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Vor wenigen Wochen: In Neukölln versammeln sich Unterstützer und Betroffene zu einer Veranstaltung der UfO – Union für Obdachlosenrechte Berlin. Die UfO gibt den Anstoß, gemeinsam eine zentrale Beschwerdestelle aufzubauen – einen Ort, an dem die unsichtbaren Stimmen wohnungsloser Menschen endlich Gehör finden sollen. Das Ziel: die negativen Erfahrungen wohnungsloser Menschen sichtbar zu machen und als Beschwerden an jene Strukturen weiterzugeben, die Verantwortung tragen.
Gleich zu Beginn lerne ich Pablo (Name geändert, d. R.) kennen, mit dem ich mich auf Spanisch unterhalte. Er spricht nur wenig Deutsch. Er ist wohnungslos. Nach seiner Erscheinung hätte ich das nicht erwartet. Ich merke, wie ich meine eigenen Vorurteile abbauen muss.
Es schockiert mich zu erfahren, dass er derzeit in einem Keller bei Bekannten übernachtet. Später denke ich darüber nach, wie schwierig es sein muss, seine Toilettengänge zu organisieren. Wie kalt es wohl ist. Wie jeden Tag aufs Neue alles in Frage gestellt wird. Was für eine Kraft muss man da haben?

Von Neonazis zusammengeschlagen
Pablo erzählt von den Rausschmissen, die er im Winter von Reinigungsteams der BVG erlebt hat, wenn er sich am U-Bahnhof Hermannplatz ein wenig aufwärmen wollte – und von einer Gruppe Neonazis, die ihn an der Warschauer Straße zusammengeschlagen hat. Mit Wohnheimen, sagt er, hat er keine guten Erfahrungen gemacht.
Plötzlich kommt es zu einem Ausraster, den ich zunächst nicht ganz verstehe. Ein Mann verlässt schreiend den Raum – wütend, aufgebracht. Eine Frau steht sofort auf, sie scheinen sich zu kennen. Sie nimmt ihren Hund und geht ebenfalls hinaus, kehrt jedoch bald wieder zurück. Ich ahne, dass sie eine außergewöhnliche Geschichte hinter sich hat. Und ich will sie kennenlernen.
Anwesenden, die selbst nicht von Obdachlosigkeit betroffen sind, werden gebeten, die Beschwerden schriftlich festzuhalten, um ihnen eine offizielle Form zu geben. Ich melde mich als Zuhörerin und Protokollführerin. Wir werden jeweils mit Menschen zusammengebracht, die eine Beschwerde offiziell einreichen möchten. Da ich noch kein Gegenüber habe, gehe ich schließlich auf die Frau mit dem Hund zu. Wir stellen uns vor: Sie heißt Stefanie, ist einige Jahre jünger als ich, eine zugleich zierliche und starke Frau.
Ihr Anliegen: die drohende Schließung des Wohnheims in der Saalestraße 17, dem Sunshinehouse. Zunächst sind wir beide vom Formular irritiert – geht es um ein „Thema“ oder um einen „Vorfall“? Stefanie ist aufgebracht, auch weil ihr Freund draußen wütend ist und sie selbst kaum noch Kraft hat, weiterzumachen. Wir beschließen, dass die bürokratische Kategorisierung zweitrangig ist und konzentrieren uns auf das Wesentliche.
Stefanie erzählt, dass ihr Wohnheim lange als Vorzeigehaus galt. Viele der Bewohner hatten zuvor Schwierigkeiten, in anderen Einrichtungen zu bleiben. Sie kämpfen mit psychischen oder gesundheitlichen Problemen und finden keinen Anschluss mehr auf dem Arbeitsmarkt. Andere Wohnheime seien schwierig, sagt sie. Es gebe viel Gewalt und sexuelle Übergriffe.

