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Ein Wunsch über den Tod hinaus: Mein Bruder wird als Plastinat weiterleben

Die Autorin begleitete das Leiden ihres Bruders bis zum Ende – und stand hinter seinem Entschluss, sein Leben über den Tod hinaus zu bewahren, durch die Plastination bei „Körperwelten“.

Mitunter etwas gruselig: die Körperwelten am Alexanderplatz in Berlin
Mitunter etwas gruselig: die Körperwelten am Alexanderplatz in Berlinimago stock&people

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Mein jüngerer Bruder ist gestorben – und doch werde ich ihn in etwa einem Jahr wiedersehen können. Theoretisch jedenfalls. Er hat sich den „Körperwelten“ von Gunther von Hagens gespendet. Ole (Name geändert) wird als Plastinat auferstehen – so, wie er sich noch zu Lebzeiten gewünscht hat.

In letzter Minute hatte Ole den Vertrag mit „Körperwelten“ abgeschlossen. Er hatte erst wenige Tage zuvor erfahren, dass er schwer krank war. Todsterbenskrank. Lungenkrebs mit Metastasen überall im Körper, vor allem im gesamten Skelett und im Gehirn. Zum Arzt war er gegangen wegen zunehmender Rückenschmerzen. Seine Ärztin hatte nach einem EKG – mein Bruder war in der Vergangenheit mehrmals bewusstlos zusammengeklappt – einen Herzinfarkt vermutet und ihn mit Blaulicht noch von der Praxis aus ins Krankenhaus bringen lassen.

Der Herzinfarkt bestätigte sich nicht. Doch woher kamen die Rückenschmerzen? Man machte eine Röntgenaufnahme, dann auch ein CT. Was auf den Aufnahmen zu sehen war, war zutiefst besorgniserregend. Da war ein Schatten auf der Lunge und Raumforderungen an der Wirbelsäule. Ole wurde in ein anderes Krankenhaus überwiesen, das weiterreichende Untersuchungen durchführen sollte.

Ein Bruder, wie jede Schwester es sich wünschen würde

Alle bösen Annahmen bestätigten sich. „Endstadium“, hieß das. Eine eventuelle Immuntherapie gab ihm, seiner Lebensgefährtin und mir einen Hoffnungsschimmer. Nicht auf Heilung, nur auf eine Verlängerung des Sterbens. Oder Lebens.

Er war ein Bruder, wie es sich jede Schwester wünschen würde. Humorvoll, einfühlsam, besorgt und durstig nach Leben. Erst vor Kurzem hatte er mit 60 Jahren ein weiteres Studium angefangen. Vor drei Jahren hatte er sich noch einmal bis über beide Ohren verliebt. Das Glück schien ihm hold. Und nun das.

Er weinte wenig jetzt zum Schluss, versuchte alles noch zu regeln – bis hin zu seiner Beerdigung, die er absagte, indem er seinen Körper nach dem Tod an „Körperwelten“ spendete. „Ich habe schon immer davon geträumt“, sagte er mir, als er von seinen Plänen sprach. In seinem Testament steht: „Ich bin bereit für die große Reise. Tatsächlich mit Freude darauf.“ Genau weiß ich es nicht, aber ich denke, er wollte der Wissenschaft etwas zurückgeben. Ole hatte schon einmal als junger Mann Krebs. Hodenkrebs. Er war damals Anfang 20 und wurde geheilt – im Krankenhaus in Bad Saarow. Seitdem bekam er weitere 40 Jahre geschenkt. Ole empfand das als sehr großes Geschenk.

Der Plastinator Gunther von Hagens
Der Plastinator Gunther von HagensBernd von Jutrczenka/dpa

Transport nach Heidelberg

Er liebte seinen Körper, den er über Jahre mit regelmäßigem Training formte – trotz der Narben von den Operationen infolge der Krebserkrankung. Ole machte gern Kraftsport, fuhr leidenschaftlich Rad und schwamm auch im Winter gern im See. Selbst auf dem Totenbett konnte sich sein muskulöser, schlanker Körper noch sehen lassen. Es war unfassbar für mich, dass er so schwer krank sein sollte. Doch es gab keine Rettung mehr. Ein plötzlicher Darmdurchbruch mit anschließender Sepsis verkürzte sein Leiden dramatisch.

