Ölkrise

Nordsee-Rohöl so teuer wie nie – Waffenruhe entlastet den Markt nicht

Angriffe auf saudische Anlagen und die Lage in der Straße von Hormus treiben die Preise am Öl-Markt weiter nach oben. Raffinerien sichern sich Ladungen zu Rekordpreisen.

In der Versorgungskrise rückt die Nordsee für den Ölhandel in den Fokus.
In der Versorgungskrise rückt die Nordsee für den Ölhandel in den Fokus.Jörg&Nicole Krauthöfer/imago

Der Preis für Nordsee-Rohöl der Sorte Forties Blend ist am Donnerstag laut einem Bericht der Financial Times auf knapp 147 US-Dollar pro Barrel gestiegen. Das Blatt berief sich auf Daten des Finanzdienstleisters LSEG. Demnach wäre das der höchste je für diese Sorte gezahlte Preis. Der bisherige Höchststand stammte aus der Zeit unmittelbar vor der Finanzkrise 2008.

Der Rekord steht im Kontrast zum Terminmarkt, auf dem Öl für spätere Lieferung gehandelt wird: Die Brent-Futures für Juni notierten bei rund 97 Dollar je Barrel, nachdem sie am Mittwoch um 13 Prozent eingebrochen waren. Auslöser war die am Dienstag von Pakistan vermittelte zweiwöchige Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran. An den Terminmärkten setzten Anleger darauf, dass die Straße von Hormus bald wieder geöffnet wird. Doch der Iran blockiert sie weiterhin.

Die Ölpreise steuern trotz leichter Gewinne am Freitag auf den stärksten Wochenrückgang seit Juni zu. Brent kostete laut Reuters zuletzt rund 96,5 US-Dollar je Barrel, US-Öl der Sorte WTI etwa 98,5 US-Dollar. Auf Wochensicht haben beide Sorten rund 11 bis 12 Prozent verloren.

Auf dem physischen Markt, auf dem tatsächliche Ölladungen gehandelt werden, zogen die Preise dagegen weiter an. Laut Reuters erreichte Forties Blend am Mittwoch eine Rekordprämie von 20,25 Dollar über dem Referenzpreis Dated Brent. Auch die Nordsee-Sorten Brent, Oseberg, Ekofisk und Troll wurden zu neuen Höchstaufschlägen gehandelt. Europäische und asiatische Raffinerien sicherten sich verstärkt Ladungen außerhalb des Nahen Ostens.

Analysten rechnen mit monatelanger Störung

Am Freitag stiegen die Preise, nachdem die saudische staatliche Nachrichtenagentur SPA am Donnerstag berichtet hatte, dass Angriffe auf saudische Energieanlagen die Ölförderkapazität beeinträchtigt hatten.

Die Förderkapazität des Königreichs sank demnach um 600.000 Barrel pro Tag – das entspricht rund fünf Prozent der normalen saudischen Kapazität von zwölf Millionen Barrel pro Tag. Betroffen waren nach Angaben des saudischen Energieministeriums die Förderfelder Khurais und Manifa. Der Durchsatz der Ost-West-Pipeline, einer wichtigen Alternativroute zur Straße von Hormus, fiel um rund 700.000 Barrel pro Tag.

Neil Crosby, Analyst bei Sparta Commodities, einem Anbieter von Marktdaten und Analysen für den Ölhandel, sagte Reuters, es werde Monate dauern, bis die Lieferkette wiederhergestellt sei. Die Beratungsfirma Energy Aspects erklärte, Anlagenbetreiber würden wegen des Risikos erneuter Kampfhandlungen weder Raffinerien noch Förderanlagen wieder hochfahren.

Insgesamt wurden laut JPMorgan seit Beginn des Konflikts am 28. Februar rund 50 Infrastrukturanlagen im Golf durch Drohnen- und Raketenangriffe beschädigt. Etwa 2,4 Millionen Barrel pro Tag an Raffineriekapazität seien stillgelegt worden.

Straße von Hormus bleibt nahezu gesperrt

Durch die Meerenge wurden vor dem Konflikt rund 20 Prozent des weltweiten Ölangebots transportiert. Laut Goldman Sachs flossen am Donnerstag nur acht Prozent des üblichen Volumens. Teheran lässt Schiffe nur eingeschränkt passieren und bringt Transitgebühren ins Spiel. Die UN-Schifffahrtsorganisation lehnt Transitgebühren für die Passage ab.

John Paisie, Präsident der Energieberatung Stratas Advisors, sagte Reuters, Brent könne auf 190 Dollar steigen, sollte der Schiffsverkehr auf dem aktuellen Niveau verharren. Dennis Kissler, Vizepräsident der Handelsabteilung von BOK Financial, warnte laut Financial Times, die Knappheit am physischen Markt werde anhalten, bis Schiffe wieder durch die Straße von Hormus fahren. Selbst nach einer Öffnung werde es 20 Tage dauern, die logistischen Probleme zu beheben.