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Proteste gegen das Mullah-Regime: Die Menschen im Iran riskieren alles – und Europa schweigt

Im Iran wird infolge einer Wirtschaftskrise gerade Geschichte geschrieben. Ob sie in Freiheit oder Blut endet, hängt auch von unserer Reaktion ab.

Am 29. Dezember 2025 versammeln sich Händler, Studenten, Arbeiter, junge Frauen und Männer in Teheran zum Protest.
Am 29. Dezember 2025 versammeln sich Händler, Studenten, Arbeiter, junge Frauen und Männer in Teheran zum Protest.Social Media/Imago

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Geschlossene Geschäfte, leere Basare, Streiks in mehreren Städten: Händler in Teheran und anderen Teilen des Landes greifen zu einem Mittel, das im Iran selten ist – dem offenen wirtschaftlichen Stillstand als politischem Signal.

Während hierzulande das neue Jahr in politischer Routine und Stabilität beginnt, riskieren Menschen im Iran Tag für Tag ihr Leben. Sie gehen auf die Straße, schließen ihre Geschäfte, streiken, rufen Parolen – wissend, dass jeder Schritt registriert wird, jede Stimme Folgen haben kann. Was sich derzeit im Iran entlädt, ist kein spontaner Ausbruch von Wut, sondern Ausdruck eines Freiheitswillens, den das Regime seit Jahrzehnten mit systematischer Gewalt unterdrückt.

Auslöser der Proteste ist der drastische Verfall der iranischen Währung. Innerhalb eines Monats verlor der Rial rund zwanzig Prozent an Wert. Preise lassen sich seither kaum noch kalkulieren, importierte Waren werden unbezahlbar. In Teheran, Isfahan, Shiraz und Ahvaz schließen Geschäfte, Basare stehen still. Was als wirtschaftlicher Protest beginnt, wird binnen kurzer Zeit politisch. Denn im Iran ist die Wirtschaft nicht vom System zu trennen: Inflation, Verarmung und Perspektivlosigkeit sind keine Naturereignisse, sondern das Ergebnis eines Regimes, das seine Ressourcen systematisch für Repression, Überwachung und externe Konflikte einsetzt und sie der eigenen Bevölkerung entzieht.

Die Parolen der Demonstranten lassen keinen Interpretationsspielraum. Sie richten sich nicht an einzelne Institutionen, sondern gegen die Islamische Republik als System. Gegen ein Regime, das seit Jahrzehnten auf Kontrolle durch Angst basiert und dessen zentrale Machtressource erkennbar an Wirkung verliert.

Händler, Studenten, Arbeiter, junge Frauen und Männer aus Großstädten ebenso wie aus kleineren Städten und Randregionen schließen sich an. Von Qeshm im Süden bis Zanjan und Hamedan im Norden breitet sich der Protest aus. Universitäten werden erneut zu Brennpunkten des Widerstands, trotz massiver Präsenz von Sicherheitskräften.

Vor der Botschaft des Iran in Berlin bringen Menschen ihre Solidarität mit den Aufständischen in ihrer Heimat zum Ausdruck.
Vor der Botschaft des Iran in Berlin bringen Menschen ihre Solidarität mit den Aufständischen in ihrer Heimat zum Ausdruck.Siavosh Hosseini/Imago

Gezielte Einschüchterung

Die Reaktion des Regimes folgt einem bekannten Muster: nach außen beschwichtigende Worte, nach innen blanke Gewalt. Präsident Massud Pezeshkian spricht von Dialog und erklärt, man nehme die Sorgen der Bevölkerung ernst. Doch während diese Sätze verlautbart werden, schießen Sicherheitskräfte in Teheran, Mashhad, Kermanshah und Hamedan auf Demonstranten, setzen Tränengas ein und nehmen Menschen fest. Der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs betont Verständnis, während gleichzeitig Verhaftungen, Misshandlungen und der Einsatz von Schusswaffen den Alltag der Proteste prägen.

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten wurden innerhalb einer Woche Proteste an mehr als 222 Orten und in mindestens 88 Städten registriert. Mindestens 29 Menschen wurden getötet, mehr als 1200 festgenommen – Zahlen, die angesichts staatlicher Zensur, eingeschränkter Berichterstattung und gezielter Einschüchterung nur das belegbare Minimum darstellen.

In mehreren Städten verzichten Verletzte bewusst auf medizinische Versorgung. Krankenhäuser gelten als Teil des Kontrollapparates: Wer dort Hilfe sucht, riskiert Identifizierung, Festnahme oder spätere Verfolgung.

