Open Source

El Hotzo exklusiv: „Wahrscheinlich ist ein Social-Media-Verbot eine gute Sache“

Normalerweise bringt Sebastian Hotz seine Gedanken in nur 280 Zeichen auf den Punkt. In seinem Roman „Sidekick“ lässt er sich mehr Platz für Pointen. Ein Interview.

Sebastian Hotz (El Hotzo)
Sebastian Hotz (El Hotzo)Thomas Banneyer/dpa

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Sebastian Hotz kennt man vor allem unter seinem Pseudonym El Hotzo, mit dem er als Internetsatiriker immer wieder gesellschaftliche Missstände auf den Punkt bringt. Nun hat der 30-Jährige mit „Sidekick“ auch noch ein neues Buch herausgebracht und spricht im Interview über seinen schrumpfenden Zynismus, gute Gags und sein Faible für die Startseite von YouTube.

Sie haben den gescheiterten Anschlag auf US-Präsident Donald Trump auf X letztes Jahr mit einem verpassten Bus verglichen und sind dafür angeklagt worden. Ende März kam nun endlich der Freispruch. Trotzdem: Denken Sie jetzt zweimal darüber nach, bevor Sie etwas posten?

Nein. Und ganz ehrlich: Dieser ganze Rummel um diesen Post hat mir mehr genutzt als geschadet. Am schlimmsten war es wahrscheinlich für meine Mutter, die hat in der Zeit ziemlich hohen Puls gehabt. Aber ich bin trotzdem kein riesiger Anhänger der Echtweltkonsequenzen von Internetquatsch.

Sie posten immer noch fast jeden Tag irgendwas. Wann und wie schreiben Sie das alles zusammen?

Ich habe keine feste Zeit, wann ich etwas poste. Ich mache mir zwischendurch Gedanken und Notizen – das geht am besten bei Spaziergängen oder wenn ich bei McFit ein Fitnessgerät blockiere. Wenn ich so „normale Dinge“ mache, fällt mir relativ viel ein. Da bin ich am kreativsten. Je weniger ich so normale Dinge mache wie Einkaufen und Aufräumen, desto weniger kreativ bin ich – und das merkt man auch meinen Comedy-Kollegen an. Je bequemer das Leben wird, desto langweiliger wird es auch.

Also notieren Sie zwischendurch wahnsinnig viel?

Ja – in so einem merkwürdigen Stenografie-Stil. Das sind für eine Idee manchmal nur drei Worte. Die sehe ich mir dann zwei Tage später an und muss dann selbst noch mal überlegen, was ich mit „Banane“, „Holz“ und „Hape Kerkeling“ eigentlich sagen wollte.

Infobox image
Hendrik Schmidt/dpa
Zur Person
Sebastian Hotz, geboren 1996 im fränkischen Forchheim, wurde vor allem durch seine gesellschaftskritischen und pointierten Social-Media-Postings bekannt. Der studierte Wirtschaftspsychologe arbeitete für das „ZDF Magazin Royale“, Radio Fritz und RTL+ und veröffentlichte 2023 seinen Debütroman. Nun erscheint sein zweites Buch „Sidekick“.

Wann und wie kam die Idee zu Ihrem Buch „Sidekick“? Man ahnt, dass Ihre Erfahrungen aus der Böhmermann-Zeit miteingeflossen sind.

Es gibt ja ein paar große Sidekick-Figuren im deutschen Fernsehen, die Eltons dieser Welt. Und diese Rolle finde ich total interessant, zumal einige von ihnen das wirklich ownen – zum Beispiel Manuel Andrack früher bei Harald Schmidt. Bei dem hatte man den Eindruck, dass er mit der Halböffentlichkeit hinter dem großen Meister ganz gut leben konnte. Bei anderen habe ich das Gefühl, dass die das nie so richtig füllen konnten und über die Jahre einen gewissen Zynismus und Wut entwickelt haben, weil der Aufstieg vom Lehrling zum Meister nie gekommen ist. Dieses Prinzip gibt es ja in vielen Lebenslagen: der Sohn, der den Handwerksbetrieb des Vaters übernimmt, aber nie ganz ernst genommen wird. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich im Schatten meines Vaters stehe, aber in meinem Heimatdorf werde ich auch für immer der kleine Hotz bleiben. Und so ähnlich geht es vielen Menschen. Deshalb finde ich den Sidekick eine spannende Figur.

Fällt Ihnen der Prozess des Schreibens eines Buches schwerer als ein Tweet – mal abgesehen davon, dass die Menge an Worten natürlich nicht vergleichbar ist?

