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Fangen wir mit dem Namen an. Cem, gesprochen Dschem, nicht Tschemm, nicht Sem, nicht Jim, obwohl das Englische da näher dran wäre, als man denkt. Im Türkischen, genauer im Alevitischen, ist der Cem weit mehr als ein Name: Er bezeichnet die heilige Versammlung der Gemeinde, jenen Gottesdienst, bei dem alle im Kreis sitzen, von Angesicht zu Angesicht, ohne Anfang und ohne Ende, ohne dass einer hinter einem anderen sitzt. Öz steht für den Kern, das Eigentliche. Demir ist Eisen. Der Mann heißt also, frei übersetzt: der eiserne Kern der Gemeinschaft. Wer es poetischer mag: die Versammlung, die im Innersten aus Eisen ist.
Man könnte schlechtere Voraussetzungen mitbringen, wenn man vorhat, Ministerpräsident zu werden. Seit dem 8. März 2026 ist er es – oder wird es, sobald die Koalitionsarithmetik in Baden-Württemberg ihren Lauf genommen hat. 30 Jahre deutsche Politik, vom ersten Bundestagsabgeordneten türkischer Herkunft zum designierten Landesvater. Der eiserne Kern hat gehalten.
Und trotzdem sagte er in der Siegesnacht, auf der Bühne vor jubelnden Parteifreunden: „Es ist mir nicht an der Wiege gesungen worden, dass ich jetzt hier stehe.“ Kurz darauf, im Gespräch mit einer Journalistin, dachte er laut an seine Eltern, die Gastarbeiter, die Schwäbische Alb, die bekannte Geschichte. Niemand hatte ihn darum gebeten. Aber die Erzählung meldete sich trotzdem, reflexartig, in dem Moment, in dem sie am wenigsten gebraucht wurde. Genau darum geht es hier.
Die andere Seite des Kontos
Es gibt eine Schieflage in der deutschen Debatte über Migration, die sich nicht dort zeigt, wo Integration scheitert, sondern gerade dort, wo sie gelingt – und dennoch nicht als solche benannt wird.
Man kann in diesem Land weit kommen. Das ist keine Floskel, sondern Wirklichkeit. Man kann hier studieren, Karriere machen, politische Ämter anstreben, Teil der Institutionen werden, die dieses Land tragen. All das geschieht. Und doch hält sich parallel eine Erzählung, die Deutschland vor allem als Raum der Ausgrenzung beschreibt. Beides gleichzeitig zu behaupten, erzeugt eine Spannung, die selten jemand aufzulösen versucht. Diskriminierung existiert. Sie ist real und erfahrbar, und sie verdient keine Verharmlosung. Aber sie ist nicht die ganze Geschichte. Das Problem liegt nicht in der Erfahrung selbst, sondern darin, dass aus ihr eine vollständige Welterklärung wird. Aus einem Teil der Wirklichkeit wird das Ganze.
Gesellschaft ist kein ebener Raum, eher ein Gebirge, das sich je nach Standort anders zeigt. Man kann weit kommen, aber nicht überall gleichzeitig, und nicht jede verschlossene Tür ist Ausdruck von Feindseligkeit. Manche stehen für viele im Weg, nur an anderen Stellen. Das zu sehen erfordert keine Verharmlosung, es erfordert Genauigkeit.
Wer in dieser Gesellschaft Verantwortung übernimmt, wer in ihren Institutionen wirkt, wer sichtbar Teil ihrer Ordnung wird, steht nicht mehr außerhalb. Er ist längst Teil von ihr. Und wenn die eigene Beschreibung mit dieser Realität nicht Schritt hält, entsteht eine Leerstelle, nicht nur analytisch, sondern als stille Ungerechtigkeit gegenüber einer Gesellschaft, die mehr geleistet hat, als sie zugestanden bekommt.
Denn Gesellschaft ist kein einseitiges Verhältnis. Sie besteht aus Möglichkeiten und Erwartungen, aus Rechten und Verantwortung. Wer nur eine Seite des Kontos führt, verbucht die Verluste, aber nicht die Gewinne. Das ist einseitige Buchführung.
Widerstand als Loyalität zur eigenen Geschichte
Diese Haltung hat Gründe. Sie schützt, sie vereinfacht, sie stiftet Zugehörigkeit, und wer selbst eine ähnliche Geschichte kennt, versteht, warum sie sich so hartnäckig hält. Aber die Gründe reichen tiefer. Ein ganzer Sektor lebt von der Fortschreibung des Problems: Förderprogramme, Institutionen, zivilgesellschaftliche Apparate – sie alle brauchen das ungelöste Problem als Daseinsberechtigung. Gelöste Probleme finanzieren keine Stellen.
Und dann ist da ein Druck, der noch schwerer wiegt, weil er nicht von außen kommt, sondern von innen. In vielen Herkunftsmilieus gilt das Erzählen von Widerstand als Zeichen von Würde, von Treue zur eigenen Geschichte. Wer sich nicht mehr erklärt, wer einfach da ist, wer Zugehörigkeit nicht als Errungenschaft, sondern als Selbstverständlichkeit lebt, der gilt als jemand, der sich verloren hat. Anpassung wird nicht als Normalität gelesen, sondern als Verrat. So hält sich das Narrativ nicht trotz seiner Unvollständigkeit, sondern weil es so vielen nützt.
Özdemir ist kein Sonderfall, er ist ein besonders helles Beispiel. Ein Mann, der im Wahlkampf bewusst nicht die Migrantenkarte zog, der schwäbelte und Mitte signalisierte, der sich präsidial inszenierte und der dann, im Moment des Triumphs, zur eingeübten Erzählung zurückfand. Nicht aus Kalkül. Aus Gewohnheit. Die Erzählung sitzt tiefer als die Karriere.

Eine Haltung, die schwer zu benennen ist
Es gibt eine Haltung, die schwer zu benennen ist, weil sie so selbstverständlich geworden ist: Man lebt in dieser Gesellschaft, bewegt sich in ihren Räumen, nutzt ihre Möglichkeiten und hält doch eine eingeübte Distanz zu ihr aufrecht. Keine feindselige. Eine melancholische. Als hätte man sich nie ganz erlaubt anzukommen.
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Kritik ist notwendig. Sie wird erst problematisch, wenn sie zur einzigen Perspektive erstarrt, wenn sie nicht mehr beschreibt, sondern ersetzt. Wenn aus berechtigtem Einwand eine Vereinfachung wird und aus dem Versuch, Ungerechtigkeit sichtbar zu machen, eine neue Unschärfe entsteht, gegenüber der Gesellschaft und gegenüber der eigenen Rolle in ihr. Vielleicht ist das die eigentliche Frage: Wann erlaubt man sich, aufgehört zu haben, Gast zu sein?


