Brutal Berlin

Bücherwurm im Berliner Barleben: Warum man in einer Kneipe nicht lesen sollte

Unser Autor will einfach ein wenig schmökern bei einem Drink. Doch der Abend endet mit Unappetlichem und einem Rausschmiss.

Gleichzeitig tief ins Glas und ins Buch zu schauen, ist nicht für jeden was.
Gleichzeitig tief ins Glas und ins Buch zu schauen, ist nicht für jeden was.Fotoillustration: Berliner Zeitung am Wochenende. Fotos: Unsplash

Ich sitze in meiner Lieblingskneipe, nun ja, in einer meiner Lieblingskneipen, in einer meiner sechs oder sieben Lieblingskneipen, die über den Berliner Norden und Westen verstreut sind.

Ich kämpfe mich durch die letzten dreihundert Seiten von David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“, einem Mammutwerk, das laut diversen Kritikerstimmen Zitat „Bewusstseinserweiterung“ Zitat Ende verspricht, und dieses Versprechen ausnahmsweise sogar erfüllt. Ich lese fieberhaft, von Bier und einigen Bloody Marys beschwingt, und verspüre echte, aufrichtige Angst, dass es mit den Figuren, die mir nach sechs Wochen Lektüre ans Herz gewachsen sind, kein gutes Ende nehmen wird.

Naturwein? Was soll das sein?

Den Lärm der stark bevölkerten Bar nehme ich nur als Hintergrundrauschen wahr, was mir nicht schwerfällt, weil das Leben im Vergleich zur Fiktion meist den Tatbestand drastischer Langeweile erfüllt. Doch plötzlich dringt etwas zu mir durch. Eine Stimme. Der zugehörige junge Mann lässt sie direkt neben meinem Sitzplatz erklingen. Er gibt eine Bestellung auf.

„Hi, ich hätte gern ein großes Bier und einen Naturwein.“

„Ähm“, sagt der Barkeeper. „Wir haben nur normalen Wein. Willst du den in Rot oder Weiß?“

„Ähm“, sagte der Gast. „Weiß ich jetzt tatsächlich gar nicht. Warte, ich frag mal kurz.“

Naturwein, denke ich, eine Gehirnhälfte noch im Jahrhundertroman vertieft. Was soll das denn sein? Und das Attribut „Natur“ war so wichtig, dass die Attribute „Rot“ oder „Weiß“ dahinter zurücktraten?

Das klingt, als wäre die Bestellung von einem Alien oder einer KI getätigt worden, die sich vorab nur rudimentär mit menschlichen Bräuchen beschäftigt hat. Seltsamerweise spricht der Kerl auch mit einem ebenso einschlägigen, wie kaum wahrnehmbaren Akzent wie die Québecer Rollstuhl-Terroristen in der Passage, die ich gerade lese. Die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen.

Unterbrechung zu einem kritischen Zeitpunkt

„Also wenn ihr nicht führt Naturwein in eurem Sortiment“, sagt er, „ich nehme vielleicht einen Longdrink. Oder spricht etwas gegen Cocktails?“ Und dann bestellt er einen Cosmopolitan, of all things, diesen Drink, den nur Frauen und Knechte bestellen, sprich: Männer, die „Sex and the City“ gesehen haben.

Meine Aufmerksamkeit schwindet wieder. Siehe drastische Langeweile. Ich versinke erneut in der Traumwelt des depressiven Kiffer-Genies, das so freundlich war, sich und seinem Werk mittels eines Stromkabels am Dachbalken die letzte Weihe zu spenden, als auch dasselbe Werk für mich zugänglich zu machen. Ich kann nur Bücher von toten Menschen lesen. Okay. Schluss jetzt mit der Beweihräucherung. Eigentlich will ich nämlich nur folgende Anekdote erzählen.

Ich bin seit 19 Uhr in der Kneipe. Seit zweieinhalb Stunden tue ich nichts anderes, als zu lesen und hin und wieder einen entrückten Wolkenkuckucksblick durch den Gastraum wandern zu lassen. Ich bereite mich nämlich auf die eigene literarische Wertschöpfung vor, was so viel heißen soll, wie: Ich will schreiben. Und das geht erfahrungsgemäß am besten, wenn ich mich durch die Lektüre von Meisterwerken verletzlich gemacht und etwa 0,7 Promille Blutalkohol akkumuliert habe.

