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Verbote erzeugen Märkte – das gilt sowohl für Drogen als auch für das Glücksspiel. Historisch zeigt sich: Je restriktiver ein Markt reguliert wird, desto stärker wächst der Schwarzmarkt.
Mit dem Cannabisgesetz (KCanG) von 2024 wurden in Deutschland erste wichtige Schritte hin zu legalen, kontrollierten Angeboten unternommen. Anders als in anderen Staaten hat Deutschland jedoch auf eine staatlich regulierte kommerzielle Abgabe verzichtet – und damit auf erhebliche Steuerpotenziale.
Seit dem 1. April 2024 erlaubt das Konsumcannabisgesetz (KCanG) Erwachsenen, bis zu 25 Gramm Cannabis außerhalb der Wohnung mitzuführen und bis zu 50 Gramm zu Hause zu besitzen. Darüber hinaus ist der Eigenanbau von drei Pflanzen sowie der gemeinschaftliche Anbau in Cannabis-Clubs erlaubt.
Diese insgesamt positive Entwicklung nun wieder infrage zu stellen – wie es im Zuge der überhasteten Evaluierung des KCanG zu geschehen scheint – wäre ein Rückschritt. Stattdessen braucht es eine sachliche Debatte darüber, wie Regulierung wirksam gestaltet werden kann.
Mit dem Glücksspielstaatsvertrag in der Fassung von 2021 wurde der Glücksspiel-Markt erstmals umfassend reguliert und zugleich begrenzt liberalisiert. Online-Sportwetten und – unter engen Bedingungen – auch Online-Automatenspiele wurden legal zugelassen. Dies bedeutete keine Freigabe des Marktes, sondern eine kontrollierte Liberalisierung mit erheblichen Auflagen: verpflichtende Einsatzlimits, Sperrdateien, strenge Lizenzprüfungen, technische Überwachungssysteme. Die Intention war klar: einen zuvor kaum kontrollierbaren Schwarzmarkt in regulierte Bahnen lenken und damit den Verbraucherschutz verbessern. Die Logik entspricht jener des KCanG – Kontrolle statt eines Verbots, das in der Praxis längst nicht mehr wirkte. Die Frage bleibt, hält der Glücksspielstaatsvertrag was er verspricht?
Was Forschung und Rechtsprechung über die Risiken sagen
Wer in Bezug auf Cannabis primär auf Gefahren verweist, argumentiert häufig mit überholten Daten. Die aktuelle Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Studien aus den USA und anderen Ländern zeigen, dass die Auswirkungen der Legalisierung von Genuss-Cannabis auf psychische und soziale Gesundheit überschaubar sind.
Bereits 1994 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass die gesundheitlichen Gefahren von Cannabis „als geringer einzuschätzen“ seien als zuvor angenommen. Das Abhängigkeitspotenzial bewertete das Gericht als niedrig; eine körperliche Abhängigkeit sei nach damaligem Kenntnisstand nicht nachgewiesen. Dem entspreche die hohe Zahl der unauffälligen Gelegenheitskonsumenten. Gleichzeitig verwies das Gericht auf die Repräsentativerhebung von 1990: Nur 2,5 Prozent der Haschischkonsumenten nutzten auch andere, dem Betäubungsmittelgesetz unterfallende Drogen.
Und Studien an eineiigen Zwillingen zeigen außerdem, dass Cannabis selten alleiniger Auslöser psychischer Erkrankungen ist; individuelle Vulnerabilität und soziale Faktoren spielen eine deutlich größere Rolle.

Wie Regulierung Konsumenten wirklich schützt
Problematischer Konsum existiert bei jeder legalen wie auch illegalen Substanz. Entscheidend ist, wie eine Gesellschaft damit umgeht. Je attraktiver und zugänglicher legale Angebote sind, desto mehr verschiebt sich die Nachfrage vom Schwarzmarkt in den regulierten Markt. Gleichzeitig steigt dadurch die Möglichkeit, niedrigschwellige Hilfsangebote, Präventionsmaßnahmen und Beratung effektiv umzusetzen, da Konsumenten Zugang zu kontrollierten Angeboten haben.
Regulierung schafft damit die Voraussetzungen für gezielten Schutz: klare Altersgrenzen, Qualitätsstandards, Mengenbegrenzungen und Zugang zu Hilfsangeboten – ohne Konsumenten zu kriminalisieren. Internationale Erfahrungen bestätigen diesen Ansatz. In Kanada etwa ist der Cannabiskonsum unter Erwachsenen nach der Legalisierung leicht gestiegen, der Konsum unter Jugendlichen jedoch weitgehend stabil geblieben – eine besonders erfreuliche Bilanz für die Präventionspolitik.
Ein wichtiges theoretisches Konzept ist im Übrigen das sogenannte Paradox of Prohibition: Maximal restriktive Verbote einerseits (toxische Qualität, Kriminalisierung, Stigmatisierung etc.) und extreme Kommerzialisierung andererseits (Werbung, Ubiquität, hohe Potenzen, keinerlei Alterskontrollen etc.) können gesellschaftliche Schäden nach oben treiben. Regulierungen sollten daher den Schadensminimum-„Sweet Spot“ anstreben. Die jeweiligen Regulierungen unterscheiden sich dann aber wieder, je nachdem, um welche Substanz es sich handelt. Dabei kann es beispielsweise neben der relativ harmlosen Droge Cannabis auch um Alkohol, Kokain oder andere gefährlichere Drogen gehen.
