Die Straße von Hormus bleibt auch nach der Waffenruhe ein vom Iran kontrollierter Engpass. Am Mittwoch warnte Irans Küstenwache per Funk, jedes Schiff ohne iranische Erlaubnis werde „angegriffen und zerstört“, wie Reuters unter Berufung auf zwei Reeder meldete. Die Passage blieb von iranischer Genehmigung abhängig.
Reedereien bleiben vorsichtig
Rolf Habben Jansen, der Chef der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, sagte bei einem Kundengespräch, dass eine Rückkehr zum Normalbetrieb sechs bis acht Wochen dauern könne. Die dänische Reederei Maersk erklärte, die Waffenruhe eröffne zwar Möglichkeiten, biete aber noch keine volle maritime Sicherheit. Lars Barstad, Chef der Tankerreederei Frontline, sagte gegenüber Reuters, er wolle zunächst „das Kleingedruckte sehen“. Jakob Larsen, Sicherheitschef des Schifffahrtsverbands Bimco, warnte, dass Schiffe ohne vorherige Abstimmung mit den USA und dem Iran ein erhöhtes Risiko trügen.
Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Engstellen des globalen Energiehandels. Durch die Meerenge zwischen Iran und Oman läuft regelmäßig ein erheblicher Teil des weltweiten Öltransports. Der Krieg begann am 28. Februar mit Angriffen der USA und Israels auf den Iran. Der Iran reagierte mit Attacken auf Israel, US-Stützpunkte und Golfstaaten. Zugleich wurde eine neue Front im Libanon eröffnet. Der Konflikt hat bereits Tausende Todesopfer gefordert. Seit dem 8. April gilt ein zunächst auf zwei Wochen angelegter Waffenstillstand.
Laut Schiffstracking-Daten von MarineTraffic passierten am Mittwoch zwar erstmals wieder einzelne griechische und chinesische Frachter die Meerenge. Doch 187 beladene Tanker mit 172 Millionen Barrel Öl lagen laut der Analysefirma Kpler am Dienstag noch im Persischen Golf. Interesse an neuen Ladungen aus dem Golf zeigten laut Reuters asiatische Raffinerien sowie der Rohstoffhändler Glencore und der französische Ölkonzern TotalEnergies.
Verstoß gegen die freie Schifffahrt
Reuters-Kolumnist Ron Bousso schrieb am Donnerstag, ein iranisches Mautsystem könne Teheran erlauben, politischen Druck auf einzelne Staaten auszuüben – etwa indem es saudische Lieferungen verzögere oder israelische Schiffe ganz blockiere. Für asiatische Abnehmer wie China, Japan, Südkorea und Indien, die stark von Lieferungen aus dem Golf abhängen, würden selbst kleine Störungen rasch auf Raffiniemargen und Gaspreise durchschlagen.
Völkerrechtler sehen in dem Gebührenmodell einen Verstoß gegen das Recht auf freie Durchfahrt. Philippe Delebecque von der Pariser Sorbonne sagte gegenüber AP, wenn die Straße von Hormus gesperrt werden könne, gelte das auch für die Straße von Gibraltar oder die Straße von Malakka. Er nannte ein solches Szenario das Ende einer internationalen Ordnung. Saudi-Arabien begrüßte die Waffenruhe, forderte aber eine Öffnung „ohne jegliche Einschränkungen“.
Eine Ausweichroute unter Beschuss
Während des Krieges hatte der saudische Ölkonzern Saudi Aramco Rohöl über seine Ost-West-Pipeline zum an der saudischen Westküste gelegenen Hafen Yanbu umgeleitet. Laut Kpler exportierte Saudi-Arabien im März rund 3,3 Millionen Barrel pro Tag über Häfen am Roten Meer. Doch auch diese Pipeline wurde laut Reuters nur Stunden nach Verkündung der Waffenruhe von einem iranischen Angriff getroffen, wie aus Industriekreisen verlautete.
Die Öl- und Gasinfrastruktur der Golfstaaten gilt in regionalen Krisen als besonders verwundbar. Angriffe auf Raffinerien, Gasfelder, Häfen oder Exportanlagen können rasch Folgen für Energiepreise, Lieferketten und die Sicherheitslage in der Region haben.