Ich fühle mich gerade bereit, den Übergang zu vollziehen, als sich der Wirt hinterrücks meinem Platz nähert und mir grob auf die Schulter klopft. Eine Unterbrechung zu einem kritischen Zeitpunkt, die indes nicht unwillkommen ist. Ein wenig Kommunikation mit leibhaftigen, im Hier und Jetzt verankerten Menschen vor dem prometheischen Akt kann nicht schaden.

„Ey, ob du’s glaubst oder nicht“, sagt er. „Wir sind hier ja mitten in Prenzlauer Berg.“

„Hab ich mitgekriegt“, sage ich.

„Und da kommt gerade eine Trulla daher, zwanzig Minuten bevor du hier reingeschneit bist. Und die geht hier vor meinem Laden in die Hocke, da vorn zwischen dem Honda und dem Peugeot, die rafft ihre Röcke und schaut mir dabei knallhart in die Augen, und hinterlässt vor meiner Terrasse einen dampfenden, stinkenden Scheißhaufen.“

„Wird höchste Zeit, dass die Wirklichkeit auch mal in deinem Komfortkiez ankommt. Bei mir im Ghetto ist es tausendmal schlimmer.“

Worauf ich ihm stichpunktartig von den hygienischen Heimsuchungen berichte, die ich im Wedding täglich bezeugen muss. Es geht um Ratten und Exkremente. Unsere Interaktion zeichnet sich nicht durch Appetitlichkeit aus, das will ich einräumen. Trotzdem erschreckt mich die Vehemenz, mit der ich von einem aus dem Nichts auftauchenden Gast konfrontiert werde.

„Ey, es ist das Letzte, das LETZTE, was ihr hier für eine Gülle verzapft! Ich sitz hier mit meiner Freundin und wir haben absolut keinen Bock, uns deine Monologe über Kotze und Scheiße reinzuziehen. Schon gar nicht, wenn du so rumschreist.“

Beinahe vom Hocker gehauen

Ich bin paralysiert. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann nicht mehr tun, als lahm zu parieren, dass seine Aggressivität etwas unverhofft kommt: „Ich meine, du klingst so, als hättest du mich schon viermal darum gebeten, leiser zu sein.“

Schlagfertigkeit sieht anders aus. Man muss aber verstehen, dass ich noch immer im aufgekratzten, waidwunden Modus der stundenlangen stillen Lektüre stecke. Ich war so brav wie ein Chorknabe, die ganze Zeit! Als der Wirt sich vom Hocker zu meiner Rechten erhebt und langsam auf den zornigen Gast und seine Freundin zugeht, denke ich: Er wird sich vermutlich entschuldigen. Für mein kretinhaftes Verhalten. Nichts würde näherliegen. Im Grunde meines Herzens fühle ich mich zwar verletzt, doch die Erfahrung hat mir gezeigt, dass in der Regel die anderen recht haben, wenn ich besoffen zu krakeelen anfange.

„Ich möchte jetzt, dass ihr eure beiden Gin Tonics austrinkt“, sagt der Wirt mit ruhiger Stimme, die nur deshalb zu hören ist, weil es in der Kneipe recht still geworden ist. „Ihr müsst die auch nicht bezahlen, die gehen auf mich. Aber dann möchte ich, dass ihr bitte sofort aufsteht und hier verschwindet. Und ich kann auch in Zukunft gerne auf euch verzichten.“

Es dauert einen Moment, bis die beiden verstehen, was von ihnen erwartet wird. Als sie dann gehen, stößt der Mann wüste Drohungen aus und weist mich darauf hin, dass man sich im Leben stets zweimal begegnet. Ich spare mir eine Erwiderung, widme dem Pärchen auch sonst keinen Gedanken mehr, denn ein starkes Gefühl überstrahlt alles andere in mir. Hurra! Gloria! Noch nie hat sich jemand so rückhaltlos für mich eingesetzt.

Der Wirt geht zurück an sein Tagesgeschäft, als wäre nichts weiter geschehen. Ein paar der unbeteiligten Gäste kommen zu mir und versichern, dass ich mich keines Vergehens schuldig gemacht habe. Dass der andere völlig überzogen gehandelt hat. Das mag ernst gemeint sein, vielleicht schmeicheln sie aber auch nur, weil sie bezeugen durften, welch mächtige Verbündete über mich und den kleinen Lichtkreis auf meinem Buch wachen, in dem sich Fiktion und das Leben, der Traum und der Rausch vermischen.