In jener Nacht fuhr ich Hals über Kopf von Berlin nach Thüringen zu ihm. Ich habe in meinem Leben bisher nichts Furchtbareres gesehen, obwohl man auf der Palliativstation alles tat, um ihm das Ende zu erleichtern und uns – seine Angehörigen – auf das, was bevorstand, vorzubereiten. Eine Woche später starb er.

Nach seinem Tod habe ich selbst „Körperwelten“ informiert. Eine Dame zeigte sich am Telefon einfühlsam, vor allem aber sachlich, dass nun alles genau getan wird, um seinen Willen und die Spende an Gunther von Hagens durchzuführen. Er wurde dann nach Heidelberg zum Plastinieren abtransportiert. Ich hatte dem Wunsch meines Bruders entsprechend noch einen Zettel auf das Leichentuch gelegt. „Etwas mit einem Fahrrad wäre schön“, stand darauf. Wahrscheinlich sah er sich selbst in einer Ausstellung als Plastinat mit all seinen wunderbaren Muskeln auf einem Rennrad. Wir beide waren oft zusammen mit den rasanten Rädern unterwegs gewesen.

Nun also die Plastination. Natürlich wusste ich nicht, was genau mit ihm gemacht wird, dort in Heidelberg. Deswegen besuchte ich jetzt die „Körperwelten“-Ausstellung am Berliner Fernsehturm. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie es mit meinem Bruder weitergegangen ist und noch weitergeht. Beim Betreten der Ausstellung fürchtete ich mich und fühlte mich doch meinem gerade erst verstorbenen Bruder nahe. Mir war ein wenig, als würde ich ihn besuchen.

Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, wie sein von Krankheiten und Unfällen gemarterter Körper plastiniert wird. Wird er ein Ganzkörperplastinat in einer Pose, werden einzelne Organe plastiniert, vielleicht die Metastasen an der Wirbelsäule zur Schau gestellt? Oder sein über 20 Mal gebrochener Arm nach einem Fahrradunfall?

Offen gesagt, würde ich es gern wissen und – sollte er ein Ganzkörperplastinat werden – ja, ich würde ihn gern so sehen. Es wäre wie ein Abschluss – vielleicht ähnlich einer Beerdigung.

Das Gruseln der Freunde

Wenn Freunde fragen, wann mein Bruder beerdigt wird, erkläre ich immer, dass es keine Beerdigung geben wird, weil er sich für eine Spende an Gunther von Hagens und sein Institut für Plastination entschieden hat. Ich sehe die Fragen in den Augen meiner Freunde und spüre ihr Gruseln. „Es ist das erste Mal, dass ich das von jemandem im Freundeskreis höre“, sagte mir eine Freundin letztens und wollte mehr erfahren über das Prozedere. Ich empfahl ihr den Besuch bei „Körperwelten“.

Es wird etwa ein Jahr in Anspruch nehmen, bis die Plastination meines Bruders abgeschlossen ist, und er möglicherweise in einer der Ausstellungen zu sehen sein könnte. Sein Körper muss bis dahin sehr, sehr viele Prozesse durchlaufen.

Als ich die Exposition in Berlin verließ, strömte gerade eine Klasse angehender Sanitäter herein. Ich verstand in dem Moment umso mehr den Wunsch meines Bruders, seinen Körper an „Körperwelten“ zu spenden. Auf diese Weise bringt er Menschen über den eigenen Tod hinaus etwas bei. Ja, Anatomie – aber das meine ich nicht. Ich spreche von der Achtung vor Leben und Tod, die bei „Körperwelten“ kein Tabu ist.

Die Autorin wuchs im thüringischen Gotha auf, machte ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Zella-Mehlis und studierte nach der Schule in Leipzig Journalistik. Sie arbeitete 34 Jahre bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Darüber hinaus ist sie Buchautorin und Übersetzerin aus dem Polnischen.

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