Die militärische Konfrontation zwischen Pakistan und Afghanistan hat am Sonntag eine neue Dimension erreicht: Afghanische Regierungsvertreter erklärten, pakistanische Kampfjets hätten versucht, die Luftwaffenbasis Bagram zu bombardieren – jenen Stützpunkt, der zwei Jahrzehnte lang das Zentrum des amerikanischen Militäreinsatzes in Afghanistan war und den US-Präsident Donald Trump zurückgewinnen will.
„Heute Morgen gegen 5 Uhr haben mehrere Kampfjets des pakistanischen Militärregimes versucht, eine Bombardierung im Luftraum der Luftwaffenbasis Bagram durchzuführen“, erklärte Fazal Rahim Meskinyar, Sprecher der Polizei der Provinz Parwan, in der sich Bagram befindet. Afghanische Flugabwehrwaffen hätten die Raketen abgewehrt, Opfer seien nicht gemeldet worden.
Ein Sprecher der Taliban-Regierung, Hamdullah Fitrat, sowie das afghanische Verteidigungsministerium bestätigten am Sonntagabend eine „Luftaggression“ gegen die Basis, machten jedoch keine Angaben zu möglichen Schäden. Pakistanische Militärvertreter reagierten laut der New York Times nicht auf Anfragen.
Widersprüchliche Darstellungen zum Ausmaß
Ob der Angriff tatsächlich abgewehrt wurde oder Bagram getroffen hat, bleibt strittig. Der afghanische Sender Amu TV berichtete, drei pakistanische Flugzeuge hätten die Basis bereits in der Nacht zum 28. Februar getroffen; Anwohner hätten Explosionen gehört. Pakistans Informationsminister erklärte seinerseits, seit Beginn der Offensive seien 46 Ziele in Afghanistan getroffen worden – „einschließlich Bagram“. Taliban-Vertreter und der Direktor der afghanischen Fluglinie Bakht ur-Rahman Sharafat widersprachen dem auf sozialen Medien: „Wir haben weder Waffen noch Streitkräfte in Bagram.“
Die pakistanische Zeitung Dawn berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise, die jüngsten Luftschläge seien „präzisionsgesteuert“ gewesen und hätten sich gegen „terroristische Infrastruktur“ gerichtet. Eine offizielle Bestätigung eines direkten Angriffs auf Bagram blieb aus Islamabad jedoch aus.
Bagram: Mehr Symbol als Festung
Bagram liegt rund 40 Kilometer nördlich von Kabul und verfügt über zwei massive Start- und Landebahnen, von denen eine mit rund 3600 Metern die längste Afghanistans ist – ausgelegt für schwere Kampf- und Transportflugzeuge. Seit der Machtübernahme 2021 nutzen die Taliban die Basis vor allem für symbolische Militärparaden zum Jahrestag ihres Sieges. Militäranalysten bezweifeln, dass die Taliban dort derzeit über relevante Luftkapazitäten verfügen.
Politisch ist die Basis dennoch hochbrisant: Trump hat seit seiner Rückkehr ins Amt 2025 mehrfach erklärt, die Aufgabe Bagrams sei ein Fehler gewesen. „Wir versuchen, es zurückzubekommen, weil sie Dinge von uns brauchen“, sagte er im September. Bagram sei strategisch relevant, weil es „eine Stunde von dem Ort entfernt liegt, an dem China seine Atomwaffen herstellt“. Die Taliban-Regierung hat dieses Ansinnen bislang zurückgewiesen. Die BBC wies darauf hin, dass ein Angriff auf Bagram daher auch als geopolitisches Signal in Richtung Washington interpretiert werden könne.
Offener Krieg ohne erkennbares Ziel
Der versuchte Angriff auf Bagram markiert eine Eskalation innerhalb einer seit Tagen andauernden pakistanischen Militäroffensive. Pakistans Armee hat Dutzende kleinere afghanische Militärbasen, Munitionslager und Außenposten angegriffen und erklärt, sich im „offenen Krieg“ gegen die Taliban-Regierung zu befinden. Bis Sonntag hatten die Angriffe jedoch keine größere Infrastruktur und nichts von vergleichbarer symbolischer Tragweite wie Bagram zum Ziel gehabt.
Pakistan begründet die Offensive mit der Unterstützung der Taliban-Regierung für die Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), eine militante Gruppe, die in den vergangenen Jahren Hunderte pakistanische Sicherheitskräfte getötet hat. Die afghanische Regierung weist diese Vorwürfe offiziell zurück, räumt jedoch informell die Präsenz von TTP-Kämpfern auf afghanischem Boden ein.
Auch Angriffe auf Ziele in Kabul
Am Sonntag flog Pakistan auch Luftangriffe auf Kabul selbst. Eine laute Explosion erschütterte die Sechs-Millionen-Stadt, als die Bewohner ihr tägliches Ramadan-Fasten begannen. Am Sonntagabend war in der Innenstadt schweres Flugabwehrfeuer zu hören. Aufrufe von Nachbarstaaten, darunter China und Golfstaaten, während des Ramadan eine Waffenruhe einzuhalten, blieben von beiden Seiten unbeachtet.
Afghanistan reagierte seinerseits mit Angriffen auf pakistanische Posten entlang der rund 2600 Kilometer langen gemeinsamen Grenze, unter anderem in den Provinzen Nangarhar, Paktia, Khost und Kandahar, und meldete den Abschuss pakistanischer Drohnen sowie hohe Verluste auf pakistanischer Seite – Zahlen, die Islamabad bestreitet.
Analysten sehen keine klare Strategie Pakistans
Obwohl Pakistans Militär dem afghanischen weit überlegen ist, stellen Beobachter die strategische Logik der Offensive infrage. „Pakistan hat die Kapazität für Luftangriffe, aber wohin führt das?“, sagte Ayesha Siddiqa, pakistanische Militäranalystin und Senior Fellow am King’s College London, in einem Telefoninterview mit der New York Times. „Geht es darum, die Afghanen zur Übergabe von Bagram zu zwingen? Es scheint kein erkennbares Endziel zu geben.“