Im Glücksspielbereich gilt analog: Wenn legale Angebote durch restriktive Regeln verdrängt werden, wandern Spieler auf illegale Plattformen ab – mit erheblich schlechterem Verbraucherschutz.
Wo Regulierung über Schutz oder Risiko entscheidet
Der Schwarzmarkt ist das größte Hindernis für eine wirksame Drogen- und Suchtpolitik. Sein Wachstum bedeutet, dass es keine Qualitätskontrolle, keine Transparenz und auch keine Hilfe für Problemkonsumenten gibt. Entscheidend ist dabei ein grundlegender Zusammenhang: Je strenger die gesetzlichen Regelungen und je umfassender die Verbote, desto stärker blüht der Schwarzmarkt. Umgekehrt gilt: Je liberaler und zugleich regulierter ein legaler Markt ausgestaltet ist, desto unbedeutender wird das illegale Angebot. Den legalen Markt zu stärken, heißt daher immer auch, Problemkonsumenten besser zu schützen.
Da deutsche Daten bezüglich der Veränderung des Schwarzmarktes seit dem Inkrafttreten des KCanG fehlen, lohnt der Blick ins Ausland. In Kanada stieg der Anteil des legalen Cannabis am Gesamtmarkt innerhalb von rund fünf Jahren auf über 70 Prozent; der illegale Markt schrumpfte auf etwa über 20 Prozent. Für Konsumenten bedeutet das: weniger gesundheitliche Risiken, bessere Beratungsmöglichkeiten und niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützung.
Auch in Deutschland dürfte der Schwarzmarkt seit April 2024 rückläufig sein: Eigenanbau ist erlaubt, erste Cannabis Social Clubs haben geerntet, und medizinischer Cannabis wird inzwischen in vielen Fällen zunehmend unbürokratisch verschrieben.
Auch ökonomisch spricht vieles für regulierte Märkte
Diese Dynamik zeigt: Je attraktiver und zugänglicher legaler Markt ist, desto mehr verlagert sich die Nachfrage vom Schwarzmarkt in den regulierten Markt. Das Gegenbeispiel liefert das Glücksspiel im Sportwettenbereich: Laut Deutschem Sportwettenverband kamen im September 2025 auf jede legale Wettseite elf illegale. Für Spieler bedeutet das ein hohes Risiko, da dort weder Suchtprävention noch Alterskontrollen noch Transparenz gewährleistet sind.
Ökonomisch spricht ebenfalls vieles für regulierte Märkte. Der Düsseldorfer Ökonom Justus Haucap hat berechnet, dass eine umfassende Legalisierung von Cannabis in Deutschland nicht nur erhebliche Einsparungen bei Polizei, Justiz und Verwaltung brächte, sondern auch hohe Steuereinnahmen generieren könnte. Für 2018 schätzt er den Gesamteffekt auf rund 2,7 Milliarden Euro, für 2021 auf über 4,7 Milliarden Euro. Gelder, die gezielt in Prävention, Aufklärung und Hilfsangebote fließen könnten.
Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Glücksspiel. Eine wirksame Kanalisierung in den legalen Markt erfordert eine realistische Besteuerung. Die derzeitige Einsatzsteuer von acht Prozent führt jedoch zu einem unverhältnismäßig hohen effektiven Steuersatz bezogen auf den Bruttospielertrag. Legale Anbieter verlieren Wettbewerbsfähigkeit, während der Schwarzmarkt profitiert. Viele Spieler weichen auf nicht regulierte Plattformen aus – das Ziel der Kanalisierung wird verfehlt.
Auch hier bestätigen Studien, unter anderem von Haucap u.a.: Überzogene Steuern untergraben sowohl Verbraucherschutz als auch staatliche Einnahmen. Nur eine angemessen gestaltete fiskalische Regulierung kann Spieler im legalen Markt halten – und damit die Grundvoraussetzung für Kontrolle, Prävention und Sicherheit schaffen.

Ausblick: Regulierung statt Rückschritt
Verbote schützen nicht – sie verlagern nur bestehende Probleme. Eine moderne Drogen- und Glücksspielpolitik braucht deshalb staatlich gesteuerte Regulierung, die Risiken begrenzt, vulnerable Gruppen schützt und den Schwarzmarkt zurückdrängt.
Für Cannabis kann eine vollumfängliche Legalisierung ein sinnvoller Weg sein: nicht als Freibrief, sondern als klar strukturierter Markt mit Qualitätsstandards, Alterskontrollen, Prävention und gesundheitspolitischer Einbettung.
Auch im Glücksspielsektor zeigt sich: Nicht starre Regeln oder fiskalische Übersteuerung führen zum gewünschten Verbraucherschutz, sondern eine maßvolle Regulierung, die legale Angebote konkurrenzfähig hält. Eine zu hohe Einsatzbesteuerung trifft vor allem jene Anbieter, die sich an die Vorgaben halten, und drängt Spieler in den unregulierten Schwarzmarkt.
Wichtig ist zudem ein kontinuierliches Daten-Monitoring – wie in Kanada im Rahmen des Cannabiskonsums –, um Entwicklungen nachvollziehen, Maßnahmen anpassen und Schutzlücken schließen zu können.
Medien und Politik sollten in diesem Zusammenhang betonen: Freiheit bedeutet nicht „frei von Risiko“, sondern „frei mit Verantwortung und Unterstützung“. Dabei wird es nicht ganz ohne Regeln gehen. Entscheidend ist, dass Regeln nicht um ihrer selbst willen entstehen, sondern dazu dienen, Freiheit für alle zu ermöglichen, Risiken zu verringern und Schutz zu bieten, wo er gebraucht wird.