Ein Ort, um zur Ruhe zu kommen
Im Sunshinehouse leben viele Menschen mit bewegten Biografien: mit Suchtproblemen, manche ehemalige Häftlinge, andere mit körperlichen Beeinträchtigungen. Dort haben sie 15 Quadratmeter Würde für sich. Ein Obdachlosenwohnheim ohne Horrorgeschichten, sondern mit Gemeinschaftsgefühl.
Stefanie hat gemeinsam mit anderen den Garten gestaltet, einen Ort, der ihr Kraft gibt und sie zur Ruhe kommen lässt. „Jede Etage ist wie eine WG“, sagt Stefanie. Die Bewohner helfen sich bei Behördengängen, Arztterminen und Einkäufen. Das Gebäude ist rollstuhlgerecht und erlaubt Haustiere – eine seltene Ausnahme. Einige Bewohner leben dort seit über 14 Jahren, das Netzwerk ist stark. Stefanie selbst hat dort ihren Partner kennengelernt. Sie unterstützen sich gegenseitig. Einige der Bewohner sind auch bei der Veranstaltung anwesend.
Das Sunshinehouse ist auch ein Ort, der Menschen mit sehr schweren Lebensgeschichten einen letzten würdevollen Platz bietet. Manche verbringen dort ihre letzte Station vor dem Sterben, so zerbrochen sind sie. Hier können sie für sich sein, unter Bekannten. Ein Reich der Unerreichbarkeit.
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Stefanie weint. Ich will sie umarmen und fühle mich machtlos. Ihr Freund, erzählt sie, kann das alles nicht mehr ertragen. Ihn irritieren solche „Austauschformate“; er ist ungeduldig, will direkt vor dem Rathaus zelten, laut werden. Stefanie sagt, dass sie noch vor Jahresende in verschiedene Wohnheime ausziehen müssen. Einer der Bewohner wurde bereits umgesiedelt. Ich zittere innerlich und will ihr helfen. Es soll nicht beim Protokoll bleiben. Ich hasse Protokolle. Es muss eine konkrete Lösung gefunden werden.
Die Kündigung soll auf eine Preiserhöhung des Betreibers zurückgehen, höre ich. Sunshine habe seit Jahren die Preise nicht angepasst und galt, so wird mir erzählt, mit einem Tagessatz von 44 Euro pro Person als eine der günstigsten Unterkünfte Berlins. Der Bezirk nahm das neue Angebot nicht an – das Wohnheim soll nun dennoch geschlossen werden.
Das Geschäft mit Unterkünften ist lukrativ
Doch so einfach ist die Geschichte nicht. Der Bezirk wiederum wirft dem privaten Betreiber vor, die vereinbarte sozialarbeiterische Unterstützung seit Jahren nicht mehr geleistet zu haben. Die Fronten sind verhärtet; die Leidtragenden sind die Bewohner des Heims.
Der Witz an der Geschichte – wenn man hier überhaupt lachen kann: Für den bereits umgesiedelten Bewohner wird offenbar sogar mehr pro Tag bezahlt. Das Geschäft mit Unterkünften ist lukrativ und berlinweit verteilt; die Tagessätze liegen laut Senatsangaben häufig zwischen rund 30 und über 70 Euro pro Tag – in Einzelfällen können sie auf rund 2100 Euro im Monat kommen. Ich überlege, wer von meinen Freundinnen eine derart teure Miete zahlt, und mir fällt niemand ein. Irgendetwas läuft hier grundlegend schief.

Bei einem Besuch im Sunshinehouse einige Tage später wird mir die Einrichtung von Stefanie gezeigt: Die Bäder sind neu und sauber, die geteilte Küche ist gepflegt, der Garten blüht trotz der Kälte. Die kleinen Zimmer, in die ich eingeladen werde, sind mit dem Wenigen, das die Menschen besitzen, liebevoll eingerichtet. Auch der Fahrstuhl funktioniert.
Einige Nachbarinnen des Wohnheims, wird mir erzählt, sind verärgert über die Eröffnung einer neuen Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete unweit davon. Othering – die Einteilung in „wir“ und „die anderen“ – breitet sich leicht unter Menschen aus, die selbst ähnliche Not erfahren. Es könne nicht sein, höre ich, dass „für uns keine bezahlbaren Wohnungen mehr zu finden sind“.
„Mein Leben war bisher sehr schwierig“, sagt Stefanie mit zittriger Stimme. Und: „Mit dem Ende des Wohnheims würde es wieder schwieriger werden.“ Von ihrem Fenster aus zeigt sie mir ein kleines Zeltlager von Obdachlosen, das sich gegenüber dem Wohnheim gebildet hat.



