Am 28. Februar 2026 beginnt mit der Operation „Brüllen des Löwen" ein neues Kapitel im Nahostkonflikt: Die USA und Israel greifen den Iran mit Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Cyberattacken an – am helllichten Tag, mitten in laufenden Atomverhandlungen. Tomahawks schlagen nahe dem Büro des obersten Führers Khamenei ein, Teheran versinkt in Rauch. US-Präsident Trump fordert in einem achtminütigen Statement die iranische Bevölkerung zum Regimewechsel auf.
Doch anders als im Zwölftagekrieg im vergangenen Jahr scheint Teheran vorbereitet: Iranische Jets steigen auf, Vergeltungsschläge treffen US-Stützpunkte in Bahrain, Katar und Kuwait. Die Straße von Hormuz – Nadelöhr für 20 Prozent der globalen Energieversorgung – droht zur Waffe zu werden.
Waren die bis zuletzt laufenden Verhandlungen zwischen den USA und Iran etwa nur Fassade? Der Nahostexperte Michael Lüders sieht das so. Im Gespräch mit der OAZ erklärt er, warum die Vorstellung eines schnellen Ende des Krieges eine gefährliche Illusion ist – und welche Folgen eine Eskalation für Deutschland haben dürfte.
Herr Lüders, das Oppositionsmedium Iran International hat Videos geteilt, in denen Menschen über die Angriffe der USA auf den Iran jubeln. Jubeln Sie auch?
Es mag Menschen geben, die Zerstörung mit Erlösung verwechseln, aber niemand, der bei Verstand ist, kann diesen Angriff auf den Iran gutheißen. Es ist ein völkerrechtswidriger Angriff, der durch nichts zu rechtfertigen ist – auch wenn die Medien in Deutschland diesen US-israelisch geführten Angriff als Präventivkrieg framen. Es ist ein Krieg, dessen weiterer Verlauf, geschweige denn Ausgang, noch überhaupt nicht abzusehen ist. Eine äußerst gefährliche Entwicklung zeichnet sich hier ab. Und mein Eindruck ist, dass die meisten Politiker und Meinungsmacher in Deutschland die Gefahren dieses Krieges gewaltig unterschätzen.
Die Regierungen in Tel Aviv und Washington sind sich einig, dass man den letzten Staat in der Region, der sich den hegemonialen Ansprüchen der USA widersetzt, zerschlagen möchte.
Warum greifen die USA und Israel gerade jetzt den Iran an?
Die Frage ist berechtigt, vor allem weil es ja Verhandlungen gab über die Begrenzung des iranischen Atomprogramms. Der omanische Außenminister zeigte sich noch eine Stunde vor Beginn der Angriffe optimistisch, dass es eine Verhandlungslösung geben werde. Seit 30 Jahren ist insbesondere der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu bemüht, die USA in einen Krieg gegen den Iran zu tragen. Die Regierungen in Tel Aviv und Washington sind sich einig, dass man den letzten Staat in der Region, der sich den hegemonialen Ansprüchen der USA wie auch Israels widersetzt, zerschlagen möchte.
Trump hat seinen Angriff in einer achtminütigen Rede begründet. „Das Regime im Iran wird niemals eine Atomwaffe haben“, sagte er dort unter anderem. Was haben Sie gedacht, als Sie das Statement gesehen haben?
Die Rede, die Präsident Trump zur Begründung des Angriffs gehalten hat, ist ein Best-of gefühlter Demütigungen der USA. Wobei er zu erwähnen versäumt, dass die Islamische Revolution 1979 überhaupt nur vorstellbar war, weil die USA und Großbritannien 1953 den demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh gestürzt haben, nachdem dieser die Erdölindustrie verstaatlicht hatte. Interventionen der USA haben seit jeher gravierende Konsequenzen, die sich möglicherweise in Jahrzehnten bemessen. Um eines klar und deutlich zu sagen: Es geht hier nicht um die Menschenrechte im Iran. Nichts interessiert die US-Regierung oder die israelische Regierung weniger als die Frage, wie es den Menschen im Iran künftig gehen könnte. Sie wollen diesen funktionierenden Zentralstaat zerschlagen, nach dem Motto: Teile und herrsche. Es gibt viel zu kritisieren an den politischen Verhältnissen im Iran, gar keine Frage, aber nichts rechtfertigt diesen Angriff.

Die USA nennen den Militärangriff „Epische Wut". Ist es die epische Wut von Trump selbst, die wir hier sehen?
Diese Bezeichnung ist Ausdruck eines fast schon psychopathisch zu nennenden Größenwahns. Es ist ein Angriffskrieg, darum geht es. Es stört die USA wie auch Israel, dass der Iran der letzte verbliebene Staat ist im weiten Raum zwischen dem Atlantik und Nordkorea, der sich ihren westlichen Interessen widersetzt. Hier gilt es endgültig aufzuräumen. Die Fehlkalkulation der Amerikaner besteht darin, dass sie glauben, man könnte mit sogenannten Enthauptungsschlägen innerhalb weniger Tage den Iran in die Kapitulation bomben. Das wird nicht funktionieren.

Wir sehen an den ersten Reaktionen, dass der Iran militärische Ziele der USA in der gesamten Golfregion ins Visier nimmt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Iran die Straße von Hormuz schließen wird – dieser Engpass zwischen dem Oman und dem Iran, 50 Kilometer breit, durch den täglich 20 Prozent des weltweiten Energiebedarfs an Erdgas und Erdöl passieren. Wenn diese Straße geschlossen wird, werden die Energiepreise explodieren, mit allen Folgen für die Weltwirtschaft. Und es werden wieder Tausende und Abertausende Menschen sterben, für nichts und wieder nichts.
