Nur wenige Wochen nachdem ein KI-Werkzeug für juristische Aufgaben einen massiven Kursrutsch bei Softwareaktien ausgelöst hatte, hat das KI-Unternehmen Anthropic zehn neue Plug-ins für Geschäftskunden vorgestellt. Die Erweiterungen zielen auf Kernbereiche wie Investmentbanking, Vermögensverwaltung, Personalwesen und Ingenieurwesen ab, wie etwa die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg berichten.
Die am Dienstag bei einer Livestream-Veranstaltung präsentierten Agenten sollen unter anderem bei der Prüfung von Geschäftsabschlüssen, der Portfolioanalyse und der Erstellung von Onboarding-Materialien für neue Mitarbeitende helfen. Ein Großteil der neuen Angebote richtet sich gezielt an die Finanzbranche – mit Plug-ins für Finanzanalyse, Aktienresearch, Private Equity und Wealth Management.
Anthropic entwickelte die Plug-ins gemeinsam mit Partnern wie dem Finanzdatenanbieter FactSet, der London Stock Exchange Group (LSEG), Salesforces Kommunikationsplattform Slack und dem Vertragsmanagement-Dienst DocuSign.
Die Ankündigung bewegte die Märkte: FactSet-Aktien stiegen um fünf Prozent, DocuSign um knapp sechs Prozent, Salesforce um vier Prozent. S&P Global und Moody's legten jeweils mindestens zwei Prozent zu. Auch Spotify-Aktien sprangen kurzzeitig um drei Prozent nach oben, nachdem das Unternehmen während der Veranstaltung erwähnt wurde, wie Bloomberg berichtet. Kurz darauf rutschten die Zahlen jedoch wieder nach unten.
Erinnerungen an den Kursrutsch bei Softwareaktien
Die neuen Produkte kommen zu einem heiklen Zeitpunkt. Im vergangenen Monat hatte Anthropic ein juristisches Plug-in veröffentlicht, das innerhalb von sechs Handelstagen einen weltweiten Ausverkauf bei Software- und Dienstleistungsaktien im Umfang von rund 830 Milliarden US-Dollar auslöste.
Investoren befürchteten, dass KI-gestützte Automatisierung ganze Geschäftsmodelle überflüssig machen könnte. Zusätzlich belastete eine aktualisierte Version des Opus-Modells, die auf komplexere Finanzrecherchen ausgelegt ist, die Kurse von Finanzdienstleistern.
Scott White, Anthropics Produktchef für Unternehmenskunden, bezeichnete es im Interview mit Reuters als „etwas übertrieben“, einzelne Marktbewegungen mit einer Produktveröffentlichung zu verknüpfen. Ziel sei es, bessere Ergebnisse für Kunden zu liefern, nicht sie zu ersetzen. „Wir stellen Infrastruktur und Intelligenz bereit, damit unsere Partner ihr Fachwissen und ihre Kundenbeziehungen einbringen können“, sagte White.
Als konkretes Anwendungsbeispiel nannte Anthropic den Pharmakonzern Novo Nordisk: Dort wurde ein maßgeschneidertes Werkzeug für klinische Studienberichte entwickelt – Dokumente von bis zu 300 Seiten, die von Aufsichtsbehörden für neue Medikamente verlangt werden. Ein solcher Bericht dauerte bislang rund zehn Wochen; mit dem neuen System soll er in zehn Minuten fertig sein.
Anthropic: Claude kommt bei Hälfte der US-Jobs zum Einsatz
Anthropic, das von Google und Amazon finanziert wird und zuletzt mit 380 Milliarden US-Dollar bewertet wurde, hat nach eigenen Angaben mehr als 300.000 Geschäftskunden. Laut Peter McCrory, Anthropics Chefökonom, werde Claude inzwischen bei der Hälfte aller US-Berufe für mindestens ein Viertel der Aufgaben eingesetzt – vor einem Jahr war es noch ein Drittel.


