Seit Anfang März schwimmt ein Buckelwal durch die Ostsee, ein Gewässer, das nicht für das riesige Säugetier gemacht ist – es ist zu flach. Bei dem Tier, Timmy getauft, handelt es sich Experten zufolge vermutlich um einen jungen Bullen auf Wanderschaft, zwischen zwölf und 15 Meter lang und geschätzt 15 Tonnen schwer.
Viermal ist Timmy inzwischen gestrandet, viermal haben Helfer versucht, ihn mit Baggern, Schlauchbooten und Paddelschlägen zurück ins tiefe Wasser zu bewegen. Viermal hat es nicht funktioniert, genauer gesagt: Das Tier hat sich jedes Mal aus eigener Kraft befreit und ist zurück ins Flachwasser geschwommen. Nicht hinaus auf die offene See, sondern zurück in die Enge.
Schaulustige im Regen
Minute für Minute dokumentieren Newsblogs, was mit dem Wal geschieht, zu dem die Deutschen bereits eine Beziehung aufgebaut haben, wie es ebenso ist mit Tieren, denen man einen Namen gibt. Wie bei Knut, dem Eisbärchen, bei Sammy, dem Kaiman aus dem Sommerloch, oder dem schielenden Opossum Heidi.
Aber um was geht es eigentlich? Wir erfahren, dass Timmy atmet, dass Möwen an seiner entzündeten Haut picken, dass er eine Grippe bekommen könnte, wenn ihn jemand berührt. Drohnen filmen ihn von oben, ein Umweltminister gibt Pressekonferenzen, ein Meeresbiologe taucht zu ihm hinab und berichtet auf Instagram darüber. Auf der Seebrücke stehen Schaulustige im Regen, während der Wal zugrunde geht.
Der Impuls, einem leidenden Tier zu helfen, ist menschlich, daran gibt es nichts zu deuteln. Aber irgendwo zwischen dem ersten Rettungsversuch und dem vierten Liveticker-Update hat sich etwas verschoben. Die Rettung des Wals ist zu einer Art Erzählung geworden, zum Event, das Klicks generiert und Emotionen bedient. Und so wird das mögliche Sterben eines Wildtiers in Echtzeit kuratiert, was so geschmacklos wie bizarr anmutet.
Dabei liegt eine Möglichkeit im Raum, die unbequem ist, die aber Fachleute offen aussprechen: Dieser junge Bulle ist vielleicht gar nicht verirrt. Vielleicht ist er gekommen, um zu sterben. Die Organisation Sea Shepherd hält das immerhin für plausibel, und der BUND formuliert es nüchtern: „Manche Wale machen das. Sie suchen flache Gewässer auf, wenn es ihnen nicht gut geht.“ Die dicke Haut des Wals ist vom niedrigen Salzgehalt schwer angegriffen, er wird täglich schwächer. Und jedes Mal, wenn er sich freischwimmt, wählt er nicht den Weg nach Norden Richtung Atlantik, sondern dreht um.
Warum uns dieses eine Schicksal so bewegt, führt weniger zum Wal als zu uns selbst. Ein Tier mit Namen, das man sonst nicht so einfach zu Gesicht bekommt, berührt uns auf eine Weise, die das stille Massensterben in den Ozeanen nicht schafft.
Überfischung, Unterwasserlärm, Plastikmüll, die Erwärmung der Meere, das sind die eigentlichen Ursachen dafür, dass Wale stranden und sterben. Aber diese Zusammenhänge sind abstrakt und unbequem. Timmy hingegen ist konkret, emotional und teilbar. Sollte es nicht gelingen, diesen Wal zurückzubringen – und danach sieht es aus –, dann bleibt nur eine Entscheidung, die ihm gerecht wird: Lasst das Tier doch einfach in Ruhe!