Ich habe es im letzten Jahr als ein bisschen lohnender empfunden, am Buch zu arbeiten, weil eine Pointe dort mehr Platz hat. Gerade durch Algorithmus-Umstellungen bei Twitter und Instagram tun mir die Leute manchmal leid, die total tolle Sachen posten, aber dafür am Ende nur eine Handvoll Likes erhalten. Daher empfinde ich es als ganz befreiend, nicht immer algorithmischen Vorgaben gehorchen zu müssen, um das eigene Ego befriedigen zu können. Und es tut gut, einen Gag auch mal ein bisschen zu strecken.

Dorfanerkennung bekomme ich höchstens, wenn ich beim Feuerwehrfest kellnere …

Sebastian Hotz

In Ihrem Roman, einer Mediensatire, geht es nicht nur ums Fernsehen, sondern auch um Zeitungen, Social Media, Instagram, Streaming-Dienste etc. Wenn Sie nur noch ein Medium nutzen und konsumieren dürften, welches wäre das?

Ich bin Fan der gut gepflegten YouTube-Startseite. Ich mag es, Freaks dabei zuzuschauen, wie sie Nischeninteressen ausfüllen und absurde Dinge machen, ohne den Anspruch, damit groß Geld zu verdienen. Aber wenn sie das tun, gönne ich es den Leuten auch. Dem Handwerker aus Rheinland-Pfalz, der ein Vogelhäuschen baut, oder der Schülerin, die ein siebenstündiges Video-Essay über alle Staffeln von „iCarly“ runterbetet – das ist für mich perfekte Unterhaltung.

Bewerten Ihre Eltern die Veröffentlichung eines Buches anders als Ihr Online-Berufsleben?

Wenn ich in klassischen Medien zu sehen bin, ist das für meine Eltern schon wertiger als das Internet, ja. Gerade wenn sie im Dorf darauf angesprochen werden, dass ihr Sohn im Fernsehen war. Das ist ganz süß.

El Hotzo auf einem Flohmarkt in Berlin-Wedding
El Hotzo auf einem Flohmarkt in Berlin-WeddingLaura Schaeffer/Berliner Zeitung am Wochenende

Das hat aber offenbar nicht dafür gesorgt, dass Sie im Dorf aus dem Schatten Ihres Vaters herausgetreten sind.

In Oberfranken ist man sehr spärlich mit Lob. Ich bin Silvester mit meiner Freundin in die Dorfkneipe gegangen, da haben wir maximal so was wie „Oh, der Berliner ist da!“ gehört. Mehr Rückmeldung kriegt man da nicht. Dorfanerkennung bekomme ich höchstens, wenn ich beim Feuerwehrfest kellnere …

… oder wenn man zehn Bier auf ex trinkt.

Das ist ja keine Leistung. Im Dorf ist das Standard und steckt sowieso in meiner Wirtshaus-DNA. Aber wenn ich kellnere und Knackwürste verkaufe, dann kriege ich durchaus ein anerkennendes „Na ja, du packst wenigstens mit an“ zu hören. Da kann ich dann nachts gut schlafen.

Anfang dieses Jahres haben Sie dem Spiegel ein Interview gegeben, das man sich auf YouTube ansehen kann. Darin hat der Moderator Sie – in Ihrem Beisein wohlgemerkt – mit folgenden Worten anmoderiert: „Er wurde als El Hotzo zum Shootingstar einer ganzen Generation, dann kam der Absturz: Ein Trump-Tweet kostete ihn seinen Job beim RBB, ein öffentliches Gespräch über toxisches Beziehungsverhalten die Sympathien vieler Fans. Wie geht es weiter mit jemandem, der mit nicht mal 30 Jahren bereits Ruhm, Skandal und Selbstdemontage hinter sich hat?“ Was ging in Ihnen vor, als er da Ihre Karriere mal eben in drei Sätzen runtergebrochen hat?

Er hat ja zum Teil recht: Ich hatte in der Öffentlichkeit schon sehr hohe Höhen und sehr tiefe Tiefen. Ich frage mich ja selbst oft, wie’s weitergeht. In einem meiner ersten Interviews habe ich mal gesagt, dass ich nicht mit 30 noch Tweets schreiben möchte. Jetzt bin ich 30 und mache das immer noch. Irgendwann nutzt sich aber jedes Format ab – sowohl online als auch in den klassischen Medien. In relativ naher Zukunft werde ich von diesem täglichen Post-Format auf jeden Fall weggehen.

Und dann?

