Die Bobfahrer haben sich am letzten Wochenende der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina als deutsche Medaillengaranten erwiesen. Mal wieder. Auf die Gold- und Silbermedaille der Frauen am Samstagabend im Zweierbob folgten am Sonntagmittag in der drittletzten Medaillenentscheidung noch einmal Gold und Silber. Und damit auch so etwas wie eine Schönheitskorrektur der deutschen Gesamtbilanz. Auf den letzten Drücker konnte Deutschland das Ergebnis der Spiele von 2022 in Peking fast wiederholen, ließ auf 27 Medaillen von vor vier Jahren diesmal 26 folgen.
Norwegen ist Deutschland dicht auf den Fersen
Im ewigen Medaillenspiegel aller Olympischen Winterspiele bleibt Deutschland, wenn man die Medaillen, die während der Trennung in DDR und BRD gewonnen wurden, dazurechnet, damit weiterhin die erfolgreichste Nation der Welt. Bei der Tendenz in den vergangenen Auflagen der Wettbewerbe aber ist es nur eine Frage der Zeit, bis Norwegen, das bei den Spielen in Mailand und Cortina die meisten Gesamt- (41), aber auch Goldmedaillen (18) gewann, vorbeiziehen wird.
Bei den am Sonntagabend beendeten Spielen in Italien weist Deutschland beim Blick auf die Goldmedaillen die fünftbeste Bilanz auf, liegt bei den Gesamtmedaillen hinter Norwegen (41), den USA (33) und Gastgeber Italien (30) immerhin noch auf Platz vier. Eine Platzierung, die man in den zurückliegenden 16 Tagen an den unterschiedlichen Standorten Norditaliens zu häufig mit deutschen Sportlern in Verbindung bringen musste.
Im Teamhotel der Biathleten wurde Philipp Horn nach dem letzten Rennen der Männer im Massenstart mit einer Plakette aus Papier und Pappe begrüßt. Auf der Vorderseite war eine „4“ auf den olympischen Ringen, auf der Rückseite die Würdigung „Sieger der Herzen“ zu sehen. „Die extrem vielen vierten Plätze schmerzen mich“, sagte Olaf Tabor, Leistungssportdirektor im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Aber redete dieses Verpassen von Medaillen, was den Deutschen insgesamt 14-mal passierte, im nächsten Satz direkt schön: „Doch auch vierte Plätze sind Weltklasse.“

Viertplatzierte verpassen Prämie
Für die vierten Plätze aber verpassten die Athleten nicht nur eine Medaille, sondern auch die dafür ausgelobte Prämie. Aber vielleicht ist die auch eins der Probleme im deutschen Spitzensport. Während der DFB bei einem Titelgewinn der Fußball-Europameisterschaft vor zwei Jahren 400.000 Euro pro Spieler gezahlt hätte, erhielten deutsche Olympiasieger von der deutschen Sporthilfe für Gold gerade einmal 30.000 Euro, für Silber gab es 20.000 und für Bronze 10.000 Euro. Noch mal der Vergleich zu den Fußballern: Die hätten schon bei einem Gruppensieg in der Vorrunde jeder 50.000 Euro bekommen. Den deutschen Wintersportlern fehlen die finanziellen Anreize, die es in anderen Ländern gibt.
Denn: Nicht nur sportlich ist Deutschland von den Spitzenländern abgehängt, sondern auch die Sportler in der Prämientabelle für Medaillengewinner. In Polen war für jeden Olympiasieger eine Prämie zwischen rund 178.000 und knapp 300.000 Euro ausgelobt worden sowie ab dem 40. Lebensjahr eine lebenslange monatliche Rente. Gastgeber Italien hat seine Athleten für Gold mit rund 180.000 Euro, für Silber mit 90.000 und für Bronze mit 60.000 Euro belohnt und musste beim Rekordwert von 30 Medaillen tief in die Tasche greifen. Frankreich zahlt etwa 80.000 Euro für Gold. Die Schweiz liegt mit rund 54.000 Euro ebenfalls deutlich vor Deutschland.
In diesem fehlenden finanziellen Anreiz ist sicherlich ein Grund für das sportlich zweitschlechteste Abschneiden einer deutschen Olympia-Mannschaft bei Winterspielen seit der Wiedervereinigung zu finden. Nur 2014 war man im russischen Sotschi mit gerade einmal 19 Medaillen noch schlechter gewesen. Aber: Ohne die acht Medaillen, die die deutschen Bobpilotinnen und -piloten in Cortina gewonnen haben, wäre das deutsche Team noch schlechter als damals in Russland, wo die Bobsportler komplett ohne Medaille geblieben waren.
Die meisten Medaillen im Eiskanal geholt
Das Ausmaß der Krise im deutschen Wintersport wird sogar noch größer, wenn man auch noch die fünf Medaillen der Rodler und sechs Medaillen der Skeletonis abzieht. Dann muss man konstatieren, dass 19 aller deutschen Medaillen von den Sportlern in den drei Sportarten im Eiskanal gewonnen wurden, sechs von acht deutschen Olympiasiegen im Bob und Rodeln zu verzeichnen sind. Zu erwähnen ist dabei, dass die deutschen Medaillengaranten im Eiskanal größtenteils aus Thüringen und Sachsen kommen.
Das schlechte Abschneiden im Gesamtergebnis ist auf eine sich seit Jahren abzeichnende Tendenz in anderen früheren deutschen Kernkompetenzen zurückzuführen. Insbesondere sind da die Skispringer und die eingangs erwähnten Biathleten zu nennen.
