Gesellschaft

Therians in Argentinien: Warum sich immer mehr Jugendliche als Tiere identifizieren

Ein Social-Media-Trend sorgt in Argentinien für Aufmerksamkeit. Jugendliche treten als Hunde oder Füchse auf – Psychologen sehen meist ein Spiel mit Identität.

Ein Mann fühlt sich als Katze und präsentiert sich so in der Öffentlichkeit.
Ein Mann fühlt sich als Katze und präsentiert sich so in der Öffentlichkeit.David Canales/imago

In einem Park in Buenos Aires (Argentinien) springen Jugendliche über Hindernisse, laufen auf allen vieren oder sitzen mit Tiermasken in Bäumen. Was wie ein Spiel wirkt, ist Teil eines Trends, der nun auch in Argentinien deutlich sichtbar wird: Die Rede ist von sogenannten Therians.

Darunter verstehen sich Menschen, die sich nach eigenen Angaben mental oder emotional mit Tieren identifizieren. Der Begriff selbst ist nicht neu und kursiert seit Jahren in Online-Communities. Neu ist jedoch die Sichtbarkeit, die der Trend zuletzt in sozialen Netzwerken erreicht hat.

„Habe Momente, in denen ich gerne ein Hund bin“

Die 15-jährige Aguara gehört zu den bekanntesten Vertreterinnen der Szene in Argentinien. Sie sagt, sie identifiziere sich als Belgischer Malinois und gebe ihr Alter in Hundejahren mit zwei Jahren und zwei Monaten an. Auf TikTok folgen ihr mehr als 125.000 Menschen. Regelmäßig organisiert sie als Anführerin ihres „Rudels“ Treffen in Buenos Aires.

„Ich wache auf wie ein normaler Mensch und lebe mein Leben wie ein normaler Mensch“, sagte Aguara der Nachrichtenagentur AP. „Ich habe einfach Momente, in denen ich gerne ein Hund bin.“

Videos solcher Treffen verbreiten sich millionenfach. Unter dem Hashtag „therian“ finden sich auf Plattformen wie TikTok weltweit Millionen Beiträge. In Argentinien ist die Beteiligung zuletzt besonders stark gestiegen.

Warum sich der Trend gerade dort so sichtbar entwickelt, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Einige Beteiligte verweisen auf ein offenes gesellschaftliches Klima und die große Bedeutung sozialer Medien für jugendliche Subkulturen. Auch die Möglichkeit, über Plattformen schnell Gleichgesinnte zu finden, spielt eine Rolle.

Ein Mann geht an einer Tierarztpraxis vorbei, die Therians den Zutritt untersagt.
Ein Mann geht an einer Tierarztpraxis vorbei, die Therians den Zutritt untersagt.EZEQUIEL BECERRA/AFP

Nicht alle nehmen die Tieridentität wörtlich

Die Bewegung ist allerdings keineswegs einheitlich. Die 16-jährige Aru, die bei einem Treffen eine Robbenmaske trug, zählt sich zum sogenannten „Otherpaw“-Zweig der Therians. Diese Gruppe trägt Masken oder bewegt sich auf allen vieren – allerdings vor allem aus Spaß. „Es geht nicht unbedingt darum, sich als Tier zu identifizieren“, sagte Aru der AP.

Das Spektrum reicht damit von spielerischer Verkleidung bis zu stärker empfundener Identifikation. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Reaktionen aus. In sozialen Netzwerken reichen sie von Neugier und Humor bis zu Spott und Kritik.

Psychologen ordnen das Phänomen überwiegend als Form symbolischer Identifikation ein. Die argentinische Psychologin Débora Pedace erklärte gegenüber AP, problematisch werde es erst dann, wenn Betroffene dauerhaft glaubten, ein Tier zu sein und sich selbst oder andere gefährdeten. Für viele Jugendliche scheint der Trend vor allem eine soziale Funktion zu erfüllen. Treffen und Online-Communities bieten ihnen Räume, in denen sie sich austauschen und Zugehörigkeit erleben können.