Corona-Politik

Jahrestag der Kunstaktion #allesdichtmachen: „Ich hatte wochenlang Angst“

Heute vor drei Jahren veröffentlichten Schauspieler kritische Videos zur Corona-Politik. Auch unsere Autorin hat mitgemacht. Ein Rückblick mit Wünschen für die Zukunft.

Tina-Maria Aigner in ihrem #allesdichtmachen-Clip
Tina-Maria Aigner in ihrem #allesdichtmachen-Clipallesdichtmachen auf Youtube

Die Kunstaktion #allesdichtmachen wurde zur öffentlich-medialen Hinrichtung. Als 53 Schauspieler und Schauspielerinnen entschieden, in einer Kunstform politische Kritik zu äußern, traf sie ein gesellschaftlicher Hammer mit voller Wucht.

Mein Name ist Tina-Maria Aigner, ich bin Schauspielerin und eine der 53 Künstler und Künstlerinnen der Aktion #allesdichtmachen, die am 22. April 2021, 53 Videos veröffentlichten, in denen die Corona-Politik kritisiert wurde. Diese Schauspieler wählten eine gängige Kunstform, in diesem Fall war die Satire das Mittel der Wahl.

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Das Thema meines Videos war unser Grundgesetz. Was viele nicht wissen, als die Videos online gingen, konnte man in den ersten wenigen Stunden fast durchweg positive Kommentare darunter lesen. „Endlich sagen die Künstler etwas!“, „Vielen Dank!“, „Das gibt mir Hoffnung in dieser dunklen Zeit!“, und ähnliches stand dort für jeden lesbar, und dann sperrte YouTube die Kommentarfunktion.

Die Presse stürzte sich darauf und war sich anscheinend einig darüber, was für schlechte Menschen wir doch sind. Sie schlugen auf uns ein – mit geballten Fäusten. So fühlte es sich jedenfalls an. Ich war eine Woche lang wie gelähmt von den Schlägen, die einfach immer weiter aus allen Richtungen auf uns einhämmerten. Es fühlte sich an, wie körperlich misshandelt zu werden. Ich hatte wochenlang Angst davor, wieder getroffen zu werden. Und es war nicht zu berechnen, aus welcher Richtung der nächste Hieb kam, von wem und wie hart.

Einige Videos wurden aufgrund dessen zurückgezogen, weil es zum Beispiel Drohungen gegen einzelne Personen gab, oder berufliche Konsequenzen angedroht worden sind. Berufliche Konsequenzen mussten tatsächlich alle erleiden, die Ihre Videos nicht zurückgezogen hatten. Ich war eine von Ihnen. Mein Video kann man bis heute sehen. Die irrationale Härte der Medien war aber nicht das Schlimmste. Die haben keine Ahnung, wer ich bin, die haben nicht mit mir geredet.

Tausende von Mails mit positiven Reaktionen

Die wirklichen Verletzungen kamen von den Menschen, die mich kennen, teilweise seit vielen Jahren, und die den verdrehten Worten der Presse mehr glaubten als mir. Ich musste völlig irrsinnige Gespräche führen, Gespräche, von denen ich niemals auch nur im Ansatz gedacht hätte, sie mit meinen Freunden, Kollegen und Auftraggebern jemals führen zu müssen. Die Vorwürfe: ich sei depressiv, vom rechten Weg abgekommen, naiv, infantil, gefährlich, rechts, AfD-Anhängerin, ich würde die Gesellschaft spalten und man müsse sich auf einmal von mir distanzieren. Wow! Das alles wusste ich gar nicht über mich! Vor allem nicht, dass ich die Macht habe, 83 Millionen Menschen zu spalten. Wahnsinn!

Initiiert wurde die Aktion #allesdichtmachen von Dietrich Brüggemann.
Initiiert wurde die Aktion #allesdichtmachen von Dietrich Brüggemann.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Was wahrscheinlich auch nicht viele wissen: wir alle haben Tausende von E-Mails und Nachrichten über alle möglichen Social-Media-Kanäle bekommen. Und die waren zu bestimmt 90 Prozent positiv. Tausende von Menschen haben uns gedankt und uns geschrieben, dass unsere Aktion ihnen Hoffnung gibt. Sie haben uns schlimme Geschichten aus ihrem Alltag geschildert – unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen, wie ihre Familien und Freunde sie ausgrenzen.

Ich möchte mich an dieser Stelle aus tiefstem Herzen für jede einzelne Nachricht bedanken, die mich erreichte. Für jeden, der auf Facebook oder Instagram die Angriffe gegen mich abgewehrt hat. Für jeden, der uns verteidigt hat. Das hat mich durch diese unglaublich qualvolle und schmerzende Zeit gebracht. Und natürlich danke ich meinen engsten Freundinnen, ohne sie hätte ich es auch nicht geschafft.

Die Frage, die mich seitdem allerdings stark bewegt, ist: Wie kann so etwas überhaupt passieren? Wie kann es sein, dass es nicht mehr mehrere Meinungen und Lebenswege zu einem Thema geben darf? Wie kann es sein, dass unterschiedliche Standpunkte Menschen auseinanderbringen? Meine Antwort: Wir verstehen uns nicht mehr als demokratische Gesellschaft. Mit Sicherheit würde der Großteil der deutschen Bevölkerung mir sofort widersprechen.

Niemand sollte Angst haben, seine Meinung zu sagen

Also – was genau bedeutet es eigentlich, in einer wahren Demokratie zu leben? Die Bedürfnisse ALLER Menschen sollten berücksichtigt werden, um einen ganz entscheidenden Punkt zu nennen. Auch eine gesunde Streitkultur ist darin enthalten. Die Bürger haben grundsätzliche politische Mitbestimmungsrechte. Diese drei Punkte vermisse ich beispielsweise derzeit sehr in unserer Gesellschaft.

Wir sollten auch wieder lernen, eine „andere Meinung“ zu akzeptieren, und den Gedanken zulassen, dass derjenige, der nicht so denkt oder empfindet wie ich, auch recht haben könnte. Wir sollten wieder mehr als ein „WIR“ und weniger als ein „ICH“ denken. Kein Mensch sollte für die Kunstform, die er wählt, um Kritik zu äußern, so dermaßen viel verbale Gewalt erleben müssen wie die Künstler von #allesdichtmachen. Niemand sollte Angst haben müssen, seine Meinung zu sagen. Niemandem sollte es verwehrt sein, für seine Überzeugung einzustehen, solange es friedlich und gewaltfrei geschieht. Deswegen habe ich unter anderem mit ein paar weiteren tollen Frauen das Bündnis #FriedlichZusammen gegründet. Denn genau das sollten wir alle jeden Tag versuchen: friedlich miteinander leben, und dem Gegenüber nicht grundsätzlich etwas Böses unterstellen.

Tina-Maria Aigner ist Bühnenschauspielerin und Sängerin. Sie wurde 1980 in München geboren.