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne weiterhin mit Schreiben, mit Autorsein, mit Quatschproduzieren meinen Lebensunterhalt bestreiten. Und ich bin demütig genug, um zu sagen, dass ich sehr zufrieden damit bin, wenn das hinter der Kamera passiert und nicht mehr davor. Ich muss nicht mehr in der breiten Öffentlichkeit agieren, da hat sich mein Fokus ein bisschen verschoben – und ich glaube, das ist auch ganz gut. Aufmerksamkeit um der Aufmerksamkeit willen macht viele unglücklich.

Und wenn sich noch mal ein gutes Format ergibt?

Dann werde ich das machen. Vielleicht habe ich auch Lust, für immer weiterzuposten, aber die wenigsten Mediengrößen können ihre Arbeit ewig machen.

Gab es schon mal Zeiten, in denen es Sie nicht erfüllt hat, der Internetclown zu sein?

Ja, natürlich. So beruflich erfolgreich die Jahre von 2021 bis 2024 auch waren, so vieles ist dabei auf der Strecke geblieben. Das hat privat viel von mir gefordert. Und im Hinblick aufs Finanzielle denke ich mir: Ich habe ganz schön viel von meinem Leben aufgegeben und Arbeit da reingesteckt, einen sechs- oder gar siebenstelligen Kontostand kann ich aber nicht vorweisen, insofern: ganz schön dumm.

Also bereuen Sie ein bisschen was?

Finanziell habe ich sicher ein paar Mal falsche Entscheidungen getroffen. Aber in 20 Jahren werde ich sehr wohlwollend auf diese Zeit zurückblicken und habe letztlich alles erlebt, was ich erleben wollte. Ich kann in den Spiegel gucken, ohne mich zu schämen – das können nicht alle von sich behaupten.

Hätten Sie sich diesen Karriereverlauf mit Anfang 20 vorstellen können?

Nein. Das war ja auch nie geplant. Bei mir ist ja alles aus dem Spaß am Gag und der Beobachtung entstanden. Dadurch sind im Laufe der Jahre Dinge passiert, die ich mir nie hätte träumen lassen. Auch die Grenzen dessen, was möglich ist, sind immer größer geworden: Ich durfte ein Praktikum beim Fernsehen machen. Dann habe ich die Möglichkeit bekommen, was in ein Google-Doc zu schreiben, das dann später auf einer Fernsehbühne passiert ist – total irre. Dann ein Buchvertrag. Eine Lesetour. Talkshows. Ein Festival-Auftritt beim Hurricane. Das klingt selbst jetzt, wenn ich so darüber rede, total absurd. Das hätte ich mir nie träumen lassen.

Was halten Sie von den Plänen für ein Social-Media-Verbot für Minderjährige? Damit nähme man Ihnen ja ein bisschen was von Ihrer Geschäftsgrundlage weg.

Nee, meine Fans sind ja alle in meinem Alter. Die Generation Alpha ist komplett an mir vorbeigegangen. Ich weiß aber nicht, ob ich ein Verbot nicht auch ein bisschen feige finde, bloß weil man keinen gesellschaftlichen Umgang damit findet. Andererseits glaube ich schon auch, dass es sich für ein jugendliches Gehirn eher positiv auswirkt, weniger vorm Bildschirm abzuhängen und eine gesunde Aufmerksamkeitsspanne zu entwickeln. Insofern, ja: Wahrscheinlich ist das eine gute Sache.

Im erwähnten Spiegel-Interview haben Sie angekündigt, in diesem Jahr ein bisschen weniger zynisch sein zu wollen. Wie ist Ihnen das bisher gelungen?

Ganz gut eigentlich. Ich hatte letzte Woche einen Dreh mit dem BR, bei dem über Lastenradväter abgelästert wurde, und ich verstehe den Impuls. Aber eigentlich ist es ja auch nichts, was irgendjemanden ernsthaft stört. Insofern versuche ich jetzt bereits, ein bisschen vorzubauen für all die Peinlichkeiten, die ich in Zukunft mache. Ich habe mir unlängst zum Beispiel ein Soundsystem für meinen Fernseher gekauft – so weit ist es bereits gekommen. Und manchmal schmeckt der Iced Chai Latte in einem Hipster-Café im Belgischen Viertel in Köln eben auch ganz gut.

Klingt, als wären Sie durchaus kritikfähig.

Muss ich ja. Es kommt aber auch ein bisschen darauf an, von wem die Kritik kommt. Ich bin auf jeden Fall besser darin geworden, private Kritik anzunehmen und zu verstehen, dass es kein Angriff auf mich als Person ist, wenn jemand aus meinem Umfeld etwas von mir kacke findet. Das kann auch nett und lieb gemeint sein, und das sollte man verstehen lernen, wenn man ein normaler Erwachsener werden will.

Daniel Schieferdecker arbeitet seit 15 Jahren als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.