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Ob Klimawandel, neue Kriege, Wirtschaftskrisen, die immer größer werdende Kluft zwischen Superreichen und ausgebeuteten Akkordarbeitern in Kleider- oder Handyfabriken weltweit, oder zunehmende Ängste und Depressionen trotz erfolgreicher sozialer Marktwirtschaft in vielen westlichen Ländern: Unsere lange Zeit immer weiter prosperierende westliche Welt taumelt inzwischen von einer Krise zur nächsten.
Tragfähige Lösungen scheinen nicht in Sicht zu sein. Viele Menschen sind verunsichert. Manche ziehen sich zurück und versuchen, sich nur noch um ihr eigenes Wohl zu kümmern und sich noch besser als bisher vor allem zu schützen, was sie verängstigt.
Manche stürmen aber auch nach vorn und glauben, die Welt ließe sich durch den effizienteren Einsatz von alten Strategien retten, die sich längst als ungeeignet erwiesen und die Probleme nur noch weiter zuspitzen. Krassestes Beispiel dafür sind die jüngsten EU-Beschlüsse oder deutschen Koalitionen für gigantische Rüstungsausgaben trotz in fast allen Städten und Gemeinden wachsenden Schuldenbergen.

Priesterkasten kontrollierten das Wissen
Aber vielleicht sind all diese gegenwärtigen Krisen Ausdruck eines Epochenwandels, einer sogenannten großen Transformation. Denn gesellschaftliche Gegenwart erscheint den darin Lebenden oft wie eine natürliche, unveränderliche Konstante. Doch aus dem Geschichtsunterricht wissen wir alle, welch große Brüche die Geschichte der Menschheit bereits durchlief, und dass es dabei oft verlustreiche Untergänge von Zivilisationen, aber oft auch spannende Neuanfänge und Entwicklungen gab.
In den letzten Jahrzehnten setzt sich zunehmend eine vor allem system- und kommunikationswissenschaftlich basierte Sicht auf die großen Menschheitsepochen durch. Gesellschaften sind abstrakt betrachtet hochkomplexe Systeme aus Menschen, Energie, Materie, Symbole etc. Die äußere und innere Komplexität eines Systems ist jedoch letztlich immer abhängig von dessen Selbstreferenz, von der Art und Weise, wie es gelingt, all diese Bestandteile miteinander so zu koordinieren, dass sie nicht auseinanderfallen, sondern mehr oder weniger widersprüchlich im Sinne des Ganzen zusammenwirken.
Deshalb waren alle großen Transformationen der Menschheitsgeschichte mit der Herausbildung neuer Selbstreferenz bzw. Kommunikationsqualitäten verbunden. Die Menschheit begann mit der Lautsprache, deren begrenzte Kommunikationskapazität jedoch nur für überschaubare Stammesgesellschaften taugte. Die Entwicklung der Schriftsprache ermöglichte stabilere und komplexere Koordinationen von größeren Menschenmengen und differenziertere Arbeitsteilungen; daher bildete sie die kommunikative Basis für sogenannte Hochkulturen bzw. die alten Reiche in Sumer, Ägypten, Rom, China, Indien etc. Da die mühsam per Hand vervielfältigten Schriftwerke jedoch aufwendig waren, konnten nur bestimmte Schichten diese lesen und damit die Welt deuten, deshalb war das auch die Zeit der großen Religionen, in denen bestimmte Priesterkasten das Wissen kontrollierten.

Der Buchdruck und seine Folgen
Das änderte sich erst mit der Erfindung und Durchsetzung des Buchdrucks. Dieser machte schriftliche Information und Kommunikation billiger und ermöglichte immer mehr Menschen, sich selbst ein Bild von ihrer Welt zu machen und sich daran aktiv zu beteiligen. So erkämpften sich freie Wirtschaft, freie Demokratie, freie Presse und Bildung für alle allmählich eine neue Epoche – die Moderne. Doch auch diese war kommunikativ nur relativ frei. Denn Buchdruck und später auch Funk und Fernsehen waren an den Besitz von Druckereien und Medienanstalten gebunden – und diese konnten durch deren Eigentümer und mit diesen durch verschiedene Interessen verbundene Politiker kontrolliert werden.
Begriffe sind Griffe, mit denen wir die Welt bewegen können.
Mit der Erfindung und Verbreitung des Internets bekam diese oft unsichtbare Kontrolle der Medien erste Risse und so entstand die sogenannte Postmoderne. Doch mit der Entwicklung und zunehmenden Verbreitung von Künstlicher Intelligenz ändern sich die Verfügbarkeit von Information, Wissen und Bildung radikal. Nun kann jeder, der ein Smartphone besitzt, sich quasi unbegrenzt informieren, mit anderen vernetzen und auch selbst per Social Media informationell abgesicherte Gedanken verbreiten. Das führt zu einer erstaunlich schnellen Infragestellung, Verunsicherung und Ablösung der bisherigen Eliten, insoweit diese auf Informationsmanipulation beruhten. Und daraus ergibt sich all das anfangs genannte Chaos der Gegenwart.
Aus der Sicht der oben genannten Paradoxie, dass aus Untergängen bisheriger Zivilisationen oft auch neue Kulturen mit neuen Entwicklungschancen für viele Menschen entstanden, ergeben sich mit Blick auf die Gegenwart zumindest zwei Fragen. Zum einen: Welche neue Möglichkeiten gesellschaftlicher und menschlicher Entwicklung eröffnen sich mit der mehr oder weniger starken Auflösung der bisherigen Systeme und Eliten? Zum anderen: Welche neue Begriffe finden wir, um diese neuen Entwicklungen mitten im Auflösungsprozess des Bisherigen auch sehen, verstehen und gestalten zu können. Denn wie bereits Bertolt Brecht erkannte: „Begriffe sind Griffe, mit denen wir die Welt bewegen können.“

