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100 Jahre Lufthansa: Warum die Ausstellung in Dessau so besonders ist

Anlässlich des Gründungsjubiläums des Luftfahrtunternehmens wählt man im Technikmuseum in Dessau einen erweiterten Blickwinkel.

Die DDR gründete eine eigene Lufthansa. Nach einem verlorenen Rechtsstreit erfolgte die Umbenennung in Interflug.
Die DDR gründete eine eigene Lufthansa. Nach einem verlorenen Rechtsstreit erfolgte die Umbenennung in Interflug.Joko/Imago

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Mit einem festlichen Auftakt hat das Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau am 7. Februar 2026 das Jubiläumsjahr „100 Jahre Deutsche Lufthansa“ eröffnet. Die Ausstellung markiert den Beginn eines mehrmonatigen Programms und setzt bewusst einen eigenen Akzent im Jubiläumsreigen.

Während die heutige Lufthansa ihren 100. Geburtstag im April in Frankfurt feiern wird – mit einem starken Fokus auf die NS-Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte –, wählt Dessau einen erweiterten Blickwinkel: Es geht um die Anfänge der zivilen Luftfahrt in Deutschland und um die Lebensleistung des Ingenieurs, Unternehmers und Wissenschaftlers Hugo Junkers.

Was Junkers von vielen Zeitgenossen unterschied

Schon zur Eröffnung wurde deutlich, dass es dem Museum nicht um eine klassische Unternehmensschau geht. Vielmehr versteht sich die Ausstellung als historisches Ereignis, das Technik-, Verkehrs- und Zeitgeschichte zusammenführt. Junkers erscheint hier nicht nur als Flugzeugbauer, sondern als Gestalter eines gesamten Verkehrssystems. Er konstruierte nicht lediglich Flugzeuge, sondern begründete Fluglinien, initiierte internationale Streckenverbindungen und plante Flugplätze – zu einer Zeit, als ziviler Luftverkehr in mancherlei Hinsicht noch ein Experiment und die global umspannende Zukunft höchstens zu erträumen war, nicht aber bereits Realität.

Die Dessauer Ausstellung erinnert an diese frühe, ausdrücklich friedliche Nutzung der Luftfahrt, die Mobilität ermöglichen und Länder verbinden sollte. Gerade dieser systemische Ansatz unterscheidet Junkers von vielen Zeitgenossen und macht deutlich, wie sehr Technik, Wirtschaft und politische Rahmenbedingungen bereits damals ineinandergreifen mussten, um Luftverkehr dauerhaft zu etablieren.

Als der Junkers Luftverkehr 1926 mit der Deutschen Aero Lloyd zur Deutschen Lufthansa vereinigt wurde, existierten bereits nationale und internationale Flugverbindungen, die bis nach Asien reichten. Russland und Iran wurden angeflogen, eine Verlängerung des Streckennetzes nach Afghanistan war geplant. Junkers hatte sie mitaufgebaut. Parallel dazu dominierte sein Unternehmen den Flugzeugbau: In den 1920er-Jahren erreichten Junkers-Ganzmetallflugzeuge einen weltweiten Marktanteil von rund 40 Prozent – vergleichbar mit der Rolle von Airbus heute.

Eine informative Bilderausstellung erläutert die Entwicklungen der Lufthansa.
Eine informative Bilderausstellung erläutert die Entwicklungen der Lufthansa.Stefan Piasecki
In Dessau gibt es Exponate aus mehr als 100 Jahren Geschichte der zivilen Luftfahrt zu sehen.
In Dessau gibt es Exponate aus mehr als 100 Jahren Geschichte der zivilen Luftfahrt zu sehen.Stefan Piasecki

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Flugplatz Tempelhof

Für das Dessauer Museum steht deshalb nicht die spätere Konzernentwicklung im Zentrum, sondern die wissenschaftliche, geschäftliche und ingenieurtechnische Leistung eines Mannes, der industrielle Forschung, Serienfertigung und Verkehrskonzepte zusammenführte, Lehrlinge aus China und Persien ausbildete und dann sein Lebenswerk zwangsweise schon im Oktober 1933 an die Nationalsozialisten abtreten musste.

Zur Eröffnung wurden erste Ausstellungsmodule vorgestellt, weitere Wände und Exponate sollen bis zum Flugplatzfest im Mai ergänzt werden. Zu sehen sind neben großformatigen Informationstafeln auch originale Flugscheine, historische Flugpläne, Uniformen und Dokumente, die den Aufbau früher Luftverkehrsnetze nachvollziehbar machen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Berliner Flugplatz Tempelhof, der bereits in der Weimarer Republik eine zentrale Rolle spielte und erst später in der NS-Zeit zu der monumentalen Anlage ausgebaut wurde, die bis heute das Stadtbild prägt.

Im Jahr 1926 wurde der Junkers Luftverkehr mit der Deutschen Aero Lloyd zur Deutschen Lufthansa vereinigt.
Im Jahr 1926 wurde der Junkers Luftverkehr mit der Deutschen Aero Lloyd zur Deutschen Lufthansa vereinigt.imagebroker/imago

DDR muss nach Rechtsstreit Namensrechte abgeben

Auch die politisch aufgeladene Nachkriegsgeschichte der Lufthansa wird thematisiert. Nach 1945 beanspruchten beide deutschen Staaten den traditionsreichen Namen. Die DDR gründete eine eigene Lufthansa und knüpfte bewusst an das historische Erbe an. Vor dem Dessauer Museum steht bis heute ein Passagierflugzeug aus DDR-Zeiten im Lufthansa-Design – ein eindrückliches Relikt dieser Phase. Nach verlorenen Rechtsstreitigkeiten musste die DDR die Namensrechte jedoch an die 1954 im Westen neu gegründete Lufthansa in Frankfurt abtreten. 1961 benannte die DDR ihre Fluglinie in Interflug um. Die Ausstellung zeigt, wie eng Luftfahrtgeschichte und Systemkonkurrenz miteinander verwoben waren.

Über die historische Rückschau hinaus formuliert das Technikmuseum eigene ambitionierte Pläne für die Zukunft. Vorgesehen ist der Wiederaufbau einer historischen Rundbogenhalle, die Hugo Junkers selbst entworfen hatte. Sie wird von einem anderen Standort nach Dessau umgesetzt und originalgetreu rekonstruiert werden. Künftig sollen dort Großexponate untergebracht werden, darunter Militär- und Passagierflugzeuge, die derzeit noch ungeschützt auf dem Museumshof stehen. Damit würde wertvolle Substanz gesichert und ein zentrales architektonisches Konzept Junkers’ wieder sichtbar.

Die Ausstellung „100 Jahre Deutsche Lufthansa“ versteht sich in Dessau damit weniger als nostalgische Rückschau denn als historisches Ereignis mit Gegenwartsbezug. Sie erzählt von technischer Kühnheit, unternehmerischem Mut und wissenschaftlicher Neugier – und von einer Idee der Luftfahrt, die lange vor den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf zivile Nutzung, internationale Vernetzung und Fortschritt setzte. Im Mittelpunkt steht nicht das Unternehmen, sondern Hugo Junkers – und die Frage, was von seinem Verständnis von Technik und Verantwortung heute noch trägt.

Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik. Er beschäftigt sich bevorzugt mit den Wechselwirkungen von Medien, Religion, Kultur und Gesellschaft. 2022 erschien sein auf Archivrecherchen beruhender historischer Luftfahrtroman „Himmelsleiter“.

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