ern und 1990ern zum globalen Bestseller wurde, sah Goldschmied auf seinen Reisen durch die Produktionsländer auch die Kehrseite des Booms: Chemikalien, die Arbeiter krank machten, Abwässer, die Flüsse belasteten. Lange bevor Nachhaltigkeit zum Branchenthema wurde, begann er umzudenken. Er erprobte umweltschonendere Verfahren mit Laser und Ozon, setzte auf Fasern wie Tencel und arbeitete an zirkulären Denim-Konzepten.

Die Adriano-Goldschmied-Filiale in Beverly Hills wurde im Jahr 2007 von Paparazzi belagert, weil Britney Spears dort einkaufen ging.
Die Adriano-Goldschmied-Filiale in Beverly Hills wurde im Jahr 2007 von Paparazzi belagert, weil Britney Spears dort einkaufen ging.Anthony Monterotti/Avalon/IMAGO

Warum man ihn den „Godfather of Denim“ nannte

All das verlieh Goldschmied in der Branche den Beinamen „Godfather of Denim“. Wie ein Pate zog er im Hintergrund die Fäden: Er brachte die richtigen Leute zusammen, förderte Talente wie Renzo Rosso, stieß technische Neuerungen an und hatte bei fast jeder wichtigen Entwicklung in der Denim-Welt seine Finger im Spiel. Dabei drängte er sich selten in den Vordergrund. Sein Name stand nicht auf den größten Ladenfassaden – aber sein Einfluss steckte in den Jeans, die dort verkauft wurden. Es besaß diese seltene Mischung aus Erfindergeist, Großzügigkeit und stiller Beharrlichkeit, die der Jeans zu ihrem Siegeszug verhalf.

Bis zuletzt neugierig geblieben

Stillstand kannte Goldschmied nicht. Noch in seinen letzten Jahren entwarf er mit Gabriela Hearst eine nachhaltige Capsule-Kollektion für Chloé, ging eine Partnerschaft mit dem italienischen Modekonzern OVS ein und suchte nach dem, was er eine „neue Denim-Sprache“ nannte.

„Wenn du immer nur die gleiche Five-Pocket-Hose anbietest, die einst Goldschürfer und Bergleute trugen, wirst du die Industrie nicht verändern“, so ein berühmtes Zitat von Goldschmied. Er hat die Jeans verändert – beharrlich und über Jahrzehnte hinweg.