Die seherischen Fähigkeiten von Aristoteles
Kurz einiges zur ersten Frage: Die zunehmende Nutzung und Verbreitung von Künstlicher Intelligenz eröffnet sowohl kommunikative als auch materielle Entwicklungschancen in bisher kaum denkbarer Dimension: Aristoteles sah bereits vor über 2000 Jahren voraus, dass irgendwann „Roboter“ uns viele der weitgehend ungeliebten Arbeiten abnehmen, die damals vor allem Slaven und in den letzten Jahrzehnten vor allem Lohnarbeiter erledigen mussten. Und er prognostizierte, dass dann mehr oder weniger alle Menschen das in sich realisieren können, was bisher nur wenigen privilegierten Schichten vorbehalten war. Sie können „Künstler und Philosophen werden“, d.h. sich selbst kreativ in vieler Hinsicht verwirklichen; und noch dazu sich soweit bilden, dass sie auch sich selbst, ihre Mitmenschen und ihre Welt mehr als bisher verstehen und so auch aktiv mitgestalten können.
Daraus ergeben sich auch Antworten auf die zweite Frage: Wie können wir diese neue, gerade erst entstehende Welt begreifen? Weltweit scheint sich mehr und mehr folgender Begriff für diese neue Epoche herauszubilden: die Metamoderne.
Das ist nicht zufällig, denn im auch auf die alten Griechen zurückgehenden Begriff „Meta“ stecken zwei Qualitäten, die für die Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen und für die Gestaltung der in vieler Hinsicht komplexeren Zukunft sinnvoll sind. „Meta“ bedeutet zum einen das Offensein für das Andere, das Gegenüber, das Gegenteil dessen, was ich selbst denke und fühle. Meta wird daher oft mit einer Art von Pendeln, Oszillieren oder Tanzen zwischen Paradoxa verbunden.

Eine ganzheitlichere Sicht auf die Welt
Ein paar Beispiele, um den Vorteil dieses offenen Zusammenspiels von sich nicht ausschließenden, sondern ergänzenden Gegenseiten zu verstehen: Natur und Technologie. Ökonomie und Ökologie. Gefühl und Verstand. Romantik und Effizienz. Produktivität und Gemeinwohl. Intensität und Distanz. Verbundenheit und Freiheit. Materialismus und Idealismus. Innenwelt und Außenwelt. Aus diesen Pendeln und Integrieren auf den ersten Blick einander ausschließender Qualitäten erwächst dann oft auch die andere Bedeutung von „Meta“: Ein „darüber hinaus“ sehen, fühlen und verstehen. Eine Art komplexere, ganzheitlichere Sicht auf die Welt und sich selbst und auf andere.
Angesichts der uns heute vielleicht am meisten beschäftigenden Krisen – die wie Relikte vergangener Zeiten wirkenden Aufrüstungen, wirtschaftlichen und leider auch militärischen Kriege zwischen „westlichen“ und „östlichen“ Gesellschaften – könnten uns diese beiden Qualitäten von „Meta“ vermutlich gut helfen. Statt einander zu bekämpfen, könnte man die eigenen Schatten im anderen System suchen und entdecken, und miteinander anfangen kokreative Synthesen zwischen den hyperindividualiserten westlichen und den hypersozialisierten östlichen Gesellschaften zu entwickeln.
Daraus könnten wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Zukünfte entstehen, die uns Sinn und Freude machen darin zu leben und von denen aus wir dann etwas traurig, aber auch humorvoll auf die schwierigen Anfänge dieser neuen Epoche zurückblicken können.
