Leitlinien ignoriert

TikTok setzt bei Gesundheitsthema auf Lifestyle statt Medizin

TikTok-Videos zu Gicht ignorieren medizinische Leitlinien. Statt bewährter Medikamente dominieren Lifestyle-Tipps. Was das für Millionen Betroffene bedeutet.

Schauen Sie hier nicht hin, wenn Sie Gichthände oder  Gesundheitsfragen haben.
Schauen Sie hier nicht hin, wenn Sie Gichthände oder Gesundheitsfragen haben.ZB

Eine aktuelle Analyse von TikTok-Videos zum Thema Gicht offenbart erhebliche Lücken zwischen den dort verbreiteten Ratschlägen und den tatsächlichen medizinischen Leitlinien. Forscher der University of Auckland haben festgestellt, dass die Mehrheit der Videos Ernährungsumstellungen und Nahrungsergänzungsmittel in den Vordergrund stellt, während langfristig wirksame medikamentöse Behandlungen kaum Erwähnung finden.

Die im Fachjournal Rheumatology Advances in Practice veröffentlichte Studie untersuchte 116 englischsprachige TikTok-Videos, die zusammen rund 427 Millionen Aufrufe erzielten.

Viel pflanzliche Heilmittel

Die Ergebnisse zeigen, dass 79 Prozent der Videos Behandlungsstrategien thematisierten, wobei Ernährungsratschläge mit 53 Prozent am häufigsten vorkamen. Pflanzliche Heilmittel und Nahrungsergänzungsmittel wurden in 40 Prozent der Videos beworben.

Besonders auffällig: Nur sieben Videos erwähnten überhaupt verschreibungspflichtige Medikamente, und lediglich zwei Videos sprachen die sogenannte Urat-senkende Therapie an. Diese gilt laut rheumatologischen Fachgesellschaften jedoch als Standardbehandlung für eine effektive Gicht-Kontrolle.

Gicht wird häufig als Lifestyle-Problem dargestellt

Die Forscher kritisieren, dass Gicht in vielen Videos als selbstverschuldete Erkrankung dargestellt wird. Etwa 45 Prozent der Videos nannten Risikofaktoren, wobei 90 Prozent davon auf Ernährung und Lebensstil fokussierten. Genetische Veranlagung, Nierenfunktion und Körpergewicht – Faktoren, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen einen deutlich größeren Einfluss auf die Erkrankung haben – wurden kaum thematisiert.

Ein Beispiel aus den analysierten Videos: Ein Podcaster bezeichnete Gicht als „Krankheit der Reichen, weil sie von Menschen stammt, die Lebensmittel mit höherem Einkommen essen“. In einem anderen Video riet ein hospitalisierter Patient: „Man kann die Gichtanfälle reduzieren, wenn man Salz, Alkohol und rotes Fleisch einschränkt.“

Nur ein einziges Video eines Arztes erklärte korrekt, dass etwa 70 Prozent der Harnsäure im Körper durch den natürlichen Zellabbau entstehen und nicht durch die Nahrung aufgenommen werden.

Werbung für unbewiesene Produkte weit verbreitet

Die Studie identifizierte zudem einen erheblichen Anteil kommerzieller Inhalte. 19 Prozent der Videos dienten dem Verkauf von Produkten, die angeblich gegen Gicht helfen sollen. Manche Videos bewarben „Pillen aus reinen Kräutern, ohne Hormone und ohne Nebenwirkungen“ oder empfahlen Tees, die „sehr effektiv dabei helfen, den Harnsäurespiegel auszugleichen“.

Die häufigsten Videoproduzenten waren Betroffene oder deren Angehörige (27 Prozent), gefolgt von Gesundheitsfachleuten (24 Prozent) und Privatpersonen (23 Prozent). Etwa 15 Prozent der Videos wurden von künstlich erzeugten Stimmen präsentiert.

Medizinische Folgen werden unterschätzt

Lediglich neun Videos thematisierten die medizinischen Konsequenzen einer unbehandelten Gicht, darunter Gelenkschäden, Nierenprobleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese Videos erzielten signifikant weniger Aufrufe und Interaktionen als andere Inhalte – ein Hinweis darauf, dass Nutzer praktische Tipps bevorzugen und die Ernsthaftigkeit der Erkrankung möglicherweise unterschätzen.

Gicht betrifft weltweit schätzungsweise 41 Millionen Menschen, jährlich werden etwa sieben Millionen Neudiagnosen gestellt. Trotz der Häufigkeit bleibt die Erkrankung oft schlecht kontrolliert, was die Forscher teilweise auf mangelndes Wissen in der Bevölkerung zurückführen.

Forscher sehen Potenzial für bessere Aufklärung

„TikTok hat großes Potenzial als Werkzeug, um das Bewusstsein für Gesundheitsthemen wie Gicht zu schärfen und Informationen zu verbreiten, die mit klinischen Leitlinien übereinstimmen“, sagte Studienleiterin Samuela 'Ofanoa. „In einer zunehmend digitalen Welt müssen mehr Gesundheitsfachleute und Organisationen die Chance ergreifen, die soziale Medien bieten, um Fehlinformationen entgegenzuwirken.“

Die Studie wurde am 5. Dezember 2024 durchgeführt und vom Health Research Council of New Zealand finanziert. Die Forscher räumen ein, dass die Ergebnisse aufgrund der Beschränkung auf englischsprachige Videos und der Dominanz US-amerikanischer Inhalte nicht vollständig verallgemeinerbar sind.