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Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig: Die Schwächen des Siegerentwurfs

Der Entwurf für das Denkmal an die Friedliche Revolution wirkt erstarrt und sprachlos. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Die Banner der Demonstrationen im Jahr 1989 sind Ausgangspunkt für die Gestaltung des Siegerentwurfes.
Die Banner der Demonstrationen im Jahr 1989 sind Ausgangspunkt für die Gestaltung des Siegerentwurfes.Roland Hartig/imago

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Leipzig bekommt nun sein Denkmal an die Friedliche Revolution, und vermutlich steht es schneller als die Berliner Wippe. Nach dem kürzlich entschiedenen Wettbewerb und angesichts des Mauerfall-Jubiläums ist es angemessen, näher auf den von der Jury ausgezeichneten und zur Realisierung empfohlenen Entwurf zu blicken.

Gewonnen hat eine Idee, die so zusammengefasst werden kann: Fünfzig große weiße Fahnen und Transparente werden, in eine metallene Material- und Formensprache übersetzt, über den gesamten Wilhelm-Leuschner-Platz verteilt. In einem vorgeschalteten landschaftsarchitektonischen Wettbewerb war bereits über dessen künftige Gestalt entschieden worden.

Die letzte große Brache am südlichen Rand der Leipziger Innenstadt wird demnach kein Platz, sondern eher eine kleinteilige Parklandschaft werden, mit vielen Bäumen und amorphen Grünflächen, mit Hügeln und Mulden und geschwungenen Wegen. Die übergroßen Banner werden sich eines Tages zwischen Baumkronen befinden – der ganze Platz wird als ein Denkmal gelesen werden. Dies übrigens ungeachtet der Tatsache, dass die Fläche bei der Friedlichen Revolution keine besondere Rolle spielte. Aber das ist nicht den Teilnehmern des Wettbewerbes anzulasten, das wurde schon lange im Vorhinein so entschieden. Die Fläche war frei.

Die weißen Transparente des Siegerentwurfs entbehren jeglicher Botschaft.
Die weißen Transparente des Siegerentwurfs entbehren jeglicher Botschaft.Hansjoachim Wuthenow

Was die Jury überzeugt haben könnte

Der Entwurf ist im Grunde nicht ohne Reiz; er ist formal von einer für ein Denkmal durchaus seltenen Lockerheit. Das dürfte die Jury überzeugt haben: kein Stein, kein Beton, keine strenge Form; alles ist wie zufällig hingeworfen. Und der Entwurf feiert die Demokratie in einer ihrer entscheidenden Säulen, der freien Meinungsäußerung auf der Straße. Dies ist wie die Meinungsfreiheit oder eine unabhängige Justiz ein hohes Gut, an das man ruhig einmal erinnern kann.

Überhaupt ist grundsätzlich nichts gegen eine Denkmalsetzung zu sagen. Es ist, vor allem auf lange Sicht, durchaus wirkungsvoll und damit richtig, kollektive Erinnerung im öffentlichen Raum zu verankern. Das kulturelle Gedächtnis ist geknüpft an Räume und Orte – authentische sind dabei genauso wichtig wie neu geschaffene Erinnerungsstätten.

Leipzig, 35 Jahre nach dem historischen Geschehen, verfügt bereits über beides: authentische Orte wie auch stellvertretende Denkmäler. Da gibt es bereits den Nikolaikirchhof mit Säule, Brunnen und ehemals leuchtenden Pflastersteinen, die man reparieren könnte. Es gibt eine Freiheitsglocke am Augustusplatz und zudem die Orte der Proteste und Demonstrationen, von denen nur wenige beseitigt worden sind, wie etwa die Fußgängerbrücke im Nordwesten des Promenadenringes. Nun also ein neuer Denkmalstandort am südlichen Ring: Immerhin mit direkter Beziehung zu diesem.

Blick auf den Wilhelm-Leuschner-Platz, Ort des geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmal.
Blick auf den Wilhelm-Leuschner-Platz, Ort des geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmal.Jan Woitas/dpa

Wie ein Ruf ohne Stimme, wie ein Buch ohne Schrift

Der Entwurf muss sich zwei fundamentale Kritiken gefallen lassen: Er wirkt erstarrt und sprachlos. Für die Erstarrung sorgen die Bleche, welche die textilen Elemente darstellen sollen. Für die Sprachlosigkeit sorgt das Fehlen von Sprache. Was sagt ein leeres Spruchband aus? Das weiße Transparent entbehrt jeglicher Botschaft. Es wurde, ohne Losung, auf Demonstrationen wohl noch nie gesichtet. Die leeren, Spruchbänder des Denkmals sind, wenn man denn so will, auch als Symbol einer Sinnentleerung der Demokratie deutbar. Ohne Text ist ein Transparent buchstäblich sinnlos! Es ist wie ein Ruf ohne Stimme, ein Buch ohne Schrift.

Die weiße Fahne ist hingegen ein deutliches Symbol. Sie wird in Kriegszeiten gezeigt, um das kampflose Ergeben zu demonstrieren. Sie wird aus dem Fenster gehängt, um den Beschuss der Stadt beim Nahen fremder Truppen zu verhindern. Im Jahr 1945 hat manche deutsche Stadt so ihre Zerstörung verhindern können. Nach dem Kriegsvölkerrecht gehört die weiße Fahne zu den „Schutzzeichen“. Ein Unterhändler zwischen kriegführenden Parteien führt sie als Zeichen seines Friedenswillens mit sich. Dies könnte durchaus treffend zum friedensstiftenden Willen der Demonstrierenden von 1989 in Zusammenhang gebracht werden. „Keine Gewalt!“ war eine der ersten und wichtigsten Losungen, um Zusammenstöße oder gar ein Blutbad zu verhindern.

