Berlin-Die sportliche Bilanz in diesem Kalenderjahr hat die Situation noch einmal verschärft. Nur zwei Punkte aus fünf Rückrundenspielen, dazu das Aus im Pokal-Derby gegen den Stadtrivalen Union Berlin und wenig Hoffnung auf Besserung. Hertha BSC ist in der Bundesliga im freien Fall Richtung Zweite Liga. Der erst im November für den erfolglosen und spielerisch ideenlosen Pal Dardai verpflichtete Trainer Tayfun Korkut muss um seinen Job fürchten, weil er in diesem Jahr noch nicht mal im Testspiel gegen Lech Posen einen Sieg einfahren konnte. Und als wäre das alles nicht schon bitter genug, wird jetzt auch noch die nächste Zündstufe in der Krise aktiviert. Der enttäuschte 375-Millionen-Euro-Investor Lars Windhorst geht auf Herthas Bosse los. Seine Äußerungen sind vor allem ein Frontalangriff auf Präsident Werner Gegenbauer (71).
Während die Fans ein fast schon flehendes Banner mit der Aufschrift „Abstiegskampf annehmen, zusammen!“ am Zaun der Hanns-Braun-Straße beim Eingang zum Olympia-Gelände aufgehängt haben, hält Geldgeber Windhorst nicht mehr still. Vier Tage nach dem 1:2 beim abgeschlagenen Tabellenletzten Fürth gibt es von ihm im Wirtschaftsmagazin Capital eine Generalabrechnung zu lesen: „Ich habe darauf gesetzt, dass bei Hertha rational und in die Zukunft denkende Leute das Sagen haben, die auch nachhaltig den Erfolg wollen.“
Engagement bei Hertha für Windhorst ein Fehler
Dann redet der Finanzmanager, genau wie einst Jürgen Klinsmann, von „Machterhalt und Klüngelei“ und bezeichnet sein Engagement beim Hauptstadtklub als Fehler. „Ehrlich gesagt, aus heutiger Sicht ja, leider. Bislang hat mir das Investment bei Hertha abgesehen von positiven Erfahrungen mit vielen Mitgliedern nur Nachteile gebracht“, so Windhorst und ergänzt in voller Schärfe: „Ich lasse mir von niemandem dort 375 Millionen Euro verbrennen und werde darum niemals aufgeben.“ Im Sommer stieg Windhorst bei Hertha BSC ein und trotz der Millionen-Spritze blieb der sportliche Erfolg aus. Jetzt droht in der dritten Saison nacheinander wieder mal der Abstieg.
Für höhere Ziele wurden viele teure Stars geholt. Mit ihnen versuchten sechs Trainer ihr Glück, gab es sogar einen Managertausch von Michael Preetz zu Fredi Bobic. Der muss sich seit seinem Amtsantritt im Sommer 2021 wegen der Corona-Krise aber eher damit beschäftigen, das Geld zusammenzuhalten. Als Hauptgrund des Niedergangs sieht Windhorst Präsident Gegenbauer, den er als Bremser bei der Modernisierung des Klubs sieht. Der Finanzmanager will mehr mitreden. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden schwelten von Beginn an.
Nicht nur Windhorst ist mit dem Hertha-Boss, der seit knapp 14 Jahren im Amt ist, unzufrieden, auch viele Mitglieder. Bei seiner Wiederwahl im Oktober kam Gegenbauer gerade mal noch auf 54 Prozent, obwohl es keinen Gegenkandidaten gab. Man hat den Eindruck, dass Windhorst am liebsten selbst Präsident werden möchte. Doch das lassen die DFL-Statuten wegen der finanziellen Abhängigkeit nicht zu.
Alles erinnert an Klaus-Michael Kühne beim HSV
Der Zoff ist da. Es erinnert alles ein bisschen an den Hamburger SV der vergangenen Jahre, als der in der Permanent-Krise steckte und dort Gönner Klaus-Michael Kühne (84) immer wieder stichelte. Der kam erst vor ein paar Monaten zur Erkenntnis und sprach von einem „völlig missglückten Abenteuer als Investor“.
