Seit Wochen verfolgt ganz Deutschland aufmerksam die Leiden des jungen Timmy. Der Buckelwal, bei dem es sich vermutlich um ein jüngeres Tier handelt, ist Anfang März in die Ostsee geraten und seitdem entlang der deutschen Küste unterwegs. Zum ersten Mal strandete er am 23. März am Timmendorfer Strand.
Bei dem Versuch, Timmy zu retten, spielte zu Beginn eine Person eine besondere Rolle: Robert Marc Lehmann. Der 43-jährige Meeresbiologe und „Wal-Flüsterer“ wurde als Spezialist hinzugezogen und sollte das Verhalten und den Zustand des Tieres beurteilen. Nun häuft sich jedoch Kritik. Der Vorwurf: Lehmann soll die Situation zur „Selbstdarstellung“ genutzt haben.
Von der Rettungsaktion „aktiv“ ausgeschlossen?
Gleich nach Bekanntwerden der ersten Strandung war Lehmann am Timmendorfer Strand vor Ort und forderte über sämtliche Social-Media-Kanäle ein aktives Eingreifen der Behörden. Der gebürtige Jenaer zählt zu den einflussreichsten Tierrechtsaktivisten, gründete 2019 den gemeinnützigen Verein Mission Erde e.V. und zwei Jahre später einen YouTube-Kanal, dem heute über eine Million Abonnenten folgen.
In seinem Statement betonte er, man dürfe Timmy nicht aufgeben, solange er noch kräftig atme. Es gebe Möglichkeiten – und man müsse weiterkämpfen, zitierte ihn der Focus Ende März. Auch in mehreren YouTube-Video bezog er sich auf das Tier.
Nachdem Lehmann wenig später öffentlich beklagte, er sei vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) „aktiv“ von der Rettungsaktion ausgeschlossen worden und habe sich dem Vorwurf aussetzen müssen, die Aktion eigens zur „Selbstdarstellung“ genutzt zu haben, geriet er mit den zuständigen Behörden in Konflikt.
Die Verantwortlichen sowie das Deutsche Meeresmuseum widersprachen seinen Darstellungen umgehend und erklärten, niemanden ausgeschlossen zu haben. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) wies Lehmanns Darstellung in einer Pressemitteilung zurück. Er habe vergeblich versucht, ihn telefonisch zu erreichen, um dessen fachliche Einschätzung einzuholen. Zudem äußerte sich zuletzt auch der Bürgermeister von Timmendorfer Strand kritisch über die Zusammenarbeit mit Lehmann.
Nach den Gegendarstellungen zahlreicher Beteiligter ist von Lehmann inzwischen kaum noch etwas zu hören. Seit Sonntag ist sein Instagram-Profil nicht mehr online. Anfragen verschiedener Medien ließ er unbeantwortet – auch auf eine Nachfrage der Berliner Zeitung reagierte er nicht.
Vorwürfe über falsche Angaben zur Person
In seinem letzten Instagram-Statement fielen Beobachtern zudem Widersprüche in Lehmanns Darstellung auf: Einerseits betonte er, als Einzelperson zu agieren, sprach im selben Video jedoch von Team-„Krisen-Meetings“. Kurz darauf wurde sein Account deaktiviert. Sein Verein Mission Erde erklärte dies damit, dass Lehmann seinen vollen Fokus für eine „neue Mission“ benötige.
Auch der Lebenslauf des Aktivisten wird seit Beginn der Debatte verstärkt hinterfragt. Lehmann studierte Biologie an der Universität Kiel mit den Schwerpunkten Zoologie und biologische Meereskunde und absolvierte parallel eine Ausbildung zum Forschungstaucher. Zudem arbeitete er am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Zwischen 2008 und 2009 war Lehmann außerdem beim Ozeaneum Stralsund tätig. Dort habe sich sein Blick auf Tierhaltung grundlegend verändert. Seither engagiert er sich öffentlich gegen die Haltung von Wildtieren in Zoos und Aquarien.
Einige Stationen seines Werdegangs warfen jedoch bereits in der Vergangenheit Fragen auf: So soll auf seiner Website gestanden haben, er sei „studierter Meeresbiologe“, zudem würden Greenpeace und WWF „aufgrund seiner Fähigkeiten und seines Fachwissens“ eng mit ihm zusammenarbeiten. Im Ozeaneum soll er als Abteilungsleiter im Fachbereich Aquarien tätig gewesen sein.
Diese und weitere Angaben zu seiner Person sollen jedoch nach und nach gelöscht oder geändert worden sein, wie die Bild berichtet. Bereits Anfang 2023 schrieb die Ostsee-Zeitung von „unzutreffenden Aussagen“ und „Halbwahrheiten“. Demnach soll Lehmann in Stralsund lediglich Teamleiter gewesen sein – und das auch nicht 15 Monate lang, sondern weniger als ein Jahr, bis das Arbeitsverhältnis vom Museum beendet wurde.


