Die wichtigsten Soldaten moderner Kriege sind die Journalisten. Wo Krieg herrscht, da müssen vorher Journalisten zu Soldaten geworden sein. Beginnen wir beim modernen Staatsgedanken, um das zu begreifen.
Die Vordenker der bürgerlichen Zivilisation wie Hobbes, Locke und Kant sahen die Staatsgründung in ihren Gedankenexperimenten als Überwindung des Naturzustandes. Ohne ihn lebe man ein „armseliges, rohes und kurzes Leben“ (Hobbes). Locke betrachtete den Homo sapiens als kooperativ; nur die Aussicht, sich die Naturdinge, „in die er seine Arbeit gemischt hat“ – seine Produkte und seinen eigenen Körper – als festes Eigentum zu sichern, veranlasse ihn, einen Staat zu gründen. Die „ungesellige Geselligkeit“ (Kant) des Menschen mache den Staat notwendig, denn eine Gewalteskalation bis zum „Krieg aller gegen alle“ sei als Unfall jederzeit möglich, solange der Eigennutz ungezügelt regiere.
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Der Krieg ist dieser Tradition zufolge das Ende der Zivilisation, das heißt, alles bürgerlichen Lebens, in dem jedem innerhalb seiner „Burg“ – das heißt in seinem Staat – ein gesichertes Dasein und eine gewisse Ruhe versprochen ist.
Der moderne Krieg ist schlimmer als der Naturzustand, den die Staatsgründung überwindet. Im modernen Krieg stehen sich nicht Waldbewohner gegenüber, die sich ins Gehege kommen und in den Totschlag stolpern; vielmehr liegen heute von ihren Artgenossen als „Menschenmaterial“ missbrauchte Menschen im Feld.
Und jetzt stehen die zivilisatorischen Zwangsmittel der Ideologie und des Kapitals bereit, um ein diszipliniertes Töten profitabel zu organisieren, anzuleiten und in die Länge zu ziehen. Soldaten und Unbewaffnete werden heute offiziell Idealen, tatsächlich jedoch Finanzinteressen geopfert.
Und aus all dem ergibt sich, dass die wichtigsten Soldaten des modernen Krieges die Journalisten sind. Die zu verbergenden Tatsachen des Krieges sind so monströs, wie die Errungenschaften der Zivilisation gedeihlich sind. Daher ist die Lügenschwängerung des ganzen öffentlichen Raums nötig, um den Krieg zu verbergen oder seine Gestalt doch so zu verzeichnen, dass der beiläufige Betrachter unsicher bleibt und vielleicht unruhigen Herzens, aber doch wortlos weiterzieht. Denn kein Bürger, der bei Verstand ist, stimmt der Aufhebung seiner Burg zu und zieht freiwillig wieder in den Wald.
Es ist immer die langfristige, tägliche Wiederholung von Lügen nötig, um den Nebel zu stiften, in dem sich der Mensch zum Verbrauchsmaterial erklären und auch so verwenden lässt. Journalisten sind hier unersetzlich.
Die Täter des Krieges müssen etwas hören, das ihr Töten wenn nicht nobel, so doch notwendig erscheinen lässt; seine Opfer müssen etwas hören, das ihr Opfer wenn nicht sinnvoll, so doch unumgänglich erscheinen lässt; und seine Zuschauer müssen etwas hören, das sie in Unentschlossenheit und Zweifel hält, bis den offiziellen Idealen für diesmal Genüge getan, d.h. bis für diesmal genug Geld mit Massentötungen verdient wurde.


