Eine der größten jemals beobachteten Schimpansengemeinschaften in Uganda hat sich laut einer aktuellen Studie in zwei verfeindete Gruppen aufgespalten, die seither in einen anhaltenden und blutigen Konflikt verwickelt sind. Das berichtet ein internationales Forscherteam um den Anthropologen Aaron Sandel von der University of Texas at Austin in einer am Donnerstag im Fachjournal Science veröffentlichten Studie.
Die sogenannte Ngogo-Gemeinschaft im Kibale-Nationalpark – die mit rund 200 Tieren größte bekannte Gruppe wilder Schimpansen – begann sich demnach ab 2015 in zwei getrennte Lager aufzuteilen. Seit 2018 greifen Mitglieder der kleineren westlichen Gruppe systematisch Angehörige der größeren zentralen Gruppe an. Bis 2024 töteten sie nachweislich mindestens sieben erwachsene Männchen und 17 Jungtiere. Die tatsächliche Opferzahl liegt nach Einschätzung der Forscher vermutlich höher, da weitere 14 jugendliche und erwachsene Männchen der Zentralgruppe in diesem Zeitraum spurlos verschwanden.
Das Forscherteam wertete für die Studie 30 Jahre Beobachtungsdaten, 24 Jahre Netzwerkanalysen und zehn Jahre GPS-basierte Bewegungsdaten aus. Die Ergebnisse zeigen einen schrittweisen Prozess: Zunächst existierten innerhalb der Gesamtgruppe lose Untergruppen, zwischen denen Individuen regelmäßig wechselten. Ab 2015 polarisierte sich das soziale Netzwerk abrupt, die räumliche Überlappung nahm ab, und ab 2018 waren zwei vollständig getrennte Gruppen erkennbar – sozial, räumlich und reproduktiv isoliert voneinander.
Ehemalige Verbündete wurden zu Feinden
Der Primatologe John Mitani von der University of Michigan, Mitbegründer des Ngogo-Schimpansenprojekts, erlebte den Beginn der Spaltung am 25. Juni 2015 selbst mit: Zwei Teilgruppen trafen aufeinander, und statt der üblichen friedlichen Begrüßung brach Chaos aus. „Es brach die Hölle los“, sagte Mitani der New York Times. Die westlichen Schimpansen flohen, die zentralen verfolgten sie.
Was den Konflikt von gewöhnlichen Revierkämpfen zwischen fremden Schimpansengruppen unterscheidet, ist laut den Forschern die Tatsache, dass sich die Kontrahenten jahrelang kannten. „Diese Schimpansen haben zusammen gelebt, sich gegenseitig gelaust, gemeinsam gejagt und Grenzpatrouillen durchgeführt“, erklärte Sandel. „Und dann wurde der Freund von gestern zum Feind von heute“, ergänzte Mitani.
Bemerkenswert ist zudem, dass sämtliche beobachteten tödlichen Angriffe von der zahlenmäßig kleineren Westgruppe ausgingen – ein Befund, der gängigen Modellen widerspricht, wonach größere Gruppen im Vorteil sein sollten. Die Forscher vermuten, dass der stärkere innere Zusammenhalt der Westgruppe, die sich um einen Kern von drei eng verbundenen Männchen gebildet hatte, den numerischen Nachteil wettmachte.
Forscher identifizieren mögliche Auslöser der Spaltung
Was genau die Spaltung verursachte, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Forscher identifizieren mehrere mögliche Faktoren: Die ungewöhnliche Gruppengröße von fast 200 Tieren könnte die Kapazität zur Aufrechterhaltung sozialer Bindungen überstrapaziert haben. Im Jahr 2014 starben fünf erwachsene Männchen – möglicherweise durch Krankheit –, was wichtige soziale Brücken zwischen den Untergruppen zerstört haben könnte. Ein Wechsel des ranghöchsten Männchens im Jahr 2015 und eine Atemwegserkrankung, die 2017 insgesamt 25 Schimpansen tötete, könnten die Trennung beschleunigt haben.
Die Zoologin Liran Samuni vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, die nicht an der Studie beteiligt war, wies gegenüber dem Wissenschaftsportan Live Science darauf hin, dass die Ngogo-Gemeinschaft schon vor der Spaltung als besonders aggressiv galt. Zwischen 1998 und 2008 hatten die Ngogo-Schimpansen mindestens 21 Tiere aus Nachbargruppen getötet und deren Territorium übernommen.
Was der Konflikt über menschliche Kriege verraten könnte
Die Studie hat nach Ansicht der Forscher auch Relevanz für das Verständnis menschlicher Konflikte. Eine verbreitete Theorie besagt, dass kulturelle Merkmale wie Religion, Ethnie oder politische Ideologie nötig sind, um Gruppenidentitäten zu formen und Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden zu motivieren. Die Ngogo-Beobachtungen stützen dagegen eine alternative Hypothese: Allein die Veränderung sozialer Beziehungen kann ausreichen, um eine Gemeinschaft zu spalten und kollektive Gewalt auszulösen – ganz ohne kulturelle Markierungen.
„Diese Ergebnisse sagen uns, dass bürgerkriegsähnliche Konflikte im Verlauf der menschlichen Evolution möglich waren“, sagte der Primatologe Sylvain Lemoine von der University of Cambridge der New York Times.
James Brooks vom Deutschen Primatenzentrum betonte allerdings in einem begleitenden Kommentar in Science, dass Gewalt nicht biologisch vorbestimmt sei. Er verwies auf Bonobos – die neben Schimpansen nächsten Verwandten des Menschen –, die zwar ebenfalls aggressiv seien, aber keine tödlichen Gruppenkonflikte führten, sondern tolerante, kooperative Beziehungen zwischen Gruppen pflegten. „Unsere evolutionäre Vergangenheit bestimmt nicht unsere Zukunft“, sagte Brooks.