Der Iran hat bereits vier US-Militärstützpunkte in Katar, Kuwait, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Raketen angegriffen. Droht jetzt ein Flächenbrand?
Wir wissen noch nicht, wie die arabischen Staaten reagieren werden. Der Iran hat nicht diese Staaten per se angegriffen, sondern die US-amerikanischen Militäranlagen auf den entsprechenden Hoheitsgebieten. Aber wenn dieser Krieg andauern sollte, werden die vielen Gastarbeiter in den arabischen Golfstaaten perspektivisch ihre Länder verlassen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben zehn Millionen Einwohner, davon neun Millionen Ausländer. Die wirtschaftlichen Konsequenzen werden gravierend sein. Und vergessen wir nicht: Sowohl Russland als auch China sind enge Verbündete des Iran. Der Iran exportiert fast sein gesamtes Erdöl in Richtung China. Russland hat seine Verkehrswege seit den Sanktionsmaßnahmen über das Kaspische Meer in Richtung Iran umgeleitet, um Indien zu erreichen. Beide Länder werden das politische System im Iran stützen. Es wird also, wenn es zu einem langanhaltenden Krieg kommt, die Gefahr geben, dass das Ganze eskaliert. Man kann leicht einen Krieg anfangen, aber ihn zu beenden, ist schwer.
Der Oman hatte als Vermittler noch kurz vor Kriegsbeginn davon gesprochen, dass sich in den Atomverhandlungen eine Einigung abzeichnet. Was ist in der kurzen Zwischenzeit passiert?
Diese Verhandlungen im Oman und in Genf waren eine reine Farce. Die Entscheidung Israels und der USA, den Iran anzugreifen, ist schon vor Monaten gefallen. Man wollte nur den Anschein erwecken, dass es noch um Diplomatie ginge. Die Amerikaner wie auch die Israelis wollten den Krieg. Es ist vor diesem Hintergrund interessant, dass die israelische Zeitung Haaretz vor zwei Wochen darauf hingewiesen hat, dass sich im Umfeld der Epstein-Papiere herausgestellt hat, dass es in diesem Dunstkreis seit Jahren Bestrebungen gab, den Iran anzugreifen – aber das politische Momentum war offenbar noch nicht erreicht.
Wenn dieser Krieg andauert, wird der Iran umfassend zerstört sein.
Aus gutem Grund haben alle vorangegangenen US-Präsidenten davon Abstand genommen. Aber Trump glaubt offenbar nach seinen „Erfolgen" in Venezuela oder gegenüber Kuba, dass er sich alles erlauben kann. Der in den USA sehr bekannte Iran-Experte Trita Parsi teilte mit, dass seiner Auffassung nach die Israelis den Amerikanern den Eindruck vermittelt hatten, der Krieg im Iran sei leicht zu gewinnen. Man hat die Risiken bewusst klein geredet. Und jetzt ist man drin in einem Krieg. Nur zur Erinnerung: Der Krieg in Afghanistan, an dem die NATO aktiv beteiligt war, hat 20 Jahre gedauert.
Trump hat angedeutet, nach dem Krieg die Regierung an die Iraner zu übergeben. „Die Stunde Ihrer Freiheit ist nahe“, sagte er in seinem Statement. Halten Sie für möglich, dass Freiheit ein Ergebnis dieses Krieges sein könnte?
Mit Sicherheit nicht. Wenn dieser Krieg andauert, wird der Iran umfassend zerstört sein. Es gibt im Iran keine organisierte oppositionelle Kraft, die in der Lage wäre, die Macht zu übernehmen – ungeachtet dessen, was irgendwelche Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland an Gegenteiligem behaupten. Es ist völliger Unfug zu glauben, dass iranische Monarchisten aus dem Exil oder der sogenannte Nationale Widerstandsrat, ehemals die Volksmudschahedin, die im Iran verhasst sind, weil sie Terroranschläge verübt und während des irakisch-iranischen Krieges auf Seiten Saddam Husseins gekämpft haben – dass diese Kräfte, die im Iran so gut wie keine Basis haben, die Macht übernehmen könnten. Das ist pure Propaganda, Ausdruck von Wunschdenken.
Die Macht im Iran liegt aufseiten des Militärs. Selbst wenn es gelänge, das politische System massiv zu schwächen, wird es keine Kraft geben, es zu ersetzen. Der Iran ist ein Vielvölkerstaat, was den meisten nicht bewusst ist. Am Ende brächte das nicht Freiheit, sondern eine Situation wie in Afghanistan, im Irak oder in Syrien: Instabilität, Verarmung, Gewalt. Natürlich ist den Iranern die Freiheit zu wünschen, aber die bekommt man nicht auf der Grundlage eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges. Ich wüsste jedenfalls kein historisches Beispiel dafür.
Könnte es sein, dass Trump sich erhofft, Netanyahu komme ihm beim Gazakrieg entgegen, wenn er ihn jetzt im Iran unterstützt?
Ich bin nicht in der Lage, den offenkundigen Irrsinn, der der US-amerikanischen Politik zugrunde liegt, so weit zu Ende zu denken. Aber mein Eindruck ist, dass es der Trump-Regierung herzlich egal ist, ob die Israelis einen Massenmord an den Palästinensern begehen und ob sie Palästinenser ins Ausland treiben. Die Zukunft der Palästinenser spielt für die US-Amerikaner keine Rolle. Der sogenannte Friedensrat lässt für die Palästinenser quasi keinen Raum – auf unterster Ebene sind sie mit zwei oder drei symbolischen Repräsentanten vertreten.

