Die US-Regierung hat am Montag in Washington eine neue Runde von Verhandlungen über die Zukunft der Westsahara eröffnet. An dem Treffen nahmen Vertreter Marokkos, Algeriens, Mauretaniens und der Polisario-Front teil. Es ist bereits das dritte Treffen innerhalb eines Monats – zuvor hatten Gespräche an der US-Botschaft in Madrid stattgefunden.
Geleitet wird die diplomatische Initiative von Massad Boulos, dem Afrika-Beauftragten von Präsident Donald Trump. Laut dem spanischen Journalisten Ignacio Cembrero verfolgt Trump dabei ein doppeltes Ziel: Er wolle sich als „Friedenspräsident“ positionieren und zugleich Marokko stärken, das als enger US-Verbündeter derzeit auch in die Stabilisierungsbemühungen in Gaza eingebunden sei. Analysten zufolge strebe Washington an, bis zum Frühjahr einen Kompromissvorschlag vorzulegen.
Autonomie gegen Selbstbestimmung
Im Kern des Konflikts steht eine seit über 50 Jahren ungelöste Frage: Soll die Westsahara unter marokkanischer Souveränität eine Autonomie erhalten – oder soll die sahrauische Bevölkerung in einem Referendum über ihre staatliche Zukunft abstimmen?
Die USA stützen sich auf den marokkanischen Autonomieplan als Verhandlungsgrundlage, was der im Oktober verabschiedeten UN-Sicherheitsratsresolution 2797 entspricht. Das marokkanische Außenministerium bezeichnet den Plan als „einzige realistische Lösung“. Außenminister Nasser Bourita betonte laut der staatlichen Nachrichtenagentur MAP in Washington, Rabat lehne „jede Rückkehr zu überholten Referendumsfantasien“ ab. Marokko verweist zudem auf die wachsende Zahl von Staaten – darunter die USA, Israel, Spanien und mehrere Golfstaaten –, die seine Souveränität über das Gebiet de facto anerkennen.
Die Polisario-Front und Algerien weisen diesen Ansatz entschieden zurück. Polisario-Vertreter Sidi Omar erklärte, „Selbstbestimmung ist nicht verhandelbar“. Die algerische Regierung fordert laut der Zeitung El Khabar eine Rückkehr zu UN-geführten Gesprächen unter dem Sondergesandten Staffan de Mistura in Genf – statt in bilateralen US-Formaten. Algerien befürchtet nach Angaben von Jeune Afrique, dass Washington mit Rabat einseitige sicherheitspolitische Vereinbarungen im Sahel ausbaut.
Streit um Flagge, Hymne und Identität
Die Differenzen reichen weit über territoriale Fragen hinaus. Marokkos Autonomieplan würde laut Berichten keine offizielle Anerkennung einer eigenständigen sahrauischen Identität mit Flagge oder Hymne vorsehen – ein Punkt, den sahrauische Vertreter vehement ablehnen. Die Nachrichtenplattform Al-Araby al-Jadeed berichtete, die Polisario-Delegation habe in Washington klargestellt, „keine Lösung zu akzeptieren, die die kulturelle oder staatliche Identität der Sahrauis negiert“. Besonders für die Bewohner der Flüchtlingslager im algerischen Tindouf sind diese Symbole von zentraler Bedeutung.
Cembrero verwies darauf, dass US-Bundesstaaten wie Kalifornien eigene regionale Symbole führen und dennoch vollständig in den Bundesstaat integriert seien. US-Diplomaten sollen einen ähnlichen föderalen Modellansatz ins Gespräch gebracht haben, um Autonomie und nationale Einheit miteinander zu verbinden.
Europa bleibt gespalten
Die EU hält offiziell an der UN-Resolution und der Vermittlerrolle der Vereinten Nationen fest. Innerhalb Europas gehen die Positionen jedoch auseinander. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez unterstützt den marokkanischen Autonomieplan, während Teile seiner Koalition sowie baskische und katalanische Regionalparteien auf das Selbstbestimmungsrecht der Sahrauis pochen. Frankreich stellt sich zunehmend an die Seite Rabats – nicht zuletzt wegen der Energie- und Sicherheitskooperation in Westafrika.
Die Gespräche in Washington sollten hinter verschlossenen Türen bis Dienstag fortgesetzt werden. Ob die beschleunigte US-Diplomatie den seit Jahrzehnten festgefahrenen Konflikt tatsächlich einer Lösung näherbringen kann, bleibt offen. Bislang ist keine erkennbare Annäherung der Positionen in Sicht.