So gesehen, kann die weiße Fahne als ein sinnfälliges Symbol der Friedlichen Revolution gelten. Und dass diese Revolution weitgehend friedlich verlief, ist doch ihre entscheidende historische Besonderheit.

Anders verhält es sich jedoch mit den Transparenten. Die Verfasser halten sie für ein zentrales Element der Friedlichen Revolution, obwohl dies, zumindest für die Frühphase, nicht belegbar ist. In den ersten Aufnahmen der Leipziger Montagsdemos, insbesondere jener entscheidenden Kundgebung des 9. Oktober 1989, sind noch keine Transparente zu sehen. Es waren nachweislich die Menschen, die allein mit ihrem Körper demonstrierend auf die Straße gingen, einige mit Kerzen ausgestattet, unter Nutzung ihrer wärmenden, friedensstiftenden Symbolik – weswegen sich das Lichterfest zum jährlichen Jubiläum in Leipzig etabliert hat.

Volkspolizist vor BRD-Fahne whrend einer Demonstration zum Besuch von Helmut Kohl in Leipzig, Dezember 1989.
Volkspolizist vor BRD-Fahne whrend einer Demonstration zum Besuch von Helmut Kohl in Leipzig, Dezember 1989.Sven Simon/imago

Was den Entwurf retten könnte

Transparente gab es erst im weiteren Verlauf der Friedlichen Revolution, sie gehören sukzessive zur Geschichte der Umwälzungen dazu. Fahnen kamen wiederum noch später, als aus „Wir sind das Volk“ der Slogan „Wir sind ein Volk“ geworden war. Es waren meistens schwarz-rot-goldene. Da man flatternde Fahnenstoffe auf Dauer nicht bewahren kann, werden die Banner nun in feste Formen übersetzt. Die Stoffe erstarren in gefalteten Blechen aus Edelstahl oder Aluminium und werden weiß beschichtet. Dies kann ja durchaus interessante Formen, Reflexionen, Lichtspiele erzeugen. Mitunter gab es das schon in den Nachkriegsjahren: Pergolen aus Metall, die gefaltete Bleche hielten, in manchem innovativen Park und oder einer Gartenschau – dort jedoch in kleinerer Dimension, als Pergola über Wegen.

Vielleicht wäre der im Grunde interessante Entwurf zu retten, würden die Banner abends mit Projektionen historischer Aufschriften versehen, als Video-Mapping der besonderen Art. Auch die Demonstrationen fanden ja am Abend statt. Eine Auswahl der vielsagenden Botschaften könnte man zeigen, die 1989/90 auf Demonstrationen so zu lesen waren. Der Herbst des Jahres 1989 ist so reich an klugen, lyrischen, frechen und humorvollen Transparenten gewesen! Man könnte dann so schöne Sätze lesen wie „Volksauge sei wachsam“, aus den späteren Demonstrationen dann vielleicht „Wir wollen keine Kohlplantage werden“.

Gerade weil die Botschaften mitunter schwer verdaulich sind, könnten sie zu kontroversen Diskussionen führen. Selbst die zentrale Botschaft „Wir sind das Volk“ ist ja mittlerweile fast toxisch geworden. Die Gesellschaft könnte sich daran reiben. Die Sätze würden ein besonderes Licht auf die Eigentümlichkeit der Umwälzungen werfen, das könnte spannend werden! Und das Weiß könnte dann vielleicht doch noch Sinnträger sein.

Leipzig lässt es in Sachen Denkmalanlagen gern mal krachen, siehe das Völkerschlachtdenkmal.
Leipzig lässt es in Sachen Denkmalanlagen gern mal krachen, siehe das Völkerschlachtdenkmal.Christian Grube/Imago

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal wird, wie auch immer es im Detail ausgeführt wird, nach seiner Errichtung zu den weiträumigsten Denkmalanlagen Leipzigs zu zählen sein. In der Stadt hat man es in dieser Hinsicht schon öfter krachen lassen. Die Traditionslinie reicht vom Völkerschlachtdenkmal mit seinen vorgelagerten Parkanlagen (1898 bis 1913) über den Richard-Wagner-Hain (1932 bis 1945) bis hin zum Ehrenhain der Sozialisten auf dem Südfriedhof (1975 bis 1989). Die genannten Anlagen sind hinsichtlich ihrer Sinngebung und Formensprache schwer vergleichbar, in ihrer Ausdehnung aber schon. Und die genannten Vorläufer waren im Übrigen stets Nationaldenkmäler, deren Sinnstiftung weit über die Stadtgrenzen hinausreichte: Auch dafür gibt es in Leipzig eine lange Tradition.

Ging es nicht auch eine Nummer kleiner? Müssen es 50 Fahnen und Plakate sein, die über den rund einen Hektar messenden Stadtraum verteilt werden, jedes in einer überhöhten Größe? Durch den erinnerungspolitischen Diskurs geisterte vor Jahren eine interessante These. Sie besagt, dass besonders große Denkmäler ein Zeichen der Unsicherheit des Initiators sind. Ist eine Gesellschaft gefestigt und ihrer Erinnerung gewiss, hat sie überdimensionierte Monumente nicht nötig.

So gesehen spiegelt der künstlerische Wettbewerb die Ratlosigkeit im gegenwärtigen Diskurs über die DDR und ihr Ende, über den Transformationsprozess danach wie auch zu den heutigen Verhältnissen im Osten. Der Siegerentwurf zementiert, nein metallisiert die aktuelle Debatte über Ostdeutschland. Und zeigt fast unverblümt in Form der Bleche, wie erstarrt die Verhältnisse sind.

Peter Fibich arbeitet als freischaffender Landschaftsarchitekt im Büro Freiraumkonzepte bei Leipzig. 

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