Während im Biathlonteam jetzt vierte Plätze mit selbstgebastelten Medaillen gefeiert werden, wurden zu Zeiten von Magdalena Neuner, der im vergangenen Jahr gestorbenen Laura Dahlmeier, Sven Fischer oder Arnd Peiffer regelmäßig Medaillen gewonnen. Nationen wie Norwegen oder Frankreich aber haben in den vergangenen Jahren in ihren Leistungszentren nicht mehr nur einzelne Ausnahme-Sportler wie Martin Fourcade oder Ole Einar Björndalen hervorgebracht.
Die Qualität und Tiefe im Kader der Biathleten ist bei Frauen wie Männern für das deutsche Team fast schon erschreckend angestiegen. In neun von elf Biathlon-Entscheidungen ging der Olympiasieg an Norwegen oder Frankreich, die anderen beiden Titel gingen nach Schweden und an Gastgeber Italien. Für das deutsche Team sprang am Ende mit Vanessa Voigt und Justus Strelow vom Olympiastützpunkt Thüringen und Franziska Preuss und Philipp Nawrath vom Olympiastützpunkt Bayern lediglich eine Bronzemedaille in der Mixed-Staffel heraus.
Keine Änderung in Sicht
Dass sich das in naher Zukunft ändern wird, ist nicht absehbar. Deutschland scheint dort für die kommenden Jahre komplett abgehängt zu sein und kann nur auf Ausrutscher am Schießstand hoffen. Ähnlich wirkt die Entwicklung im Skispringen. So schön sich die Goldmedaille von Philipp Raimund von der Normalschanze im ersten Moment für den Zuschauer anfühlte, so unerwartet, weil unerwartbar, war sie tatsächlich.

Seit 2002 und dem historischen Triumph von Sven Hannawald läuft Deutschland dem Sieg bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee hinterher und muss immer wieder zuschauen, wie die Titel nach Slowenien, Japan, Österreich, Polen oder Norwegen gehen. Die deutschen Spitzenspringer haben nach Regeländerungen im Sommer den Anschluss verloren.
Internationale Entwicklung verschlafen
In einigen traditionellen Sportarten, zu denen auch der wieder einmal medaillenlose Eisschnelllauf zählt, hat Deutschland also den Anschluss verloren, in den modernen Disziplinen in Halfpipes oder auf Buckelpisten, auf Skiern oder Snowboards wurde die internationale Entwicklung komplett verschlafen. Da sind Nationen wie die USA, die Schweiz oder Frankreich deutlich weiter.
Die Goldmedaille von Skicrosserin Daniela Maier ist da eine positive Ausnahme. Immerhin hat man das Problem erkannt. „Wir haben Nachwuchsthematiken in unterschiedlichen Sportarten“, sagte Tabor und spielte dabei konkret auf die erst seit wenigen Jahren zum Olympischen Programm gehörenden Sportarten im Ski- und Snowboard-Freestyle an.
Der Leistungssportdirektor im DOSB nannte im Gespräch mit der ARD aber auch noch einen weiteren Grund, warum Deutschland in diesen Sportarten mit der Weltspitze nicht konkurrenzfähig ist: „Es fehlt an entsprechenden Sportstätten bei uns.“
Mehr Investitionen in den Sport nötig
Der frühere Skistar und heutige TV-Experte Felix Neureuther sieht in den Freestyle-Disziplinen in Deutschland „nicht die nötigen Strukturen, um international erfolgreich zu sein“ und nimmt den Staat in die Pflicht, der für größere sportliche Erfolge viel mehr in den gesamten Sport investieren müsse. Pro Jahr „reichen nicht 500 Millionen bis eine Milliarde“, sagte er. Und: „Wir müssen es schaffen, die Kinder wieder mehr zum Sport zu bekommen.“
Sehr verwunderlich, dass das bei Sportarten wie dem Freestyle auf Skiern und Snowboard, die doch eigentlich die Jugend deutlich mehr ansprechen, nicht gelingt. Tabor sagt, dass der DOSB gemeinsam mit den deutschen Fachverbänden nach zwei, drei Wochen der Ruhe und Reflexion in die Analyse gehen wolle.
Für DOSB-Präsident Thomas Weikert gibt es definitiv Handlungsbedarf. „Klar ist immer Luft nach oben. Insbesondere in den Fachbereichen müssen wir das analysieren.“ So fordert Weikert „seit langem“ mehr Sportstunden in der Schule: „Wir brauchen vier Stunden.“ Dazu kritisierte der Funktionär die zu geringe Bezahlung der Trainer sowie die oft üblichen Zeitverträge. „Das ist aus meiner Sicht nicht in Ordnung. Das ist auch der Ruf an die Politik, das zu ändern, damit wir besser planen können und in zwei Jahren in den USA besser abliefern können.“
Dann finden die nächsten Olympischen Sommerspiele in Los Angeles statt. Auch dort ist die sportliche Tendenz beim Blick auf die gewonnenen Medaillen bei den vergangenen Auflagen rückläufig gewesen. Die Gründe im Bereich finanzielle Unterstützung und im internationalen Vergleich nicht ausreichender Sportinfrastruktur ähneln denen der Wintersportler.
Gastgeber steigern olympische Medaillenausbeute
Vielleicht aber spricht man mal mit den Italienern, Chinesen oder Franzosen. In diesen drei Ländern haben die seit Sonntag vergangenen drei Olympischen Spiele im Winter und Sommer stattgefunden. Die Gastgeber haben dabei nicht nur in die Wettkampfstätten an den jeweiligen Standorten, sondern auch in die Förderung ihrer Athleten investiert.