Besonders perfide ist die gezielte Einschüchterung, mit der das Regime versucht, jede Form von Sichtbarkeit zu unterbinden. Nationale Sportler löschen Solidaritätsbekundungen aus sozialen Netzwerken, nicht aus Einsicht, sondern aus Angst. Journalistinnen und Journalisten verschwinden. Zugleich werden Familien getöteter Demonstranten unter Druck gesetzt, öffentlich zu erklären, ihre Kinder seien Mitglieder regimetreuer Milizen gewesen. Erst dann händigt der Staat die Leichname aus. Wahrheit wird zur Verhandlungsmasse, Trauer zur Erpressung und Schweigen zur letzten verbleibenden Überlebensstrategie.

Rhetorik ohne Bedeutung

Diese Proteste stehen in einem größeren Zusammenhang. Sie sind Ergebnis einer Eskalationsdynamik, die sich seit dem zwölftägigen Krieg mit Israel im Sommer 2024 deutlich verschärft hat. Auf den Krieg folgte eine massive Welle von Verhaftungen und Hinrichtungen, bei der Regimegegner als angebliche „Agenten Israels“ verfolgt und getötet wurden. Seitdem wird jede Form von Opposition systematisch delegitimiert und als äußere Verschwörung markiert.

Diese Logik prägt auch die Reaktion auf die aktuellen Proteste. Erst Tage nach ihrem Beginn äußerte sich der oberste geistliche Führer, Ali Chamenei. Proteste seien grundsätzlich zulässig, erklärte er, um die laufende Bewegung zugleich als „Unruhen“ zu diskreditieren und äußere Feinde für die wirtschaftliche Lage verantwortlich zu machen. Für die Menschen auf der Straße ist diese Rhetorik ohne Bedeutung. Sie fordern keine Reformen mehr, keine Korrekturen im System. Nicht trotz, sondern durch dieses Regime wird ihre Zukunft zerstört.

Umso verstörender wirkt das Schweigen Europas. Während die US-Regierung offen mit Konsequenzen droht, sollte das Regime weiter Demonstranten töten, begnügt sich die Bundesregierung mit der routinierten Formel, man beobachte die Lage aufmerksam. Aufmerksamkeit jedoch schützt niemanden vor Schüssen, Haft oder Hinrichtung. Wer diese Proteste auf wirtschaftliche Unzufriedenheit reduziert, verkennt ihren politischen Kern. Wer Täter und Repressionsapparate nicht klar benennt, trägt zur Entpolitisierung staatlicher Gewalt bei.

Ayatollah Ali Chamenei, der oberste geistliche Führer des Iran, spricht am 3. Juni zu seinen Gefolgsleuten.
Ayatollah Ali Chamenei, der oberste geistliche Führer des Iran, spricht am 3. Juni zu seinen Gefolgsleuten.Iranian Supreme Leader's Office/Imago

Lieber alles verlieren als weiter schweigen

Dabei liegen die Instrumente längst auf dem Tisch. Die seit Jahren überfällige Terrorlistung der iranischen Revolutionsgarden auf europäischer Ebene wäre ein unmissverständliches Signal. Solange sie blockiert bleibt, ist ein nationales Betätigungsverbot der nächste zwingende Schritt. Diplomatische Rücksichtnahme gegenüber einem Regime, das foltert, tötet und die eigene Bevölkerung als Feind behandelt, ist keine Realpolitik. Sie ist politische Kapitulation vor der Gewalt.

Im Iran wird derzeit Geschichte geschrieben. Ob sie in Freiheit oder in Blut endet, hängt nicht nur von den Menschen dort ab, sondern auch davon, ob die Welt hinsieht – oder wegschaut. Sichtbarkeit kann schützen. Schweigen stärkt die Täter. Am Ende bleiben nicht Statistiken oder Lageberichte, sondern Gesichter: junge Frauen, die Tränengaswolken standhalten, Händler, die ihre Läden schließen, weil sie lieber alles verlieren als weiter zu schweigen, Familien, die um ihre Toten trauern und dennoch hoffen.

Entscheidend ist nicht, was im Iran geschieht, sondern wie wir darauf reagieren, wenn Menschen alles riskieren, um frei zu sein. Ob wir hinschauen, Position beziehen und ihnen das geben, was sie jetzt brauchen: Sichtbarkeit, Solidarität, politische Klarheit.

Nasim Ebert-Nabavi wurde 1987 in Teheran geboren und ist im Alter von zehn Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland ausgewandert. Aufgewachsen in Lübeck, hat sie in Hannover Rechtswissenschaften studiert und ihr Referendariat am Brandenburgischen Oberlandesgericht absolviert. Seit 2016 ist sie Volljuristin, arbeitet als Rechtsanwältin und als Dozentin an der Verwaltungsakademie Berlin.

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